Inhalt
Yella will weg, endlich die ostdeutsche Kleinstadt, ihre gescheiterte Ehe hinter sich lassen, nach Westen, jenseits der Elbe, wo es Arbeit und Zukunft geben muss. In Hannover lernt sie Philipp kennen, der für eine Private-Equity-Firma arbeitet. Als seine Assistentin bewährt sie sich in der Welt des Venture Capitals, der gläsernen Büros, der Leasing-Limousinen, der diskret ausgeleuchteten Hotellobbys. Alles scheint leicht, ein Spiel mit lauter Gewinnern. Philipp wird der Mann an ihrer Seite, aufmerksam, unsentimental, mit einem Ziel vor Augen, das ein gemeinsames werden könnte. Yella scheint angekommen zu sein auf der richtigen Seite der Elbe. Doch immer wieder bricht etwas auf, schieben sich seltsam gegenwärtige Stimmen und Geräusche aus der Vergangenheit in ihr neues Leben. Sie hat Angst, dass dieses Leben nicht wahr ist, dass sie träumt. Sie will die Augen offen halten. Nur wer schläft, kann aufwachen.
Quelle: 75. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)
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Yella will nach Westen, über die Elbe, wo es Arbeit und Zukunft gibt. Im zwei Zugstunden entfernten Hannover kann sie wieder als Buchhalterin arbeiten, wie sie voller Erleichterung ihrem Vater berichtet. Für die Probezeit will sie sich in einem Hotel einmieten. Am anderen Morgen lässt sie sich statt auf das bestellte Taxi zu warten von Ben zum Bahnhof fahren. Doch der hat anderes mit seiner „Ex“ vor, spricht von großen Plänen, die sich wie der Bau eines DHL-Luftkreuzes in Wittenberge rasch als Luftschlösser entpuppen, lässt nichts unversucht, Yella zu halten. Als seine Bemühungen nichts fruchten, lenkt der jähzornige Psychopath sein Fahrzeug bewusst in die Elbe – ein inszenierter Autounfall als (Selbst-) Mordversuch.
Doch beide werden wie durch ein Wunder unversehrt ans Ufer getrieben. Yella fängt sich als erste und nimmt den nächsten Zug in die niedersächsische Hauptstadt. Völlig durchnässt und mit den Nerven am Ende wird sie auf dem Weg ins Hotel Zeugin einer kleinen, vertrauten Familienszene, deren Protagonisten sie viel später noch begegnen wird. In der Hotellobby begegnet sie Philipp, der für eine Private Equity-Firma auf Reisen ist. Er zieht die Stirn in Falten, als er erfährt, wo Yella am anderen Morgen anfangen soll: Bei Schmitt-Ott auf dem Expo-Gelände. In der Tat ist Yella gelinkt worden: Dessen Unternehmen wird gerade abgewickelt, der smarte Chef hat Hausverbot, will mit der Neuen dennoch Austern essen gehen. Da kann sich Yella gerade noch rechtzeitig abseilen.
Philipp lädt die Verzweifelte ein, ihn zu einem Geschäftstermin mit Dr. Fritz zu begleiten. Es geht um Kredite für riskante Investitionen und Philipp entwickelt eine Verhandlungsstrategie für seine unkundige Partnerin. Doch Yella kommt sogleich bestens zurecht in der Welt des Venture Capitals, der gläsernen, kabellos vernetzten Konferenzräume mit dem ungehinderten Blick auf die freie Welt der Marktwirtschaft, der lautlos schnurrenden Leasing-Limousinen, der unentwegten Bewegung – und verinnerlicht geradezu das „Broker-Posing“ und die anderen kleinen Verhandlungstricks.
