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Lea hat sich bei einer Gesangs-Castingshow beworben. Der Redakteur fragt: “Wer bist du und was macht dich aus?” Lea weiß es nicht. Und beginnt, nach einem passenden Ich zu suchen. In ihrem thüringischen Heimatort wird gerade das Museum kostspielig aus EU-Töpfen saniert und die Pension im Besitz ihrer Familie kämpft ums wirtschaftliche Überleben.
Leas Familie, das sind ihre Eltern Matze und Rieke – frisch getrennt, da Rieke von einem anderen Mann schwanger ist, und noch recht ungeübt in den neuen Familienverhältnissen. Und ihre Großeltern, die ebenfalls genug Probleme miteinander und mit ihrem Waldhotel haben, das in der besucherarmen Region mehr Geld verschlingt, als es einbringt. Dann ist da noch ihre Tante Kati, die in ihrer Unabhängigkeit ein Vorbild für Lea ist, sich als Museumsleiterin aber gerade keine Freunde in der kleinen Provinzstadt macht. Leas beste Freundin Bonny ist ganz woanders mit dem Kopf, denn sie ist frisch verliebt in Leas Cousin, den Aktivisten Edgar. Wer also ist die Kandidatin Lea? Welche Homestory lässt sich aus dieser Familiengeschichte machen?
Quelle: 76. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)
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Lea und ihre beste Freundin Bonny singen und spielen im Gasthaus bei einer Familienfeier, was Matze auch ein wenig stolz macht. Als er die beiden Mädchen abends abholt, muss er auch den stark angetrunkenen Edgar nach Hause bringen, der Sohn von Leas heißgeliebter Tante Katharina „Kati“ Mattei. Und damit Leas Cousin, in den Bonny frisch verliebt ist.
Weil Lea sich mit ihrer Mutter Rieke nur noch zofft und ihren „Neuen“ per se nicht leiden kann, da es sich um ihren Schulleiter handelt, bezieht sie das Zimmer „9“ der arg heruntergekommenen Pension „Waldblick“ ihrer Großeltern Christel und Friedrich. Seit 25 Jahren hat sich wenig verändert, doch für eine Renovierung fehlt das Geld. Dabei ist welches vorhanden – für die Museumsdirektorin Kati, die offenbar die Klaviatur zum Anzapfen öffentlicher Fördergelder beherrscht.
Gerade ist sie mit Fee bei einer Konzentrationsübung, bei der sich die Hände so weit wie möglich dem Gesicht des Gegenübers nähern, ohne es zu berühren, da platzt Raphael, ein mit Fee befreundeter Redakteur einer TV-Casting-Show, herein. Was sie ausmacht als Person, will Raphael von Lea wissen. Die ist völlig perplex und weiß keine Antwort. Dennoch wird sie zu einer Vorrunde nach Köln eingeladen, die sie zur eigenen Überraschung übersteht. Jetzt geht’s mit Papa Matze nach München – und Mutter Rieke weiß nichts davon. Bis Leas kleiner Bruder Henri, der Oma Christel nachplappernd die Casting-Show als pure kapitalistische Ausbeutung geißelt.
Lea ist nach Köln erst zum zweiten Mal im Westen – und von der Isar-Metropole begeistert, zumal auch Bonny mit ihrer Familie zur Unterstützung gekommen ist. Die vergleichsweise unscheinbare, aber sehr authentische Thüringerin hat mit einem getragen-melancholischen Lied Erfolg, obwohl sie zuvor in der Interview-Runde immer noch nichts über sich preisgeben konnte. Die After-Show-Party fällt feucht-fröhlich aus: Bonny fühlt sich von ihrer besten Freundin im Stich gelassen und zieht sich zurück. Dafür ist die Freude ihrer Eltern – Sex mit dem Ex trotz Babybauch – überschwänglich.
„Daheim“ im Waldblick hängt dagegen der Haussegen schief. Oma Christel wettert gegen die Subventionierung des Museums, während ihr die Bank keinen Kredit gibt. Tante Kati räumt ein, dass die „Abwicklung des Ostens“ ein Fehler war, auch wenn jetzt ihr Museum davon profitiert. Dass Christel allerdings bewusst den Besuch des Bürgermeisters mit einer Delegation von Geldgebern aus Brüssel, Berlin und Erfurt massiv stört, kann nur Arthur mit Genugtuung quittieren, der mit der aktuellen Politik grundsätzlich nicht einverstanden ist.
Und Lea? Tröstet ihre Tante und erfährt eher beiläufig, dass sie in der Casting-Show keine Runde weitergekommen ist. Für sie ist der Ärger ihrer Oma mit toten Tieren, die irgendjemand in der Pension verteilt und damit die letzten Gäste verjagt hat, entschieden wichtiger. Und dann ist diese plötzlich verschwunden. Die Polizei durchkämmt die ganze Gegend vergeblich. Aber es existiert ein Flugticket auf Christels Namen…
Mit ihrem dritten Spielfilm nach „Alles ist gut“ und „Ivo“ ist Eva Trobisch in Verbindung mit einer Realsatire ohne jede Übertreibung zu unseren täglich-unsäglichen TV-Shows ein liebevoll-schmerzhaftes Familien-Kammerspiel gelungen, womit nicht nur das alte, in der DDR noch bis zuletzt genutzten TV-Format 4:3 gemeint ist. In ihrem multi-perspektivischen Film mit einem heterogenen Cast aus Laien, Theaterleuten und sehr erfahrenen Filmschauspielern erzählen mehrere Figuren gleichberechtigt ihre Sicht auf die Dinge. Sie sind alle liebenswert und fehlerhaft, haben alle irgendwie Recht. Zugleich setzt Eva Trobisch dem Geburtsort ihres Großvaters, der Jugendstil-Stadt Greiz, ein – für meinen Geschmack ausbaufähiges – Denkmal.
Eva Trobisch im Presseheft: „Der internationale Titel des Films ist ‚Home Stories‘. Ich bin in Ostberlin geboren und dann im wiedervereinten westdeutsch geprägten Deutschland aufgewachsen. Mein ‚Home‘ hat also zwei ‚Stories‘: Die von der sozialistischen Gemeinschaft – einer für alle und alle für einen. Und die Story des Individualismus, vom Kapitalismus – Du bist was ganz besonderes!, und wenn Du nur hart genug daran arbeitest, kannst Du alles schaffen! Beide Narrative prägen mich stark. An beiden arbeite ich mich ab. Familie steht für das Ideal der Gemeinschaft. Castingshows für die eine Person, die besonderer ist als der Rest. Zwischen diesen Polen bewegt sich der Film, mit großer Lust daran, beide Narrative mit allen mir zur Verfügung stehenden Mittel zu unterwandern. Aber auch beiden etwas abzugewinnen.“
Pitt Herrmann