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Alle Fotos (14)Biografie
Lina Carstens wurde am 6. Dezember 1892 in Wiesbaden geboren. Bereits während ihrer Zeit an einer höheren Mädchenschule in Wiesbaden nahm sie Schauspielunterricht bei Hans Oberländer, der damals Regisseur am Königlichen Schauspiel Wiesbaden war. Ihr erstes Engagement hatte Carstens von 1911 bis 1915 am Hoftheater Karlsruhe, gefolgt vom Leipziger Schauspielhaus (ab 1915) und dem Städtischen Theater Leipzig (1927-1942).
Während ihrer Leipziger Zeit übernahm sie zudem Gastspiele am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (1919/20) und am Leipziger Kabarett Retorte (1921). 1926/27 war sie an den Münchner Kammerspielen engagiert, von 1937 bis 1944 an der Volksbühne Berlin. Am Theater besetzte man Carstens in erste Linie in resoluten, aber auch gewitzten Frauenrollen wie Marthe Rull in "Der zerbrochne Krug", Mutter Wolffen in "Der Biberpelz" und Charis in "Amphitryon".
Neben der Bühnenarbeit war Carstens ab den 1920er-Jahren auch als Rezitatorin im Hörfunk und bei der Radiobühne tätig – ein Format, aus dem sich die Gattung des Hörspiels entwickelte.
Nachdem Carstens in den 1920er-Jahren sehr vereinzelt in Filmen mitgewirkt hatte, übernahm sie ab 1935 regelmäßig Leinwandrollen – zunächst vor allem unter der Regie von Detlef Sierck (später: Douglas Sirk), der ihr langjähriger Schauspieldirektor in Leipzig gewesen war. In Siercks Verwechslungskomödie "April, April!" (1935) war sie die Ehefrau eines vermögenden Nudelfabrikanten, in dem Drama "Das Mädchen vom Moorhof " (1935) die Mutter der Hauptfigur, einer jungen Magd, in dem Melodram "Zu neuen Ufern" eine Bänkelsängerin. Gustav Ucicky besetzte sie in "Der zerbrochene Krug" (1937) erneut als Marthe Bull, für Carl Froelich spielte sie in dem Gesellschaftsdrama "Heimat" (1937) eine gutherzige Tante.
Im weiteren Verlauf der NS-Zeit wirkte Carstens in Haupt- und Nebenrollen in einer Reihe erfolgreicher Filme mit, zum Beispiel als Kioskbesitzerin in Georg Jacobys Krimi "Großalarm" (1938), als Mutter der Hauptfigur in Karl Ritters musikalischer Romanze "Bal paré" (1940) und als gutherzige Tante in Carl Froelichs historischer Liebeskomödie "Hochzeit auf Bärenhof" (1942).
Wenngleich Carstens keine politischen Aktivitäten im Sinne der NS-Ideologie verfolgte, wurde sie 1939 anlässlich des 50. Geburtstages von Adolf Hitler zur Staatsschauspielerin ernannt; spätestens 1944 wurde sie in die "Gottbegnadeten-Liste" des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda aufgenommen.
Dennoch konnte sie nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der NS-Diktatur ihre Karriere nahtlos fortsetzen: Die Alliierten stuften Carstens im Zuge der Entnazifizierung als unbelastet und künstlerisch weiter einsetzbar ein. So spielte sie 1945 am Theater Koblenz die Titelrolle in Bertolt Brechts "Mutter Courage", der ersten Aufführung des Stücks auf einer deutschen Bühne. Es folgte ein Engagement am Stuttgarter Neuen Theater, von wo sie aber im März 1949 wegen künstlerischer Differenzen ans Bayerische Staatstheater in München wechselte (bis 1958).
Parallel zu diesem Wechsel nach München sah man Carstens ab 1949 auch wieder auf der Kinoleinwand – meist in Nebenrollen als Mutter, Haushälterin, Zimmerwirtin oder Krankenschwester, wobei sie diese Figuren stets mit der für Carstens typischen Tatkraft und gesundem Selbstbewusstsein ausstattete. Bis 1962 wirkte sie in einer Vielzahl populärer Unterhaltungsfilme mit, etwa als amerikanische Millionärin in "Fanfaren der Ehe" (1953), als Oberschwester in "Sauerbruch - Das war mein Leben" (1954), als Tante in "Heute heiratet mein Mann" (1956), als Bäuerin in "Wir Wunderkinder" (1958) und als treue Haushälterin von Heinz Rühmann in dem Pater-Brown-Krimi "Er kann's nicht lassen" (1962).
Ab 1963 und bis Ende der 1970er-Jahre wirkte Carstens fast ausschließlich in zahlreichen TV-Produktionen mit, zum Beispiel als Martin Luthers Mutter in "Der arme Mann Luther" (1965, Regie: Franz Peter Wirth), als Tante Polly in "Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer" (1968, Regie: Wolfgang Liebeneiner) und als Großmutter in "Der Räuber Hotzenplotz" (1974), an der Seite von Gert Fröbe. Daneben war Carstens seit jeher auch als Hörfunk- und Synchronsprecherin tätig.
1972 wurde sie beim Deutschen Filmpreis mit einem Ehrenpreis für "langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film" gewürdigt. 1974 folgte das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.
Ihre wohl berühmteste Rolle spielte Lina Carstens ironischerweise erst gegen Ende ihrer Karriere, 1975 in "Lina Braake oder Die Interessen der Bank können nicht die Interessen sein, die Lina Braake hat": In der Regie von Bernhard Sinkel verkörperte sie in der bissigen Sozialkomödie die Titelrolle der 81-jährigen Lina Braake, die nach erlittenem Unrecht mit Witz und List eine Bank austrickst. Im Forum der Berlinale 1975 wurde der Film mit dem Interfilm-Preis ausgezeichnet. Beim Deutschen Filmpreis 1975 erhielt er die Auszeichnung als Bester Spielfilm (Filmpreis in Silber) und Lina Carstens den Filmpreis in Gold als Beste Darstellerin.
Ihre letzte Kinorolle spielte Lina Carstens 1977 als Trin Jans in Alfred Weidenmanns Verfilmung von "Der Schimmelreiter", die im März 1978 startete.
Einige Monate später, am 22. September 1978, starb Lina Carstens mit 85 Jahren in München. Von 1941 bis zu seinem Tod im Jahr 1970 war sie mit dem Autor Otto Ernst Sutter verheiratet.