Es gilt das gesprochene Wort

Deutschland Frankreich 2018/2019 Spielfilm

Inhalt

Die Pilotin Marion hat ihr Leben eigentlich im Griff, vor allem auch weil sie gut darin ist, Gefühle von sich fernzuhalten. Als bei ihr Krebs diagnostiziert wird, erzählt sie daher nicht einmal ihrem Lebensgefährten davon. Stattdessen reist sie in die Türkei, wo sie Baran, einen wesentlichen jüngeren Türken kennenlernt, der seinen Lebensunterhalt unter anderem damit bestreitet, sich für Touristinnen zu prostituieren. Unerwartet und spontan entscheidet sich Marion dafür, mit Baran eine Scheinehe einzugehen, um ihm ein besseres Leben in Deutschland zu ermöglichen. Was zunächst als selbstlose gute Tat erscheint, legt aber schon bald das Seelen- und Gefühlsleben der unterkühlten Marion offen und es zeigt sich, dass sich trotz ihrer sehr unterschiedlichen Lebenswelten hier zwei Menschen auf Augenhöhe begegnen. Nicht zuletzt diese Erkenntnis bringt eine neue, ungeahnte Dynamik in die Beziehung der beiden.

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Heinz17herne
Heinz17herne
„Austausch der Ringe und eine entsprechende Geste“ erwartet in überspitzt formuliertem Bürokratendeutsch die Standesbeamtin von Marion Bach und ihrem nunmehrigen Gatten Baran, den sie aus dem Türkei-Urlaub nach Hamburg mitgebracht hat. Und der kein Deutsch versteht, weshalb die mit der Einbürgerung in die Europäische Union verbundene Trauungszeremonie wörtlich übersetzt werden muss. Schnitt. Rückblende.

I. Ich war. Ein junger Mann, der 23-jährige Baran, ist per Autostopp aus dem kurdischen Hinterland der Türkei unterwegs an die Ägäisküste. Und wird nachts am Strand um seine letzten Habseligkeiten gebracht. Er sucht Arbeit, erst auf dem Basar, dann in den Touristenlokalen von Marmaris. Und findet einen schlecht bezahlten Job als Tellerwäscher, mutiert bei Bedarf aber nahtlos zum Kellner und Eintänzer rasch begeisterter zahlungs- und sexwilliger weiblicher Feriengäste. Der attraktive Entertainer, der auf den Tischen tanzt und mit beleibten älteren Damen ins Bett steigt, wird zu einer richtigen Attraktion. Kommt ihm einmal eine begehrenswerte Europäerin unter wie eine junge Belgierin, bittet er sie, ihn pro forma zu heiraten, damit er Bürger der EU werden kann. Naturgemäß geht niemand auf seinen Wunsch ein. Auch die toughe deutsche Flugkapitänin nicht, die er vor den Zudringlichkeiten anderer Eintänzer schützt – zum eigenen Schaden.

Zurück in der Heimat gibt Marion dem Chef des Bodenpersonals am Hamburger Airport, Mark, der stets ein besonders liebevolles Auge auf sie wirft, ein kitschiges Souvenir für dessen Frau mit. Als sie beim Joggen im Wald plötzlich Nasenbluten bekommt und zur Untersuchung in eine Klinik fährt, erhält die selbstbewusste Karriere-Frau eine niederschmetternde Nachricht: Brustkrebs. Vor der unvermeidlichen Totaloperation will Marion noch einen luxuriösen Urlaub in einem Fünf-Sterne-Hotel in Marmaris verleben - mit ihrem Freund Raphael, der verheiratet ist und ihr offenbar schon mehrfach versprochen hat, sich von seiner Familie zu trennen. Folgenlos. So ist sie bereit für Barans Dienste – und hinterlässt ihm am Ende immerhin ihre Handynummer.

II. Du bist. Raphael, Konzertmusiker in der Elbphilharmonie, wacht an Marions Bett, als sie nach der Operation in der Klinik aufwacht. Und empfindet es als Schlag ins Kontor, als ihm seine langjährige Geliebte offenbart, bald heiraten zu wollen. Nein – nicht ihn, Raphael ist ja schon unter der Haube und außerdem glücklicher Vater. Sie hat mit Baran geschrieben, ihm ein Visum besorgt – und ein kleines studentischen Appartement. Der Deal: Er hat drei Jahre nach der Eheschließung Zeit, die notwendigen Voraussetzungen für seine Einbürgerung, die mit dem deutschen Pass verbunden ist, zu erfüllen. Ein anstrengendes Programm, das mit Sprachkursen und der Arbeitssuche beginnt. Ohne Führerschein sind aber nur prekäre Jobs drin, auf Drängen Marions erhält er eine Anstellung auf dem Hamburger Flughafen. Sein Landsmann Ferdi weist ihn ein und erlaubt ihm, einen Werkzeugkoffer mit nach Hause zu nehmen, angeblich um Einrichtungsarbeiten in der Wohnung ausführen zu können. In Wirklichkeit hat sich Baran mit seinen jungen Nachbarn angefreundet, repariert geklaute Fahrräder und vertickt sie auf Flohmärkten.

