Martin Weiser: Medizinische Kinematographie (1919)

Quelle_ Jeanpaul Goergen
Buchcover

Als der 1882 geborene Martin Weiser sein Sachbuch "Medizinische Kinematographie" schrieb – das Vorwort ist auf den 1. Januar 1919 datiert – war er Stabsarzt und fachärztlicher Beirat für Röntgenologie beim XII. Armeekorps Dresden. Ab 1921 finden wir ihn als Privatdozent für Röntgenkunde an der tierärztlichen Hochschule in Dresden, 1923 legte er das erste Buch über Röntgendiagnostik in der Veterinärmedizin vor. 1927 war er Privatdozent an der veterinärmedizinischen Fakultät zu Leipzig und Professor für Radiologie an der Universität zu Bogota in Kolumbien. Gesicherte Daten zu seinem Lebensweg und seinem wissenschaftlichen Oeuvre sind allerdings rar.

Weiser versteht sein Buch sowohl als Einführung in die Filmtechnik, sofern sie für die Medizin von Interesse ist, als auch als Zusammenstellung dessen, was bisher auf dem Gebiet der medizinischen Kinematographie publiziert wurde. Nach einem Überblick über die Vorläufer des Kinematographen stellt er Aufnahme und Verarbeitung von Filmaufnahmen vor und geht auf die Mikro-, Röntgen-, Hochfrequenz- sowie die Funkenkinematographie ein. (S. 7-87) Die weiteren Kapitel beschäftigen sich mit der allgemeinen (S. 88-102) und der speziellen medizinischen Kinematographie (S. 103-149). Jedem Kapitel sind ausführliche, zum Teil kommentierte Literaturangaben beigegeben. Zwei Nachträge (zur Gynäkologie und mit neuer Literatur) sowie ein Autoren-Verzeichnis beschließen den Band.

Bis heute, so Weiser in seiner Einleitung, sei die medizinische Kinematographie nur "amateurmäßig und sporadisch" betrieben worden. (S. 1) Er führt die Gehälter von Kameramännern an – 500 Mark pro Aufnahmetag, 250 Mk. für jeden Reisetag – um aufzuzeigen, dass gute Ergebnisse nur durch Professionalisierung zu erreichen seien. Er erwähnt eigene Bemühungen, in Leipzig oder Dresden ein privates Institut zu etablieren, das als Archiv und Verleih von medizinischen Filmen fungieren sollte. Der Krieg habe diesen Plan in den Hintergrund gedrängt; er sei zudem durch die Gründung der Zentralstelle für medizinische Kinematographie in Berlin überholt. Nicht zuletzt habe die Ufa begonnen, mit ihrer Kulturabteilung sowie unter Mitarbeit von Prof. [Kurt] Adam und Dr. [Alexander] von Rothe die Entwicklung der medizinischen Kinematographie zu fördern (S.4f)

Bemerkenswert ist, dass Weiser auf die Einloch-Kamera eingeht, die um 1900 von den Ernemann-Werken herausgebracht wurde; sie verwendete den 17,5mm breiten Film mit Mittelperforation. Zwischen 1903 und 1910 hätten Prof. Ernst von Bergmann (Unterschenkelamputation) und der französische Arzt Eugène-Louis Doyen Aufnahmen mit einer Einloch-Kamera angefertigt. Weiser berichtet zudem, dass er mit dem Kinox, dem dazu gehörenden Kleinprojektor, unterhaltsame Vorführungen in einem Fronttheater veranstaltet habe. Er rät jedem, der sich mit medizinischen Aufnahmen beschäftigt, die Anschaffung eines Kinox. (S. 22-26)

