Die Toten bleiben jung

DDR 1968 Spielfilm

Die Toten bleiben jung



Rosemarie Rehahn, Wochenpost, Berlin/DDR, 29.11.1968


(…) Anna Seghers" Roman, 1918 – 1933 – 1945, den Weg der Deutschen von der geborstenen Zeit des Nachkriegs zum Faschismus in bisher noch nicht gestalteter historisch-psychologischer Totalität umreißend, eine Vielzahl gleichwertig aufregender Schicksalswege verfolgend, durchleuchtend, hat das aus anderen ihrer Bücher bekannte Kompositionsprinzip: "… ein Nebeneinander getrennter Lebensbezirke und Lebensläufe, welches gerade das enge Ineinander des in massiven Mechanismen abrollenden und doch vom, Lebendigen gehaltenen Zeitprozesses ist." (Paul Rilla: "Die Erzählerin Anna Seghers")

Diese Romankonzeption aber konnte keine Kinofilmkonzeption sein – bei aller spürbaren Hingabe der Schöpfer, der Drehbuchschreiber Christa Wolf, Joachim Kunert, Gerhard Helwig, Günter Haubold, Ree von Dahlen, des Regisseurs: Joachim Kunert. Für den Zuschauer notwendige – und letztlich doch nicht ausreichende – Informationen über Raum und Zeit und Personenbeziehungen jener nahezu vollständig in den Film übernommenen Lebensbezirke und soziologischen Schichtungen nehmen den Charakteren den emotionalen Spielraum. Nur an wenigen Stellen wird das Ineinander, der fatale Mechanismus erlebbar, der die geschilderten Lebensläufe so oder so mit dem faschistischen Zersetzungsprozeß verbindet.

Fragwürdig erschien mir jener (Verzeihung!) Hauch von Montagsfilm über den Szenen der feinen Welt in ewig gleichen Vestibüls, unter ewig gleichen Palmenwedeln, begossen mit schöner Elegie; auf gleicher gefälliger Ebene der attraktive Schneetod der Gutsherrin Elisabeth im Pelz-Look 1968.

75 Schauspieler im Programmheft, zum Teil neu auf der Leinwand, von der Regie Joachim Kunerts sicher geführt. Genannt seien Kurt Böwe, beängstigend brutale Studie eines bäuerlichen Landsknechts, Erika Pelikowsky und Karin Lesch und als altes und junges Potsdam, Dieter Wien, hinter dessen Wenzlow neben dem Verbrechen auch die Tragik falscher Ehrbegriffe steht. Monika Gabriel, eine reizvoll mokante Elisabeth.

Ein Film nach Anna Seghers" bedeutendem Roman, wichtig genug, hineinzugehen, wichtiger als Anregung, das Buch zur Hand zu nehmen.