Inhalt
Motive aus Kurt Tucholskys Roman "Schloss Gripsholm" werden hier mit Elementen seiner Biografie vermischt und auf das Jahr 1932 konzentriert. Tucholsky zieht sich mit seiner geliebten "Prinzessin" Lydia aus dem zunehmend bedrohlichen Berliner Alltag nach Schweden in den Sommerurlaub zurück. Sein Verleger bittet ihn, dort eine leichte Liebesgeschichte zu schreiben. Als das Paar Besuch von der Nachtclub-Sängerin Billie und dem Flieger Karlchen erhält, wechselt die Stimmung von anfänglich erotischem Überschwang zu politischer Düsternis und kulminiert in einem gefährlichen Fliegerduell. Am Ende steht Tucholskys Entschluss, nicht nach Deutschland zurückzukehren.
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Der Schweizer „Oscar“-Preisträger („Reise der Hoffnung“) hat vor allem Interesse an der privaten Liebesgeschichte abseits von Politik und Zeitgeschehen. Die marxistische Lehrauffassung, nach der man die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht ausblenden kann, gilt für die inzwischen privatisierten Babelsberger Filmemacher nicht mehr. Wie schon bei „Brechts letzter Sommer“ dienen die politischen Umstände noch nicht einmal als Folie für die Handlung.
Auch wenn der überraschende Besuch von Tucholskys Freund Karlchen, der sich, als begeisterter Flieger, den Nazis angeschlossen hat, bei denen er wieder eine nationale Perspektive sieht nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und dem Versailler Knebelungsvertrag, so etwas wie ein Schimmer Zeitgeschichte auf den Zelluloid-Streifen fällt nebst dem BDM-Drill in einem deutschen Kinderlager in schwedischer Idylle: Von Karlchen erfährt Kurt Tucholsky, dass sein Name auf den „schwarzen Listen“ der in Deutschland erstarkten Rechten steht.
Die Brisanz des Tucholsky-Romans von 1931 bleibt völlig ausgespart. Auch wenn der Prozess gegen Tucholsky („Soldaten sind Mörder“) als Zeitungsschlagzeile im Film auftaucht, auch wenn ein kleines jüdisches Mädchen, das sich als Blumenverkäuferin verdingt, allein aufgrund ihres Judensterns aus Billies Etablissement geprügelt wird: Die Ereignisse in Deutschland, die Tucholsky, der 1929 mit seiner Geliebten Lisa Matthias einen Sommer in Schweden verbrachte, 1935 – ebenfalls in Schweden – in den Selbstmord trieben, werden kaum einmal kurz angesprochen.
Ulrich Noethen scheint auch nicht die richtige Besetzung zu sein: Zu oberflächlich bleibt seine Verkörperung des politischen Satirikers, Schriftstellers, Journalisten und Juristen. „Gripsholm“ ist aufwendig gedreht, kann dennoch auf der großen Kinoleinwand die TV-Ästhetik nicht verleugnen. Nur das einhellige Lob der Rezensenten für eine herrlich pfiffig-burschikose Heike Makatsch ist berechtigt bei dieser im November 2.000 in die Kinos gekommenen „reinen Sommergeschichte“.
Pitt Herrmann