Inhalt
Preisgekrönter TV-Dreiteiler nach dem autobiografischen Roman von Erwin Strittmatter, dessen Geschichte von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart reicht: Im Jahr 1919 zieht der neunjährige Esau Matt mit seinen Eltern und den Großeltern von Polen in ein deutsches Grenzdorf in der Niederlausitz. In dem Örtchen Bossom eröffnen die Matts einen kleinen Krämerladen, der für die Einwohner des Städtchens schon bald zum Zentrum des öffentlichen Lebens wird. Die Frauen treffen sich im "Laden" zum Tratschen, die Männer zum Bier. "Der Laden" ist Schauplatz von Komödien, Tragödien und Lebensgeschichten. Aber auch im Hause Matt bleiben bei drei Generationen unter einem Dach Spannungen und Schwierigkeiten nicht aus. All das beobachtet der kleine, sensible Esau still und staunend – Jahre später wird er die zahllosen Geschichten und Schicksale in seinen Romanen verarbeiten.
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1927 in Spremberg. Esau Matt wohnt beim Lyzeum-Hausmeister Baltin und seiner Gattin Mina und sehnt sich nach Bossdom zurück. Wo sich der Laden inzwischen um eine Poststelle vergrößert hat – und die Familie um den kleinen Frede. Esau lernt Ilonka Spadi kennen, die recht kapriziöse Tochter eines Berliner Rechtsanwaltes, welche später sogar in seine Klasse im Jungengymnasium aufgenommen wird. Aber die verliebt sich in den neuen Lehrer Dr. Apfelkorn (Heikko Deutschmann), der schon das Hakenkreuz am Revers trägt. Was Esau mit einer Eselei quittiert: Er ohrfeigt seinen Rivalen vor der versammelten Klasse und fliegt von der Schule.
Bossdom im Jahr 1946. Esau (nun Arnd Klawitter) ist aus dem Krieg zurückgekehrt in sein Heimatdorf, in dem nichts mehr so ist wie früher. Der geliebte Großvater ist gestorben und die Frau seines Bruders Tinko (Paul Herwig), Elvira, hat mehr als nur ein Auge auf den Heimkehrer geworfen. Der auch von der Gattin seines anderen, noch nicht aus dem Krieg zurückgekehrten Bruders Heinjak (Robinson Reichel), Hertchen (Johanna Wokalek), umworben wird. Mutters Laden wird in eine staatliche Konsum-Filiale verwandelt und Esau heiratet Nona, die behauptet, er sei der Vater ihres Kindes, obwohl er eigentlich die Gemeindeschwester Christine liebt. Und zum Schreiben kommt Esau immer noch nicht, denn der schwerkranke Bürgermeister Weinrich (Peter Fitz) ernennt ihn zu seinem Nachfolger...
Erwin Strittmatter galt in der DDR als „der“ Heimatschriftsteller, obwohl er stets seine Unabhängigkeit vom SED-Regime und deren Kulturideologen wahrte. Was ihm durch seine Freundschaft mit Bert Brecht erleichtert wurde, der früh Strittmatters Stück „Katzgraben“ am Berliner Ensemble zur Uraufführung brachte und den Strittmatter in seinem Roman nur als „listiger Augsburger“ bezeichnet. Strittmatters Romane wie „Ochsenkutscher“, „Tinko“ oder „Ole Bienkopp“ waren sämtlich große Verkaufserfolge in der DDR. Was auch für seine Kurzprosa wie „Schulzenhofer Kramkalender“ gilt. Erwin Strittmatters Werke und die seiner Gattin Eva, einer begnadeten Lyrikerin, sind in der Bundesrepublik so gut wie unbekannt gewesen – bis zu Jo Baiers „Der Laden“-Verfilmung als Fernseh-Dreiteiler.
Die 1.500 Seiten des Niederlausitz-Romans, der durch witzige Sprachverknappung und häufige Dialekt-Verwendung Authentizität behauptet, bestehen nach Angaben des Autors zu neunzig Prozent aus Wahrheit und nur zu zehn Prozent aus Dichtung. Was viel aussagt über die Welthaltigkeit eines Romans, der nach herkömmlichem Schubladendenken der Germanisten keiner sein darf: zu viel Bericht mit direkter Ansprache an das Lesepublikum und augenzwinkernder Gemeinschaft zwischen dem Autor und seiner Leserschaft.
Minutiös und mit ungeheuer Detailfreude wird die Welt einer Provinz abseits des fernen Berlin über mehr als eine Generation hinweg geschildert. Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Nazi-Herrschaft, Zweiter Weltkrieg, Kommunismus in der Besatzungszeit, Aufbau der DDR: Man wünscht sich einen vierten Teil bis zur „Wende“ und der deutschen Wiedervereinigung, leider verstarb Erwin Strittmatter 1994, zwei Jahre nach Abschluss des dritten Teils seines „Laden“.
Esau Matts Geschichte ist die seines Autors Erwin Strittmatter, und darin kommen alle Wechselfälle des Lebens der Menschen zwischen Fichtelberg und Kap Arcona vor: erstaunlich ungeschminkt in den 1983 und 1987 erschienenen beiden ersten Bänden, gänzlich vom Druck der SED-Zensoren befreit im dritten Band 1992. Das in der DDR übliche „zwischen den Zeilen lesen“ kann eine Verfilmung, die sich bewusst an ein gesamtdeutsches Publikum wendet, naturgemäß nicht 'rüberbringen, weshalb Ulrich Plenzdorf und Jo Baier ganze Handlungsstränge der Vorlage unberücksichtigt gelassen haben. Dennoch ist bei aller Notwendigkeit, dem Publikumsgeschmack etwa mit der Aufwertung von Liebesepisoden Rechnung zu tragen, ein 40.146 Meter langer Film, auf dem 81 Schauspieler und 903 Komparsen zu sehen sind, entstanden, der dem Roman sehr nahekommt.
Pitt Herrmann