III. Wir werden sein. Baran und Marion kommen sich endlich, nach einem gemeinsamen Konzertbesuch in der Elbphilharmonie, näher. Weil sie ihre Angst, nach der Brust-Operation nicht mehr attraktiv genug zu sein für einen Mann, noch gar einen rund 20 Jahre jüngeren, überwunden hat. Noch 18 Monate bis zum deutschen Pass. Zur Ablegung des Führerscheins benötigt Baran eine Brille und Marion zeigt sich beeindruckt von seinem Willen, das Ziel zu erreichen. Gleichzeitig ist sie eifersüchtig auf seine junge Nachbarin. Als Baran fälschlicherweise beschuldigt wird, Passagiergepäck gestohlen zu haben, kommen die Sache mit dem Werkzeugkoffer und sein kleiner Nebenverdienst heraus. Baran fühlt sich unverstanden, kehrt in die Türkei zurück und erhält aufgrund seiner inzwischen erworbenen Sprachkenntnisse und seinen beruflichen Erfahrungen in Hamburg einen gutbezahlten Job auf einem Flughafen. Im dortigen Restaurant sitzt eine hochschwanger Marion. Wird sie sich ihm zu erkennen geben?

Gegensätzlicher könnten die Lebenswelten der beiden Protagonisten in Ilker Çataks erst zweitem Spielfilm kaum sein, als sie sich am Strand von Marmaris zum ersten Mal begegnen: eine selbstbewusste, unabhängige Pilotin aus Deutschland trifft auf einen charmanten Aufreißer wider Willen, der von einem vor allem materiell besseren Leben im Schengen-Raum träumt. Basierend auf dem gleichnamigen Jugendbuch von Nils Mohl hatte der 1984 in Berlin geborene Deutsch-Türke Ilker Çatak 2017 mit „Es war einmal Indianerland“ ein eindrucksvolles Spielfilmdebüt hingelegt, nachdem er 2014 mit den Kurzfilmen „Wo wir sind“ und „Sadakat“ den Max-Ophüls-Preis, mit Letzterem auch den First Steps Award und den Studenten-Oscar gewann.

Ogulcan Arman Uslu, der 1972 in Istanbul geborene Schauspieler am Staatstheater Ankara und Stadttheater Bursa, brilliert in seiner ersten Leinwand-Hauptrolle als Baran an der Seite des nicht weniger großartigen Theaterstars der Berliner Volksbühne und des Zürcher Schauspielhauses, Anne-Ratte Polle, in einem gut zweistündigen Film, der endlich aus dem Multikulti-Wohnfühl-Ghetto deutscher Komödienproduktionen ausbricht und das Publikum nur mit einem leisen Hoffnungsschimmer auf ein gutes Ende aus dem Kinosessel entlässt. Arte strahlt ihn als Free-TV-Premiere am 6. Oktober 2021 aus.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Regie

Kamera

Szenenbild

Kostüme

Produktionsfirma

Produzent

Co-Produzent

Line Producer

Herstellungsleitung

Erstverleih

Dreharbeiten

    • 18.09.2018 - 11.11.2018: Mamaris, Bodrum, Hamburg
Länge:
122 min
Format:
DCP, 1:2,39 (CinemaScope)
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 14.06.2019, 190543, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 28.06.2019, München, Filmfest;
Kinostart (DE): 01.08.2019

Titel

  • Arbeitstitel (DE) Bezness
  • Originaltitel (DE) Es gilt das gesprochene Wort
  • Weiterer Titel I Was, I Am, I Will Be

Fassungen

Original

Länge:
122 min
Format:
DCP, 1:2,39 (CinemaScope)
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 14.06.2019, 190543, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 28.06.2019, München, Filmfest;
Kinostart (DE): 01.08.2019

Auszeichnungen

Heimat Europa Filmfestspiele 2020
  • Edgar, Bester moderner Heimatfilm
Deutscher Filmpreis 2020
  • Lola in Bronze, Bester Spielfilm
Bayerischer Filmpreis 2020
  • Beste Hauptdarstellerin
Fünf Seen Filmfestival 2019
  • DACHS, Drehbuch
Festival des deutschen Films Ludwigshafen 2019
  • Lobende Erwähnung
Filmfest München 2019
  • Förderpreis Neues Deutsches Kino, Bestes Schauspiel
  • Förderpreis Neues Deutsches Kino, Drehbuch