Die Toten bleiben jung

DDR 1968 Spielfilm

Inhalt

Deutsche Schicksale zwischen 1918 und 1945. Der Spartakuskämpfer Erwin wird im Dezember 1918 von reaktionären Offizieren erschossen. Das Arbeitermädchen Marie erwartet von ihm ein Kind. Zusammen mit dem sozialdemokratischen Arbeiter Geschke zieht sie Erwins Sohn groß. Geschke beteiligt sich mit seinem kommunistischen Freund Triebel an der Niederschlagung des Kapp-Putsches, seine politische Haltung wird dann jedoch immer passiver, resignierender. Erwins Sohn Hans, erwachsen geworden, wird wie sein Vater Kommunist, während Geschkes leiblicher Sohn ein Nazi wird, was die beiden zu erbitterten Feinden macht. Als Hans während des Zweiten Weltkrieges an der Ostfront zur Roten Armee überlaufen will, wird er erschossen. In Berlin erwartet seine Freundin Emmi ein Kind von ihm.

 

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Heinz17herne
Heinz17herne
Prolog. Ein Auto hält auf einer einsamen Straße in einem Waldgebiet. Vier uniformierte Männer entsteigen dem Fahrzeug, dringen tiefer in den Forst ein. „Ihr kommt auch noch dran“ sind die letzten Worte eines jungen Mannes, bevor er von einem Offizier erschossen und von dessen Fahrer im Waldboden verscharrt wird.

Schnitt. Eine junge Frau steht am Fenster einer Dachstube, hört auf Schritte im Treppenhaus, wartet. Es ist Marie, und sie wartet vergeblich auf den soeben erschossenen Spartakisten Erwin. In der Gaststätte, wo Marie arbeitet, taucht immerhin ein Kamerad von Erwin auf, der ihr vom lebensgefährlichen Einsatz der „Roten Matrosen“ berichtet. Marie ist verzweifelt, zudem sie Erwins Kind unterm Herzen trägt. Ihre Tante Amalie, bei der sie zur Untermiete wohnt, rät ihr zur Abtreibung bei einer Engelmacherin. Doch Marie schafft es nur bis in den Flur vor das Behandlungszimmer, nimmt dann entsetzt reißaus.

Hauptmann von Klemm und sein Fahrer Becker, wir kennen beide aus der Exekutionsszene im Prolog, ziehen sich wider Willen ins Privatleben zurück. Hoffen freilich, dass sie noch einmal gebraucht werden, wenn die Freicorps wieder gegen die Roten ziehen. Deutschland ist Republik geworden nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, der in ganz Mitteleuropa den Adel von den Thronen riss, die Habsburger wie die Hohenzollern. Und zahlreiche Adelsfamilien etwa aus dem Baltikum aus ihren Herrenhäusern vertrieb und um ihre Güter brachte.

Nach der blutigen Niederschlagung der November-Revolution regieren die Sozialdemokraten die Republik, von Klemm zieht sich wie seine beiden adligen Mittäter, die Offiziere von Wenzlow und von Lieven, ins Privatleben zurück, wo seine Gattin Leonore, einst Krankenschwester im Lazarett, und sein Traditionsunternehmen Harze & Lacke Klemm auf ihn warten. Es ist ein schmerzhafter Abschied von der alten Zeit und die drei müssen vorsichtig agieren, denn die von ihnen ermordeten Spartakuskämpfer von 1918, sollten deren Leichen entdeckt werden, blieben gefährlich jung...

Marie kümmert sich um den wesentlich älteren Geschke, einen verwitweten Vater dreier Kinder. Als sie ihm beichtet, vom verschollenen Erwin schwanger zu sein, legalisiert der überzeugte und engagierte Sozialdemokrat das Verhältnis: „Wo dreie satt werden, werden auch viere satt.“ Doch wird die bescheidene Verbindung, „Glück“ wäre zu viel gesagt, harten Prüfungen unterzogen: Der älteste Junge Geschkes stirbt an Diphterie. Zuspruch kommt von Triebel, seinem Kumpel aus den Schützengräben des 1. Weltkriegs: Zusammen mit dem aktiven Kommunisten beteiligt sich Geschke am Generalstreik. Die Arbeiter holen ihre Waffen aus dem Versteck, auch Geschke hat ein Gewehr unter den Bodendielen, denn die Generäle putschen gegen die Republik.

Becker schlüpft von der Dienst-Uniform des Unternehmer-Fahrers wieder in die des Militärs. Die Freicorps bilden sich wieder neu, werden nun der Reichswehr an die Seite gestellt. Das Offiziers-Trio kommt beim Kapp-Putsch wieder zusammen. Der Bauer Wilhelm Nadler ist nach Kriegsende auf seinen Hof zurückgekehrt, wo er nicht nur seine Gattin Liese, sondern auch seinen wesentlich jüngeren, invaliden Bruder Christian vorfindet. Die Landwirtschaft geht schlecht, er muss mit dem Juden Levy Geldgeschäfte machen.

Der Bürgerkrieg bricht aus, das Militär ist mit seinen schweren Waffen den Arbeitern haushoch überlegten. Inflation, lange Schlangen vor den Lebensmittelläden. Der nationale Sozialismus als Alternative zum Kommunismus? Die Wirtschaftsbosse und die Banker hegen zunächst noch hinter vorgehaltener Hand im Hinterstübchen, dann immer offener Sympathie für einen gewissen Herrn Hitler. Und die alten Freicorps-Kameradschaften halten fleißig Wehrsportübungen ab.

