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Der Schriftsteller und Regisseur Egon Günther setzt sich nach "Lotte in Weimar" und "Die Leiden des jungen Werther" ein drittes Mal mit dem berühmtesten deutschen Dichter auseinander. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht Goethe und seine Arbeit, sondern seine Geliebte, die 23jährige Christiane Vulpius. Ihre "plebejische" Herkunft im Gegensatz zum "Patrizier" Goethe und ihre schiere körperliche Präsenz geraten zur Provokation für die Weimarer Gesellschaft.
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Egon Günther, einer der großen DDR-Filmemacher, hat nach „Lotte in Weimar“ (1975), „Die Leiden des jungen Werthers“ (1978) und „Lenz“ (1991) mit „Die Braut“ bereits seinen vierten Goethe-Film gedreht, zu dem er auch das Drehbuch verfasste. Er schildert die ungewöhnliche, die Konventionen der konservativen Residenzstadt Weimar sprengende Liebesbeziehung des Dichterfürsten mit der so schönen wie blutjungen, aber alles andere als standesgemäßen Arbeiterin Christiane Vulpius aus ihrer Perspektive.
Aus einer zufälligen Begegnung im Park an der Ilm, Christiane übergibt Goethe einen Bettelbrief ihres Bruders Christian August Vulpius, der später u.a. durch „Rinaldo Rinaldini“ (1798) selbst zum Bestsellerautor seiner Zeit werden sollte, entwickelt sich eine sinnliche Liebesbeziehung, begünstigt durch den Entschluss Goethes, sich aus den Armen der beherrschenden Charlotte von Stein zu befreien.
Er quartiert die Geliebte in seinem Gartenhaus im Ilm-Park ein, an den Frauenplan, in sein Haus, darf Christiane auch besuchsweise nicht. Denn Goethe fürchtet Ächtung und gesellschaftliche Isolation durch Herzog Carl August und die Schranzen seines Hofes. Selbst als Sohn August geboren wird, kann sich Goethe nicht zu einer Eheschließung entscheiden. Diese erfolgt erst nach 18 Jahren „wilder Ehe“, nachdem die beherzte Christiane die Franzosen, die in der Schlacht bei Jena und Auerstedt eine Niederlage erlitten und nun marodierend durch Weimar ziehen, aus dem Hause vertrieben hat. Charlotte von Stein war ein solcher Schutz nicht gewährt, ihr Haus wurde vollständig ausgeplündert.
Doch auch nach der Hochzeit wird Christiane nicht in die Weimarer Gesellschaft aufgenommen. Bis auf Christoph Martin Wieland wird sie von allen Honoratioren geschnitten und hinterrücks verleumdet – und Goethe entzieht sich den Familienpflichten verstärkt durch Abwesenheit. Selbst an ihr Sterbelager traut er sich nicht – er harrt vor der Tür des Krankenzimmers aus, bis der Tod eintritt.
Was macht Egon Günthers Film, abgesehen von seinem biographischen Gehalt im Jahr des 250. Geburtstages des Klassikers unter den Klassikern, so bemerkenswert? In erster Linie die großartigen Aufnahmen von Weimar und der herrlichen Ilm-Landschaft, in zweiter die nachgerade kongeniale Besetzung. Es sind vor allem die beiden weiblichen Hauptrollen der Gegenspielerinnen Christiane Vulpius und Charlotte von Stein, die mit Veronica Ferres und Sibylle Canonica glänzend besetzt sind.
Auf der einen Seite das natürliche, unverbildete, auch reichlich naive Geschöpf, das klaglos alle Kränkungen hinzunehmen bereit ist, auf der anderen Seite die gebildete Adlige, der glanzvolle Mittelpunkt der Weimarer Gesellschaft. Liebenswert auf jeweils ihre eigene Art sind sie beide, das hat Egon Günther mit großer Detailbesessenheit herausgearbeitet: die eine durch ihre bedingungslose Hingabe, die andere durch den Adel ihrer Haltung.
Charlotte Lengefeld spielt in „Die Braut“ eine wichtige Figur am Rande der Ereignisse: die Freundin der düpiertem Charlotte von Stein ist dazu bereit, Handlangerdienste zu übernehmen – und das bei den andauernden hässlichen Intrigen gegen die Außenseiterin. Denn gerade Charlotte hat allen Grund, nicht das moralische Gewissen der feinen Gesellschaft im Dunstkreis des Weimarer Hofes zu spielen: ihr Gatte Friedrich Schiller hat sich sehr wohl eine Menage a trois mit seiner Schwägerin Karoline vorstellen können...
„Goethe kommt in dem Film eigentlich nur vor, um zu gehen“ sagt Egon Günther zur ungewöhnlichen Perspektive seines letzten Spielfilms, der im Goethe-Jahr einen besonderen Akzent setzte – nicht zuletzt bei einer feierlichen Aufführung in Weimar im Rahmen des Kulturhauptstadt-Jahres, wo sich gewöhnlich alles um den Literatur-Übervater dreht.
Pitt Herrmann