Neben der Zeit

Deutschland 1994/1995 Spielfilm

Inhalt

Eine Kleinstadt in Ost-Deutschland nach der Wiedervereinigung: Alles verändert sich, der Bahnhof und die dazugehörige Bar werden geschlossen, und in naher Zukunft werden die Züge nicht mehr in der Kleinstadt stoppen. Der Ort und seine Bewohner werden "neben der Zeit" zurückgelassen. Auch die russischen Soldaten verlassen den Ort. Einer von ihnen, Sergej, möchte nicht gehen und versteckt sich einer verlassenen Kaserne. Bei einem ihrer nächtlichen Streifzüge entdeckt Sophie den russischen Deserteur. Aus anfänglicher Schüchternheit entwickelt sich Liebe, die jedoch die Harmonie innerhalb Sophies Familie zu zerstören droht. Ihre Mutter und ihr älterer Bruder fühlen sich durch den ruhigen Fremden in ihrem letzten Rest der Vertrautheit angesichts der allgegenwärtigen Veränderungen gestört. Ihre heftigen Aversionen kulminieren schließlich in einer furchtbaren Tat. Sophie verlässt daraufhin den unglückseligen Ort und lässt ihren Bruder und ihre Mutter zurück.

 

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Heinz17herne
Heinz17herne
In „Neben der Zeit“ erzählen Andreas Kleinert und Ko-Autorin Isabelle Wolff zwei Geschichten parallel: Die der Wende-Umbruchphase in einer dörflichen Kleinstadt irgendwo in den neuen Bundesländern und die einer ungewöhnlichen Liebesbeziehung zwischen einem desertierten russischen Soldaten und einer jungen Eisenbahnerin. Beide Geschichten werden auf geschickte Weise miteinander verwoben. Der Titel führt etwas in die Irre, sollte richtiger „Aufbruch in die neue Zeit“ lauten. Denn am Ende ist es Sophie, die von Julia Jäger mit bemerkenswerter, ja entwaffnender Frische verkörpert wird, die sich aus der unerträglich gewordenen beruflichen und familiären Situation befreit und den nächstbesten Zug in Richtung Berlin besteigt.

Die Familie ist die Keimzelle der Handlung: Die Mutter und ihre beiden Kinder, Sohn Georg und Tochter Sophie, haben sich selbst zurückgezogen in den unsicheren Zeiten in Folge der politischen und ökonomischen Wende. Der Bahnhof der Kleinstadt irgendwo an der Strecke nach Berlin wird geschlossen wie die Bahnhofskneipe, bisher gesellschaftlicher Mittelpunkt der Gemeinde. Wenn hier nur noch Fernzüge durchrauschen, wird es für Sophie keine berufliche Zukunft mehr geben. Wie auch für ihre Mutter, bisher Wirtin der Mitropa-Bahnhofsgaststätte, die sich schon jetzt nur mit Nebenjobs durchschlägt, als Putz- und Friseurhilfe, als Heimarbeiterin an der Nähmaschine.

Georg ist offenbar geistig gestört und hat nichts rechtes gelernt. Er schlägt sich als Hilfsarbeiter auf einem Schrottplatz durch. So kleben die Drei mit ihrer ungewissen Zukunft eng aneinander, schließen sich von der Außenwelt ab. Erst als Sophie mit Sergej einen jungen Deserteur der Sowjetarmee kennen- und lieben lernt (Leinwanddebüt für den russischen Schauspielstudenten Michael Poretschenkow), begreift sie die familiäre Zurückgezogenheit als Gefängnis und ist bereit, dem verlockenden Ruf in die Hauptstadt zu folgen.

In den Nebensträngen der beiden Haupthandlungen werden brisante Probleme der Zeit nur klischeehaft angerissen: Russenmafia, Gewaltkriminalität im Bereich der abziehenden Sowjetstreitmacht, öde Leere im Alltagsleben der dörflichen Provinz. Auch die Lebensgeschichte der Mutter, die tröpfchenweise offenbar wird, riecht allzu sehr nach Konstruktion: Sophies Vater, ein Lehrer, hat sich auf dem Dachboden des Hauses, dem nun eine breite Autostraße vorgesetzt werden soll, welche die beschauliche Idylle beendet, erhängt, nachdem er, wahrscheinlich aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, mitbekommen hat, dass seine Frau ein Verhältnis mit einem russischen Offizier hatte.

