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Nach dem Tod ihrer Mutter sehen sich Nora und Agnes Borg gezwungen, sich mit ihrem entfremdeten Vater Gustav auseinanderzusetzen – einem einst gefeierten Regisseur, der die Familie verließ, als die Töchter noch klein waren. Während Nora ihre Schauspielkarriere kompromisslos verfolgt hat, hat Agnes ein Leben mit Familie und Stabilität gewählt. Nun steht Gustav nach Jahren der Funkstille plötzlich wieder vor der Tür – charmant grinsend und mit dem emotionalen Gepäck eines halben Lebens. Er hofft auf ein Comeback mit einem autobiografischen Drehbuch über seine Mutter, die im Zweiten Weltkrieg durch Folter der Nationalsozialisten traumatisiert wurde und sich später das Leben nahm. Gustav bietet Nora die Hauptrolle an – doch sie lehnt ab. Stattdessen übernimmt die Hollywood-Schauspielerin Rachel Kemp die Rolle, die Gustav bei einer Retrospektive seiner Filme kennenlernt. Die Arbeit am Film, der in seinem Elternhaus gedreht wird, setzt bald alte Familiendynamiken in Bewegung – und nach und nach wird deutlich, dass Vater und Töchter sich ähnlicher sind, als sie dachten. Vielleicht ist es doch nicht zu spät für einen Neuanfang?
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In der nächsten Einstellung ist das Haus voller schwarz gekleideter Menschen: Zur Beerdigung seiner Gattin Sissel (Ida Marianne Vassbotn Klasson) ist sogar der bekannte Filmemacher Gustav Borg an dem Ort erschienen, den er verlassen hat, als die Kinder noch klein waren. Weshalb die Schwestern Nora und Agnes, eine mit Even Pettersen verheiratete Geschichtswissenschaftlerin, nicht gerade begeistert sind über das Erscheinen ihres Vaters, der ihnen keiner gewesen ist. Dem allerdings nun das im ursprünglich aus Schweden kommenden Drachenstil erbaute Gebäude gehört, nachdem bei der Scheidung ihrer Eltern nichts Schriftliches fixiert worden ist.
Nun soll das Haus, was der renommierte Regisseur seiner Lieblingstochter vorsichtshalber konspirativ in einem Café mitteilt, Gegenstand eines biographischen Films werden – und Nora soll die Hauptrolle seiner Mutter, also ihrer Großmutter, übernehmen. Diese ist während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg als Widerstandskämpferin gefoltert worden und hat sich im Haus der Familie erhängt. Ein Angebot, das für Nora eine Zumutung bedeutet, welches sie so vehement ablehnt wie ihre Schwester Agnes die Bitte, ihrem Sohn Erik die Rolle des Vaters Gustav Borg als kleines Kind zu erlauben.
Dabei könnte dieses Herzensprojekt, das Gustav Borg zuvor mit seinem langjährigen Kameramann Peter besprochen hat, den Grundstein für eine Versöhnung zwischen Vater und Töchtern legen. Weil sich Nora standhaft weigert, auch nur das Drehbuch in die Hand zu nehmen, zieht der einst renommierte, nun aber schon seit 15 Jahren nicht mehr aktive Regisseur ein höchst attraktives Ass aus dem Ärmel: die junge Hollywood-Schauspielerin Rachel Kemp, die er bei einer ihm gewidmeten Retrospektive auf dem Filmfestival Deauville in der Normandie kennengelernt hat. Und die Chance, einen ernsthaften europäischen Film drehen zu können, mit großer Begeisterung ergreift. Auch wenn die Netflix-Produzenten zumindest ein Mitspracherecht beanspruchen.
Als die erste Leseprobe größere Artikulationsprobleme der Amerikanerin offenbart, ist diese längst als Werbeikone plakatiert. Was niemand mehr als Gustav Borg bedauert, der längst erkannt hat, dass Rachel trotz großer, ernsthafter Bemühungen seiner Tochter Nora nicht das Wasser reichen kann. Was diese auch erkannt hat und Zweifel äußert, ob sie die Richtige für diese Rolle ist, obwohl Nora zunehmend in Depressionen verfällt und Vorstellungen absagen muss. Währenddessen forscht Agnes im Archiv nach der 1943 verhafteten Großmutter Karin Irgens (Sigrid Lorentzen Abelsnes, später Vilde Søyland) und ist von den gefundenen Dokumenten so elektrisiert, dass sie heimlich das Drehbuch liest – und nicht mehr davon loskommt. Agnes erkennt, dass es vom Vater nur für ihre ältere Schwester Nora geschrieben worden ist – und bringt es ihr ans Bett. Nora und Agnes lesen gemeinsam daraus, brechen in Tränen aus, legen es nicht mehr aus der Hand…
In „Sentimental Value“ (auf Deutsch: Erinnerungswert), der Fortsetzung der preisgekrönten „Oslo“-Trilogie Joachim Triers („Auf Anfang“, „Oslo, 31. August“ und „Der schlimmste Mensch der Welt“), stehen die bei aller gemeinsamen Familiengeschichte so ungleichen Schwestern Nora und Agnes nach dem Tod ihrer Mutter vor der Herausforderung, sich mit ihrem entfremdeten Vater Gustav auseinanderzusetzen – eine Konstellation wie in einem Film Ingmar Bergmans. Die Tragikomödie ist ein hervorragend besetzter Spielfilm über eine zarte Wiederannäherung – der Schwestern mit sich selbst und mit ihrem Vater. Ein Familienfilm über Generationskonflikte und das Altern, aber auch ein ungewöhnlicher, weil ein Haus als Ort der (Welt-) Geschichte in den Mittelpunkt stellender Film über das Filmemachen und über das Theaterspielen.
Pitt Herrmann