Alles scheint leicht, ein Spiel, das keine Verlierer kennt. Nur satte Provisionen, auch an Philipps Frankfurter Auftraggebern vorbei. Yella bewährt sich, wird seine Assistentin, bar ausbezahlt am Ende jeden Arbeitstags. Tausend Euro pro Einsatz, leicht verdiente Kohle. Wenn da nicht Ben wäre, der plötzlich in ihrem Hotelzimmer am Stadtrand von Hannover auftaucht. Und handgreiflich wird. Die Vergangenheit lässt Yella nicht los. Könnte man sich nicht von ihr freikaufen? Sie versuchts mit 25.000 Euro, die sie an Ben schicken will. Philipp hat die Kohle übersehen. Doch nur zum Schein, es war eine Probe. Und sie hats vermasselt.
Und doch nicht: Yella behält ihren einträglichen Job als Stichwortgeberin, aber auch als versierte Buchhalterin, die die Schwachpunkte der Gegenseite mit brutaler Direktheit offenlegt. Yella ist hinter Philipps Geheimnis gekommen: Er betrügt seine Auftraggeber, um einmal selbst über genug Risikokapital zu verfügen für ein Dubliner Unternehmen. 200.000 Euro fehlen noch. Nach einer gemeinsam verlebten Nacht ist sie bereit, ihm dabei zu helfen. Denn Philipp gewährt ihr Schutz vor seltsam gegenwärtigen Stimmen und Geräuschen aus der überlebten Vergangenheit, die immer wieder in ihre neue Welt einbrechen. Und vor den Spuren fremder Anwesenheit in ihrem Zimmer, auf dem Flur, in der Umgebung des Hotels: Der Schatten könnte Ben gewesen sein.
Philipps Auftraggeber sind misstrauisch geworden. Das nächste Projekt in Dessau wird sein letzter Auftrag sein. Die Verhandlungen mit Dr. Gunthen laufen schleppend, Philipp wirkt zum ersten Mal unentschlossen. Da beschließt Yella, die fehlende Summe zum irischen Traum auf eigene Faust einzutreiben...
„Yella“ ist für Petzold-Fans nach „Wolfsburg“ und „Toter Mann“ eine willkommene Bestätigung ihrer Erwartungen, für alle anderen eine Enttäuschung. Schlicht zu vorhersehbar die (Psycho-) Thriller-Elemente wie das effektvolle Rauschen der Blätter, das glucksende (Elbe-) Wasser, das „zweite Gesicht“ der Titelfigur, der vom Horrorfilm „Carnival of Souls“ inspirierte Rahmen, die Bezüge zur Filmgeschichte (Yella Rottländer aus „Alice in den Städten“ von Wim Wenders). Das ist alles schön intellektuell, daran haben die Interpreten 'was zu knabbern, und wende-politisch ist „Yella“ auch noch. Zudem hochkarätig besetzt, einmal darf sogar Barbara Auer als Dr. Gunthens Gattin Barbara den Versuch unternehmen, Yella wie eine Hexe vom Hof zu jagen.
Christian Petzold im Piffl-Presseheft: „2001 haben wir an der Elbe 'Toter Mann' gedreht, das war mein erster Film mit Nina Hoss. Das war eine Geschichte, wo eine Frau vom Westen in den Osten geht, um sich am Mörder ihrer Schwester zu rächen. (…) Und da kam mir die Idee, dass man die Geschichte auch anders herum erzählen könnte, nicht von West nach Ost, sondern umgekehrt. Dass man die Ruinen der Industriegesellschaft verlässt, um im Westen, im modernen Kapitalismus Anschluss zu finden. Der moderne Kapitalismus, irgendwas muss ja sexy sein daran. Früher versteckten sich die Wucherer, den Dieben ähnlich. Heute sind sie leicht, charmant, gesund, buddhistisch. Aber wir stellen diese Welt noch immer dar in alten Bildern, Karikaturen. Wir haben kein Bild von ihr, keine Erzählung. Um diese neuen Bilder und neuen Erzählungen, darum ging es mir. (…) Mitten im Schreiben des Buchs ist mir erst aufgefallen, dass 'Yella' ein lupenreines Anagram von 'Leyla' ist. So hieß die Figur der Nina in 'Toter Mann'.“
Pitt Herrmann