Fontane Effi Briest

BR Deutschland 1972-1974 Spielfilm

Inhalt

Die 17-jährige Effi Briest (Hanna Schygulla) wird mit dem 20 Jahre älteren Baron Geert von Innstetten (Wolfgang Schenck) verheiratet. Effi fühlt sich in ihrer neuen Heimat, einem kleinen Ostsee-Badeort, einsam. Sie ist unglücklich, ohne es sich immer ganz einzugestehen, weil sie sich von ihrem prinzipientreuen und ehrgeizigen Mann, trotz erwiesener Zuneigung, nicht wirklich geliebt weiß. Zunächst nur Abwechslung, dann Verwirrung, bringt die Bekanntschaft mit dem neuen Bezirkskommandeur Major Crampas (Ulli Lommel), dem auch ihr Mann sich freundschaftlich verbunden fühlt. Zwischen Effi und Crampas entwickelt sich eine zwischen Tändelei und Leidenschaft pendelnde Beziehung, die mit dem Umzug der Familie Innstetten nach Berlin endet.

Innstetten entdeckt nach sechs Jahren zufällig jene frühere Beziehung zwischen Crampas und seiner Frau. Er fordert Crampas zum Duell und tötet ihn. Er verstößt Effi, behält aber die Tochter Annie und erzieht sie in einer Art Abwehr gegen ihre Mutter. Effis Lebenswillen und Lebenskraft sind gebrochen, nach etwa einem Jahr stirbt sie.

Nutzung mit freundlicher Genehmigung von Wilhelm Roth.

 

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Falk Schwarz
Auch Geduld ist endlich
Weiter können zwei Literaturverfilmungen nicht auseinanderliegen wie die Effi-Verfilmungen von Jugert und Fassbinder. Jugert setzt auf Farbe, Fassbinder auf körniges schwarz-weiß, Jugert lässt die Nordsee aufbrausen, Fassbinder geht an die müde plätschernde Ostsee, Jugert verguckt sich in die Krampers-Affäre, Fassbinder interessiert sie nur am Rande. Fassbinder tut alles, um seine Zuschauer auf Distanz zu halten. Die Szenen sind kurz, Dialoge nicht zuende gesprochen, der gelesene Kommentar verhält sich dialektisch zum Bild, Zwischentitel wie aus der Stummfilmzeit schaffen Abstand, Weißblenden und Schwarzblenden zerteilen den Film. Fassbinder bleibt dicht an Fontane und seinem Roman und entwirft Bilder, die oftmals nur als Anregung für die eigene Fantasie gedacht sein können. Effi trägt oft einen Schleier, der sie verbirgt und doch zeigt. Kunstvoll verwendet Fassbinder Spiegel, in denen Effi immer wieder wie gerahmt erscheint, so als wäre sie lebendig bereits ein Abbild ihrer selbst - ein Indiz für den hoch- artifiziellen Stil dieses Films. Hanna Schygulla gibt dieser Effi das Kindlich-Verträumte, das Noch-nicht-Fertige, das Suchen. Die Gesichter der Darsteller neben ihr entstammen der bekannten Fassbinder-Kernmannschaft: Irm Hermann als Johanna ist viel zu streng, viel zu sehr ihrer Herrin überlegen, Karlheinz Böhm als Geheimrat Wüllersdorf mit allen Insignien des klugen Beraters (während er den langsamen Satz der Mondscheinsonate spielt), Hark Bohm schließlich als gehemmter Apotheker Grieshübler. Ihre Stimmen werden teilweise synchronisiert, was die Distanz zum Zuschauer noch weiter erhöht. Erst ganz zum Schluss schreit Effi ihre ganze Verzweiflung über ihr Leben heraus (fotografiert in einer Nahaufnahme mit einem Gitter als Verfremdung). So war der Instetten - „frostig wie ein Schneemann“. Gift für eine zarte junge Frau. - Heute, 40 Jahre nach der Premiere, stellt dieser Film bei aller Hochachtung für Fassbinder die Geduld seiner Zuschauer in langen 135 Minuten auf eine harte Probe.
Heinz17herne
Heinz17herne
Rainer Werner Fassbinders hochkarätig besetzter Film trägt nicht nur den Titel „Fontane Effi Briest“, der unterstreicht, dass es sich bei ihm bewusst nicht um eine Verfilmung des von 1889 bis 1894 geschriebenen Romans handelt, sondern auch noch folgenden Zusatz: „Oder: Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen und dennoch das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigten und durchaus bestätigen.“ Noch Wolfgang Luderers Defa-Verfilmung 1968 mit Angelica Domröse in der Titelrolle hatte die gesellschaftlichen Bedingungen für Effis Verhalten und das finale Duell gegeißelt mit dem klaren Verweis darauf, dass die sozialistische Gesellschaft der DDR humane Menschen heranbildet, die keinen preußischen Ehrenkodex der Art des Barons von Innstetten benötigen, um mit sich und der Welt in Einklang leben zu können.

