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Lola muss in 20 Minuten 100.000 Mark auftreiben. Andernfalls wird ein Berliner Autoschieber ihren Freund umlegen, weil der als Geldbote versagt und diese Summe in der U-Bahn liegen gelassen hat. Lola hat drei Versuche. Der erste mündet in einen Raubüberfall, der zweite in einen Bankraub. Beide enden übel. Der dritte führt sie in ein Spielcasino.
Ein Märchenmotiv trifft auf die Dramaturgie eines Videogames: In drei zeitlich leicht verschobenen Varianten ergeben sich drei Handlungsabläufe, die auch für Randfiguren lebensentscheidende Wendungen nehmen. Diese in rasanten Flash-Forward-Fotoromanen durchzuspielen, ist Teil einer postmodernen Bricolage, für die Tom Tykwer die Ressourcen des aktuellen Kinos entfesselte: Von Trance- und Technotracks vorangetrieben, geriet "Lola rennt" zum filmischen Loop. In ihm fügten sich Video und 35 mm, Farbe und Schwarz-Weiß, Split-Screens und Slow-Motion, Jump-Cuts und Match-Cuts, Comics und 360-Grad-Kamerafahrten zur spielerischen Erkundung möglicher Wirklichkeiten – und zum ersten deutschen Film fürs 21. Jahrhundert. In ihm entwirft die Montage einen Stadtraum Berlins, in dem Ost und West zu einem imaginären Spielfeld zusammengewachsen sind.
Quelle: 76. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)
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Doch mit „Lola rennt“ änderte sich für die damals 24-Jährige auf einen Schlag alles – bis hin zu Rollenangeboten aus den USA. Auch für Tom Tykwer war dieser Kassenerfolg der Durchbruch – nicht nur als Kino-Regisseur, sondern auch als Mitbegründer des Berliner Unternehmens X-Filme Creative Pool, eine Art Wiederauferstehung des legendären Filmverlags der Autoren.
Überhaupt ist die Besetzung des Streifens „Lola rennt“ sein großes Plus. Mit dabei der an Franka Potentes Seite naturgemäß etwas verloren wirkende Moritz Bleibtreu als ihr Freund Manni, Armin Rohde als Wachmann Schuster und Joachim Król in einer kleinen, feinen und für die Entwicklung der Story nicht unwichtigen Nebenrolle als adliger „Penner“ Norbert von Au: Er findet in der Berliner U-Bahn rein zufällig eine Plastiktüte mit einem Haufen Bargeld und löst damit die Lawine der quer durch die neue alte Hauptstadt rennenden Lola aus.
Die Geschichte selbst ist eigentlich banal: Lola und Manni sind ein Liebespaar. Manni verdingt sich in einer Autoschieber-„Gang“ als Kurier. Als er, in Panik vor Fahrscheinkontrolleuren, in besagter U-Bahn eine Einkaufstüte mit 100.000 Mark liegen lässt, ist Manni verzweifelt: Wenn er das Geld nicht binnen zwanzig Minuten auftreibt, muss er dran glauben. Lolas Hirn rast. 20 Minuten, um Mannis Leben zu retten. Ihr erster Gedanke gilt ihrem Vater. Doch der Bankdirektor ist zu sehr mit einer gewissen Jutta Hansen beschäftigt, als dass er ernsthaft erwägt, Lola die Summe auszuhändigen. Im Gegenteil, er lässt seine Tochter vom Wachmann Schuster kurzerhand an die Luft setzen.
Als Lola den vereinbarten Treffpunkt zu spät erreicht, ist Manni bereits dabei, sich die Summe mit einem (naturgemäß dilettantisch ausgeführten) Supermarkt-Überfall zu beschaffen. Nun beginnt das eigentliche „Abenteuer“, wobei sich Regisseur Tom Tykwer drei Versionen ausgedacht hat. Welche hier natürlich nicht verraten werden...
Tom Tykwer vereint Bilder voller Kraft und Dynamik zu einem vibrierend schnellen, unkonventionellen Film, der überdies noch kongenial besetzt ist. Aber geht es bei ihm wirklich um „das aufregende Lebensgefühl der Spätneunziger“, wie uns die PR-Abteilung des Prokino-Verleihs weismachen will? „Lola rennt“ reiht sich ein in die bessere Sorte der Mainstream-Liebeskomödien und war der erste dieser Genrestreifen, der auch im Ausland Erfolg hatte. Immerhin!
Pitt Herrmann