Die stark aufkommenden Nationalsozialisten verbuchen Erfolge, bei den unzufriedenen Bauern – Wilhelm wird Mitglied, während sein Bruder Christian fliehenden Kommunisten Unterschlupf gewährt – wie in der Arbeiterschaft, selbst Geschke wankt und zieht sich von den Linken zurück. Sein Sohn Hans schließt sich Martin und damit den Kommunisten an, während Maries Sohn Franz bei der Hitlerjugend mitmacht: Der Riss geht nicht nur durch die Gesellschaft, sondern mitten durch die Familien.

Was auch auf die höheren gesellschaftlichen Kreise zutrifft: Leonore von Klemm, die als frustrierte, weil von ihrem Gatten völlig Unbeachtete kurzzeitig ein Verhältnis mit dem Exil-Letten von Lieven begonnen hatte, wird genötigt, sich scheiden zu lassen und auch auf ihr Kind zu verzichten. Denn Herr von Klemm geht die eheliche, geschäftliche und letztlich auch politische Verbindung mit einer blutjungen, bildschönen Bankierstochter ein – die Harzburger Front auf familiärer Ebene sozusagen. Becker, der diese Intrige eingefädelt hat, wird der Verrat schlecht gedankt: Er verliert seinen Job, weil die neue Herrin auf ihrem Fahrer besteht. Becker rächt sich prompt auf seine Weise...

Als Adolf Hitler Reichskanzler wird und der Reichstag brennt, wird auch Triebel verhaftet und ins KZ Buchenwald verbracht. Genossen wie Lämmle werden im Gewahrsam schwer misshandelt, um ihre Freunde zu denunzieren. Strobel, der bei Christian Unterschlupf gefunden hat, wird kurzerhand im nächsten Teich ertränkt. Als die Deutschen in Polen einmarschieren, meldet sich Wilhelm Nadler freiwillig. Martin dagegen ist erfolgreich untergetaucht, trifft zufällig auf Hans. Er wird nach Spanien gehen, um an der Seite der Internationalisten zu kämpfen, Hans dagegen will in Deutschland bleiben und im Untergrund arbeiten. Bei einer nächtlichen Plakatklebeaktion entgeht er nur knapp den Schüssen der Berliner Polizei.

Hans an der Ostfront. Die militärische Lage ist aussichtslos, der deutsche Kommandant, es ist von Wenzlow, will sich das Leben nehmen. Da wird ihm Hans, der mit anderen Kriegsmüden zu den Russen überlaufen wollte, als Deserteur vorgeführt. In seinem jungen Gesicht sieht er dessen Vater, den Spartakisten Erwin: Die Toten bleiben jung...

Der nachhaltig beeindruckende Schwarzweiß-Film im Breitwandformat, bannt dank eines hervorragenden Ensembles und ungewöhnlicher ästhetischer Mittel, zu denen 360-Grad-Kamerafahrten gehören, die das Berliner Hinterhofmilieu aus der Froschperspektive zeigen. Joachim Kunerts mehrfach verwendetes Spiegel-Motiv rekurriert auf die opulente Welt des Adels, aber auch die der großen Hotels. Hierhin flüchten sich der aus Riga vertriebene Gutsbesitzer von Lieven, der nach der NS-Machtübernahme kurzfristig seine baltischen Güter wieder in Besitz nehmen kann und später von den Partisanen erschossen wird, und seine Nichte Elisabeth, um von alten Zeiten zu träumen.

Geradezu klassisch ist Kunerts Treppen-Motiv unter dem Rubrum „Die Sozialisten schlagen endlich zurück“: Martin und Hans sehen sich den Eisenstein-Film „Panzerkreuzer Potemkin“ im Kino an, später wird Hans als Wehrmachts-Soldat die Stufen des St. Petersburger „Originals“ hinabsteigen. Und die Treppen im U-Bahnhof Alexanderplatz spielen eine wichtige Rolle im Berliner Straßenkampf.

Freilich haben es Regisseur Kunert und sein Dramaturg, kein geringerer als Walter Janka, nicht verstanden, die geradezu überbordende Materialfülle dieser „deutschen Chronik“ zwischen 1918 und 1945 zu kanalisieren. Um die drei Hauptgeschichten, paradigmatisch angesiedelt im Arbeiter-, Bauern- und Adelsmilieu, kreisen gut ein halbes Dutzend Nebenstränge – in bisweilen verwirrend ausufernden Weise. Dass Ende der 1960er Jahre, Doppelpremiere war anlässlich des 50. Jahrestages der Novemberrevolution am 14. November 1968 in den benachbarten Berliner Kinopalästen International und Kosmos, das DDR-Kinopublikum mit der jüngsten deutschen Geschichte so vertraut ist, um alle Volten der Ereignisse nachzuvollziehen und vor allem alle Figuren diesen Volten zuzuordnen, darf bezweifelt werden. TV-Erstausstrahlung war am 9. September 1973 im Fernsehen der DDR, West-Premiere am 16. November 1973 im ZDF.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Regie-Assistenz

Dramaturgie

Kamera-Assistenz

Standfotos

Licht

Bau-Ausführung

Kostüme

Schnitt

Darsteller

Produktionsleitung

Titel

  • Originaltitel (DD) Die Toten bleiben jung

Fassungen