Fassbinder und seine Kameraleute Dietrich Lohmann und Jürgen Jürges haben dagegen – in mehr als zwei Jahren mit einer krankheitsbedingten Unterbrechung von fast zwölf Monaten - einen hoch artifiziellen Schwarzweiß-Film in distanziert-unwirklicher Kühlhaus-Atmosphäre gedreht. Als zusätzlicher Verfremdungs-Effekt wurden bis auf Hanna Schygulla, Wolfgang Schenck und Karlheinz Böhm alle Darsteller von anderen Schauspielern synchronisiert. Fassbinder im Interview mit Kraft Wetzel (in: „Kino“ 18/19-1974): „Es geht mir darum, dass man den Film nicht erlebt, so wie andere Filme, die dann aufs Herz oder aufs Gemüt wirken, sondern es ist der Versuch, einen Film ganz klar für den Kopf zu machen, also einen Film, in dem man nicht aufhört zu denken, sondern anfängt zu denken, und wie man beim Lesen Buchstaben und Sätze eigentlich erst durch die Phantasie zu einer Handlung macht, so sollte es auch in diesem Film passieren.“

„Fontane Effi Briest“ ist am 28. Juni 1974 auf der Berlinale uraufgeführt worden und es wurde weitgehend als Skandal empfunden, dass er nur den „Interfilm Award“ gewann und bei der Jury leer ausging mit der Begründung, Filme, die mit dem „Silbernen Bären“ ausgezeichnet würden, müssten breite Publikumsschichten ansprechen. Die Fernseh-Erstausstrahlung erfolgte am 31. Oktober 1979 im ZDF.

Rainer Werner Fassbinder im besagten Gespräch mit Kraft Wetzel: „Dies ist kein Frauenfilm, sondern ein Film über Fontane, über die Haltung des Dichters zu seiner Gesellschaft. Es ist kein Film, der eine Geschichte erzählt, sondern es ist ein Film, der eine Haltung nachvollzieht. Es ist die Haltung von einem, der die Fehler und Schwächen seiner Gesellschaft durchschaut und sie auch kritisiert, aber dennoch diese Gesellschaft als die für ihn gültige anerkennt. (...) Ich hab’ den Unterdrückungsmechanismus, der im Buch viel schwächer angedeutet wird – die ganze Sache mit dem Chinesen und wie Effis Mann seine Terrormittel einsetzt, das ist im Buch viel mehr eingebettet in eine runde Erzählung – etwas deutlicher versucht ’rauszukriegen. Das ist natürlich schon ein entscheidender Eingriff, denn dadurch wird die Kritik, die Fontane übt, im Film stärker als im Buch. (...) Mein Problem ist nicht gewesen, einen publikumswirksamen Film zu machen, mein Problem ist gewesen, meine Haltung zu der Gesellschaft, in der ich lebe, dadurch klarzumachen, indem ich versuche, einen Film über Fontane zu machen.“

Pitt Herrmann

Credits

Schnitt

Darsteller

Produktionsfirma

Alle Credits

Standfotos

Ausstattung

Kostüme

Schnitt

Darsteller

Sprecher

Synchronsprecher

Produktionsfirma

Produktionsleitung

Aufnahmeleitung

Dreharbeiten

    • September 1972 - November 1973: München, Wien, Aeroskobing (Dänemark), Schloß Bredeneck, Neustadt, Brodau (Schleswig-Holstein)
Länge:
3830 m, 140 min
Format:
35mm, 1:1,37
Bild/Ton:
s/w, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 22.02.1974, 46360, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 28.06.1974, Berlin, IFF

Titel

  • Originaltitel (DE) Fontane Effi Briest
  • Untertitel oder Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und dennoch das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen
  • Weiterer Titel Effi Briest

Fassungen

Original

Länge:
3830 m, 140 min
Format:
35mm, 1:1,37
Bild/Ton:
s/w, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 22.02.1974, 46360, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 28.06.1974, Berlin, IFF