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Im Tennisclub Lengenheide steht eine vermeintlich einfache Abstimmung an: Heribert, langjähriger Vorsitzender, und sein ehrgeiziger Stellvertreter Matthias wollen über die Anschaffung eines Grills für die nächste Vereinsfeier entscheiden. Als Melanie vorschlägt, zusätzlich einen zweiten Grill anzuschaffen, der nicht mit Schweinefleisch in Berührung kommt – für ihren muslimischen Doppelpartner Erol, das einzige Mitglied des Vereins mit muslimischem Hintergrund –, eskaliert die Diskussion. Aus dem kleinen Vereinsstreit entwickelt sich ein hitziger Schlagabtausch zwischen Atheisten und Gläubigen, Deutschen und Türken, "Gutmenschen" und Hardlinern. Rasch wird deutlich: Bei diesem aberwitzigen Konflikt geht es längst nicht mehr nur um einen Grill
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„Im Frieden und im Krieg bringt Einigkeit den Sieg“: Sie sind es gewohnt, dem einerseits zwar jovialen, andererseits aber höchst selbstherrlich regierenden Patriarchen Bräsemann ohne Widerrede zu folgen – etwa bei der einheitlichen Tenniskleidung in Weiß. Seinem sich seit Jahr und Tag übergangenen fühlenden Stellvertreter Matthias Scholz, dem seine ehrgeizige Mutter Elisabeth Scholz im Nacken sitzt, bleibt da nur, nach der ermüdenden Powerpoint-Präsentation der geplanten Umbaumaßnahmen den Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“ aufzurufen. Welcher in der Regel schnell abgehakt ist, weshalb der Koch des Vereinsheims bereits die Platten für den gemütlichen Teil der Versammlung auffahren lässt.
Zur Überraschung aller meldet sich Melanie Pfaff mit einem Vorschlag zu Wort, der allgemeines Stirnrunzeln erzeugt: Die vor noch nicht langer Zeit zusammen mit ihrem Gatten, dem hippen, stets den witzigen Intellektuellen herauskehrende Werbetexter Torsten Pfaff, von Berlin in die rheinische Provinz gekommene aktive Tennisspielerin schlägt vor, zum bereits beschlossenen neuen Super-Gasgrill mit vier Etagen samt Pizza-Stein bis zum nächsten Sommerfest einen zweiten, ruhig einfacheren Holzkohlen-Grill anzuschaffen.
Und zwar für ihren Doppelpartner Erol Oturan, dem einzigen muslimischen Mitglied des Vereins, und dessen Familie: Gläubige Muslime dürfen ihre Grillwürste bekanntlich nicht auf einen Rost legen, auf dem zuvor Schweinefleisch gebrutzelt hat. Melanies Wort hat Gewicht, ist sie doch innerhalb kurzer Zeit zu einem sportlichen Aushängeschild des Vereins geworden. Doch der von ihr angesprochene Erol, seit Teenagertagen voll integriertes Vereinsmitglied und überdies deutscher Staatsbürger, will für sich und die Seinen keine Extrawurst gebraten bekommen und daher auch künftig keine Extrawürste grillen.
Während der Platzwart Hans Günther Schnippering die Ballmaschine repariert mit durchaus schmerzhaften Folgen für das eine oder andere Vereinsmitglied, entspannt sich rasch ein turbulenter Schlagabtausch u.a. mit dem bisherigen „Mehrheitsbratwurst“-Lieferanten, Metzgermeister Heinz Gumberger, bei dem die Protokollführerin Anne Ackermeier bald nicht mehr mitkommt. Zumal sich die immer persönlicher geführte Debatte gefährlich zuspitzt und tiefgreifende gesellschaftliche Konflikte offenbart, die auch von Melanies grenzenloser Toleranz und Torstens trockenen verbalen Einwürfen nicht zugekleistert werden können.
Dabei waren die Pfaffs doch vor Hundekacke, Drogenexzessen, Spielplatz-Schlägereien und nerviger Parkplatz-Suche bewusst aus der Hauptstadt tief in den Westen geflüchtet! Bald spielt der zweite Grill für die „Türkenwurst“ gar keine Rolle mehr…
„Extrawurst“ von Dietmar Jacobi und Moritz Netenjakob entwickelte sich nach der Uraufführung am 6. Oktober 2019 am Hamburger Ohnsorg-Theater zum meistgespielten deutschen Stück der Spielzeit 2021/22 auf den Theaterbühnen. Das naturgemäß nur im Vereinslokal des TC Langenheide spielte, während Marcus H. Rosenmüller für seine Leinwand-Adaption mit erweitertem Figurenarsenal das gesamte Vereinsgelände des RTHC (Ruder-Tennis-Hockey-Club) Bayer Leverkusen einschließlich des Clubhaus-Restaurants Rococo zur Verfügung stand. Wobei das Eigenheim des Präsidenten Bräsemann, Ort eines makabren Treppenlift-Unfalls, in Köln gefunden wurde.
Es bleibt bei diesem einzigen Spoiler, um den Spaß an dieser ungemein hintergründig-witzigen, nichts und Niemanden schonenden Komödie nicht zu verderben, die nicht zuletzt der Klasse-Besetzung zu verdanken ist. Die Uraufführung war am 7. Januar 2026 in der Essener Lichtburg.
Pitt Herrmann