Bei der Anfertigung medizinischer Aufnahmen seien die Raumfrage (Anmietung eines Filmstudios oder eines kleinen Fotografenateliers) und das Engagement eines guten Kameramannes zu beachten. Im Dezember 1918 habe er mit einer Filmproduktion folgende Vereinbarung für medizinische Aufnahmen getroffen: "Die Fabrik lässt mit einem vorzüglichen Aufnahmeapparat von einem bewährten Aufnahmeoperateur in ihrem Kunstlicht-Atelier die Aufnahme fertigen und bekommt für das fertige Positiv einschließlich der Filmtitel Mk. 3,50 pro Meter." (S. 58f) Weiser plädiert für den Einsatz von erklärenden Zwischentiteln. Auf einer Kriegsbeschädigten-Ausstellung habe er den Film "Die Heilung von Kriegs-Neurotikern" gesehen, der zwar zahlreiche Beispiele von Kriegs-Neurosen und die bekanntesten Heilungsmethoden vorgestellt, aber gänzlich auf Zwischentitel verzichtet habe, so dass die Aufnahmen sogar für Ärzte nur schwer verständlich waren. "Das Rätselraten muss wegfallen!" (S. 61)

Nach einem Plädoyer für den Einsatz der Kinematographie im Unterricht und in der Forschung diskutiert er die Frage eines diesbezüglichen Filmarchivs. Das Kaiser Friedrich-Haus für das ärztliche Fortbildungswesen in Berlin habe eine Sammlung. Auch das Bild- und Filmamt, die Ufa, die Ernemann-Werke und das Hygiene-Museum in Dresden verwahrten medizinische Filme. Diese seien in der Tat längerfristig haltbar. Die Loslösung der Schicht – ursprünglich ein größeres Problem – sei behoben worden. Weiser gibt an, bei Ernemann zwölf und 16 Jahre alte Filme gesichtet zu haben und sowohl die Negative als auch die Positive seien in einem recht guten Zustand und gut kopier- und vorführfähig gewesen. (S. 93f)

Neben einer Zitatsammlung zum Thema medizinische Kinematographie und einer kommentierten Bibliografie führt Weise auch eine Reihe von Aufführungen von medizinischen Filmen von 1907 bis 1910 an. Anschließend stellt er im Kapitel über "spezielle medizinische Kinematographie" Arbeiten aus den verschiedensten Bereichen wie Anatomie, Pathologie, Chirurgie, Gynäkologie sowie der Neurologie und Psychiatrie vor. Von allgemeinerem Interesse dürften seine Ausführungen über populärwissenschaftliche Hygienefilme sein. Hier hebt er besonders den Film "Die Schutzpockenimpfung" (1914) der Heinrich Ernemann AG hervor. (S. 137-140) 

Im Kapitel über Militärmedizin gibt Weiser an, während des Krieges selbst eine Reihe militär-medizinischer Aufnahmen angefertigt zu haben. Ausführlich beschreibt er seinen Film "Wie für das Wohl der Soldaten im Felde gesorgt wird – Ein Erholungstag für unsere Mannschaften", der sich aber filmografisch nicht nachweisen lässt. Abschließend kommentiert er eine Reihe von medizinischen Filmen aus dem Bereich der Kriegsbeschädigtenfürsorge, die er selbst kenne, darunter "Ausbildung der Füße als Hände" mit dem armlosen Künstler Carl Hermann Unthan sowie "Zurück zur Scholle" über Kriegsbeschädigte und Landwirtschaft.

Dr. Paul Ritter von Schrott – Autor eines in mehreren Auflagen erschienenen "Leitfaden für Kinooperateure und Kinobesitzer"  führte in seiner Besprechung zwar eine Reihe von Unrichtigkeiten an, empfahl das Buch aber dennoch als eine "wertvolle Bereicherung" der Kinoliteratur.

Literatur:
W-ss., in: Die photographische Industrie, Nr. 9. 26.2.1919, S. 110; auch in: Photographie für Alle, Nr. 7/8, April 1919, S. 71-72
Dr. [Paul Ritter von] Schrott, in: Photographische Korrespondenz, Nr. 707, 1919, S. 237
W[illy] Merté, in: Die Naturwissenschaften, Nr., 43.7.1919, S. 479
N.N., in: Wiener klinische Wochenschrift, Nr. 37, 11.9.1919
N.N., in: LichtBildBühne, Nr. 45, 8.11.1919
N.N., in: Der Film Nr. 13, 1919, S. 55

Jeanpaul Goergen (Januar 2026)

Martin Weiser: Medizinische Kinematographie. Dresden, Leipzig: Verlag von Theodor Steinkopff 1919, 154 Seiten, 24 Abbildungen
Traub/Lavies: 1700
dnb: https://d-nb.info/578280647
Online: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:15-0011-145823