Härtetest

Deutschland 1996/1997 Spielfilm

Inhalt

Der 26-jährige Jonas ist das, was man einen "Softie" nennt: Er wohnt noch zu Hause, fürchtet sich vor Schlangen, fährt immer vorsichtig Auto und nimmt keinerlei Drogen – im Gegensatz zu seinen beiden Freunden Robert und Thilo. Eines Tages verliebt Jonas sich in die selbstbewusste Öko-Aktivistin Lena. Aber da Lena unter einem "Softie-Trauma" leidet, muss der schüchterne Jonas ihr und ihren skeptischen WG-Mitbewohnern erst einmal beweisen, dass er kein "Weichei" ist. So muss er sich gegen einen eifersüchtigen Nebenbuhler behaupten, eine Horde Skinheads in die Flucht schlagen und an einem bizarren "Öko-Anschlag" teilnehmen. Als schwierigster "Härtetest" erweist sich allerdings der Versuch, seiner gluckenhaften Mutter beizubringen, dass er ausziehen möchte.

 

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Heinz17herne
Heinz17herne
Das Kino der 1950er Jahre feiert fröhliche Urständ' in Janek Riekes „Härtetest“, obwohl sich anno 1997 das Helmut Kohl-Zeitalter längst dem Ende zuneigte. „Es gibt Frauen, die sollte Mann besser nicht knacken“: Dieser Werbespruch des Jugendfilm-Verleihs spricht für sich selbst. Emanzipierte, dazu noch dem „grünen“ Polit-Spektrum zuzurechnende Frauen als Blaustrümpfe, denen man(n) sich besser nicht nähern sollte. Ironie? Habe ich seinerzeit im Kreuzberger „Moviemento“, Berlins ältestem noch aktivem Lichtspielhaus, nicht glauben können: Janek Rieke und seine Produzentin Helga Bähr meinen das so, wie sie es nassforsch-reaktionär formulieren. Freilich: Wer beim Ophüls-Festival in Saarbrücken den Publikumspreis gewinnt, reitet auf der Mainstream-Welle. Und die war damals, Gerhard Schröder ante portas, konservativen Zuschnitts.

Janek Rieke spielt die Hauptrolle selbst, ein 26-jähriges Muttersöhnchen aus gutem hanseatischem Hause. Papa ist im Erdöl-Geschäft ein überaus erfolgreicher Reeder, seine Gattin das Heimchen, freilich nicht am Herde: das Kochen wird in solchem Hause einer matronenhaften Angestellten überlassen. Jonas, so heißt der Sprössling, lebt noch bei seinen Eltern daheim, und das gemeinsame sonntägliche Frühstück genießt oberste Priorität, auch wenn der Papa rasch wieder zu seiner „Welt“- Zeitungslektüre greift.

Jonas ist ein Schlappschwanz, der sich keiner Konfrontation stellt, weder daheim noch sonstwo in der Hansestadt. Bis er Lena kennenlernt, Fahrradbotin und Öko-Aktivistin. An ihrer Seite muss er die brenzlichsten Situationen meistern – gegen brutale Skins, gegen die Polizei nach einer Fäkal-Aktion in einem Laboratorium für genmanipuliertes Gemüse, gegen die eigenen High Society-Kumpel nach einer Attacke wildgewordener Radfahrer. Aus Jonas wird dennoch kein strahlender Held, zumal ihm seine Nuss- und Schlangen-Allergien immer wieder zusetzen wie auch ein Rivale aus Lenas Wohngemeinschaft.

Und das erheischt Sympathie: Hier werden zwar Klischees transportiert wie tumbe Polizisten, idiotisch gewalttätige Fußballfans, pseudonationale Skinheads, nicht nur die Umwelt rücksichtslos ausbeutende Wissenschaftler und Industrie-Kapitäne im wahren Wortsinn. Aber in „Härtetest“ bekommt jeder sein Fett weg, ganz ohne Rücksicht auf Multikulti-Verluste oder Political Correctness. Vielleicht hat dies den Film weit über Hamburg hinaus zum Kult-Ereignis werden lassen: „Härtetest“ entzieht sich jeder Schubladen-Kategorisierung. Rieke zeichnet seine Figuren mit großer Sympathie. Es sind Menschen mit allen Schwächen und Fehlern, die sie auch bis zum Ende beibehalten (dürfen). Und dieses Ende ist durchaus offen: Das so ungleiche Paar macht sich zwar auf zu einer Italien-Reise und damit zum nächsten Öko-Aktivisten-Termin. Aber es ist keineswegs eine ausgemachte Sache, ob Jonas dabei vom Saulus zum Paulus wird.

„Härtetest“ ist zwar kein großes Kino, sondern ästhetisch zu sehr dem Fernsehformat verhaftet. Aber der Film besticht durch überraschende und überaus komödiantische Wendungen, die in der Handlung liegen und nicht die handelnden Personen verbiegen. Die bleiben sich bis zuletzt treu: Lena träumt immer noch von einer radikalökologischen Gesellschaft, Jonas von einem geruhsamen Familienleben in gesicherten gutbürgerlichen Verhältnissen. Der „Härtetest“ besteht darin, immer neue Herausforderungen mit den eigenen, unzulänglichen Mitteln zu meistern.

Es sind die kleinen Wahrheiten, die diesen Film so populär machen. Das sexuelle Leben der Eltern von Jonas kommt erst wieder in Schwung, als sich herausstellt, dass ein Tankerunglück nicht zum Untergang des Unternehmens führt, weil der Kapitän nicht betrunken war und deshalb die Versicherung zahlt. Und Lena lädt analog dazu ihren Jonas erst nach erfolgreicher Öko-Aktion zur Liebesnacht ein...

Der hochkarätig besetzte erste abendfüllende Film Janek Riekes, in dem Hark Bohm als Psycho-Guru und Rudi Völler als Fußballidol mit Gastauftritten überraschen, ist am 29. August 2000 im NDR-Fernsehen erstausgestrahlt worden.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Dreharbeiten

    • 28.10.1996 - Dezember 1996: Hamburg
    • 28.10.1996 - Dezember 1996: Hamburg

Prädikat

    • : Wertvoll
Länge:
2298 m, 84 min
Format:
35mm, 1:1.85
Bild/Ton:
Farbe, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 10.03.1998, 79339, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): September 1997, Hamburg, Filmfest;
Kinostart (DE): 02.04.1998

Titel

  • Originaltitel (DE) Härtetest
  • Arbeitstitel (DE) Auch ohne Frau unglücklich
  • Arbeitstitel (DE) Beziehungswaise

Fassungen

Original

Länge:
2298 m, 84 min
Format:
35mm, 1:1.85
Bild/Ton:
Farbe, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 10.03.1998, 79339, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): September 1997, Hamburg, Filmfest;
Kinostart (DE): 02.04.1998

Auszeichnungen

Filmfestival Max-Ophüls-Preis 1998
  • Interfilmpreis
  • Publikumspreis