Dieses üppige Bündel von Motiven hält Andreas Kleinert reichlich mystifizierend bis zum Schluss in der Schwebe wie auch das Binnenverhältnis zwischen der Mutter und ihren beiden Kindern: Inzest schwebt stets im Hintergrund mit, ohne dass der Verdacht erhärtet würde.

„Neben der Zeit“ in ein Ensemblefilm in etwas zu biederer Bildschirm-Ästhetik, der im Rahmen des 1993 von den ARD-Sendern Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg, Westdeutscher Rundfunk und Saarländischer Rundfunk ausgelobten Drehbuchwettbewerbs „Ein Tag in Deutschland“ entstand, bei dem unkonventionelle Sichtweisen auf das Thema Deutschland nach der Wiedervereinigung gefragt waren. Die Publikumspreise beim Festival um den Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken wie auch beim Film-Kunst-Festival in Schwerin resultieren, so zumindest meine Spekulation, weniger aus der Story als der feindifferenzierten Spielweise der Protagonisten, dabei im Mittelpunkt die zarte Liebesgeschichte zwischen der jungenhaft wirkenden Sophie und dem machohaften Armeedeserteur, der sich auf dem Fliegerhorst eines aufgelassenen Kasernengeländes der Sowjetarmee verborgen hält.

Aber auch zwischen Sophies Mutter und Sergej gibt es zarte Bande wie zwischen Sergej und Georg, Georg und Sophie oder Georg und seiner Mutter. Andreas Kleinert entführt mit seinem dritten Spielfilm, der mit einem geradezu lächerlichen Budget von 1,3 Millionen D-Mark auskommen musste, in eine intime, ganz von der Außenwelt abgeschottete Gemeinschaft, die jedoch die Zeitenwende nicht überdauern kann. Michael Poretschenkow, 1969 in Leningrad geborener Student der Akademie für Theaterkunst in St. Petersburg, kehrte nach den Dreharbeiten in seine Heimat zurück.

Andreas Kleinert im ARD-Presseheft: „Viel mehr als um konkret ostdeutsche Befindlichkeit ging es mir um eine klassische Geschichte, die vor hundert Jahren genauso hätte funktionieren können wie hundert Jahre später: Ich wollte die Sehnsucht nach Veränderung und gleichzeitig die Angst davor darstellen. Was in der Familie an Verdrängungen, an Lebenslügen, an Selbstbetrug passiert, löst letztlich die Katastrophen der Gegenwart und der Zukunft aus. Wer es dort nicht gelernt hat, mit Problemen umzugehen, Alternativen zu suchen, muss letztendlich scheitern.“

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Regie-Assistenz

Drehbuch

Kamera-Assistenz

Material-Assistenz

Standfotos

Licht

Titel

Maske

Kostüme

Schnitt

Schnitt-Assistenz

Negativ-Schnitt

Ton-Assistenz

Ton-Bearbeitung

Mischung

Musik

Darsteller

Herstellungsleitung

Produktionsleitung

Dreharbeiten

    • 1994: Nedlitz und Umgebung (Brandenburg) [bis Herbst]
Länge:
107 min
Format:
35mm, 1:1,66
Bild/Ton:
Eastmancolor, Dolby
Aufführung:

Uraufführung (DE): 26.10.1995, Hof, Internationale Filmtage;
Kinostart (DE): 26.09.1996;
TV-Erstsendung (DE): 10.11.1996, ARD

Titel

  • Originaltitel (DE) Neben der Zeit

Fassungen

Original

Länge:
107 min
Format:
35mm, 1:1,66
Bild/Ton:
Eastmancolor, Dolby
Aufführung:

Uraufführung (DE): 26.10.1995, Hof, Internationale Filmtage;
Kinostart (DE): 26.09.1996;
TV-Erstsendung (DE): 10.11.1996, ARD

Digitalisierte Fassung

Länge:
107 min
Format:
DCP, 1:1,66
Bild/Ton:
Farbe, Mono