Inhalt
Tragikomödie über die emotionalen Wirrungen einer "ganz normalen" Familie: Da der Vater Roland täglich 14 Stunden im Büro verbringt und seine Familie nur noch nachts zu sehen bekommt, flüchtet sich auch die Mutter in ihre Arbeit als Galeristin. Unterdessen ringt der 19-jährige Sohn Charles mit seiner sexuellen Selbstfindung. Der zweite Sohn, Linus, hockt von allen vergessen in seinem Zimmer und bastelt kleine Bomben, denen die Kitschskulpturen der Nachbarschaft zum Opfer fallen. Diese ohnehin nicht sehr stabile Konstellation gerät gefährlich ins Wanken, als Roland seinen Job verliert. Tag für Tag sitzt der Manager fortan zu Hause und versucht, sich zu beschäftigen – mit fatalen Folgen für das Familien- und Eheleben.
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Gibt es ein zweites Leben nach dem ersten? Nicht mit dieser Familie, jedenfalls nicht gleich beim ersten Anlauf. Charles ist zum „Bund“ eingezogen worden und entdeckt, dass er eigentlich schwul ist. Sein heftig pubertierender kleiner Bruder Linus hat seine Liebe zu Killerspielen entdeckt. Und mutiert plötzlich zum Objekt der Betreuung ausgerechnet der Nachbarstochter Florina.
Die ist als Malerin eine Entdeckung der auf zeitgenössische Kunst spezialisierten Galeristin Sybille. Aber Florina ist nicht nur eine hochbegabte Künstlerin, sondern auch ein sehr komplexbeladenes Wesen mit selbstzerstörerischen Momenten (da hat der Gsponer wohl an Chris Kraus’ „Vier Minuten“ orientiert?). So kann sich bei Linus und Florina allerhand Druck aufbauen, und damit ist nicht die Explosionskraft gemeint, mit der Vogelhäuschen der Garaus gemacht wird.
So schlittert der ausgebremste Macher voller Hausmann- und Familienvater-Elan unaufhaltsam in eine Krise, die ihn nicht nur mit seinen Söhnen entzweit, sondern auch seine Ehe zutiefst erschüttert. Was freilich auch an Gattin Sybille liegt, die als Galeristin mit recht eigenwilligen Mitteln für eine gute Presse sorgt. Leider hat auch der Headhunter, der ihm rät, auszuspannen, um die Akkus wieder aufzuladen, keine Alternative in Form eines neue Jobs für Roland parat...
Nach „Rose“, ausgezeichnet u.a. mit dem Eastman-Förderpreis bei den Hofer Filmtagen 2005, ist „Das wahre Leben“ erst der zweite Spielfilm des Züricher Regisseurs Alain Gsponer, der durch seinen preisgekrönten Abschlussstreifen an der Filmakademie Baden-Württemberg, „Kiki & Tiger“ (2002), bekannt geworden ist. Seine Burleske ist sicherlich in erster Linie ein Familienfilm – mit einer toughen, nicht nur outfitmäßig kaum wiederzuerkennenden Katja Riemann, einem rührend-komischen Ulrich Noethen und einer starken, aber auch stark an „Vier Minuten“ erinnernden Hannah Herzsprung.
Aber unter dieser Oberfläche scheint sogleich das tragikomische und sicherlich auch vom eigenen Erleben gespeiste Adoleszenz-, Pubertäts- und Coming-Out-Drama hervor. Alain Gsponer, Jahrgang 1976, weiß offenbar, wovon die Rede ist, entstammt er doch selbst einer vierköpfigen Familie – als jüngerer der beiden Söhne.
Pitt Herrmann