Schwestern oder Die Balance des Glücks

BR Deutschland 1979 Spielfilm

Inhalt

Maria und Anna sind zwei Schwestern, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Während Maria zielstrebig an ihrer Karriere als Sekretärin arbeitet, ist die jüngere Studentin Anna unsicher, wie sie Zukunft gestalten soll.

 

Anna, deren Studium von Maria finanziert wird, ist materiell und emotional vollkommen abhängig von ihrer übertrieben fürsorglichen Schwester. Als sie den psychologischen Druck nicht mehr erträgt, nimmt sie sich das Leben. Daraufhin freundet Maria sich mit ihrer Kollegin Miriam an, die für sie zu einer Art Ersatzschwester wird – und versucht, sie ebenso einzunehmen, wie sie es zuvor bereits mit Anna getan hatte.

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Heinz17herne
Heinz17herne
Maria (bemerkenswertes Spielfilm-Debüt des Schaubühnen-Theaterstars Jutta Lampe) und Anna sind Schwestern mit völlig konträrer Lebensauffassung und Lebensweise. Maria, die ältere, ist den Erfolgsweg gegangen. Als der Vater stirbt, dem sie an Tatkraft und Durchsetzungsvermögen gleicht, wird sie von der Oberschule genommen, um einen kaufmännischen Beruf zu erlernen. Von da an gehts bergauf – materiell. Maria bildet sich weiter und erreicht die Position einer Chefsekretärin in einem größeren Unternehmen. Verbunden allerdings mit Überstunden und weiteren Nebenbeschäftigungen, die von jemandem in Vertrauensstellung erwartet werden. Reichlich klischeehaft, dass sich nicht nur der Chef um die so attraktive wie selbstbewusste Frau bemüht, sondern auch sein Sohn.

Ganz anders die jüngere Schwester Anna, die eher nach ihrer Mutter Maria Sundermann kommt: verspielt und versponnen hat sie Angst vor dem Leben und der Zukunft, vor den nächtlichen Träumen und dem Alleinsein, ganz allgemein vor der Wirklichkeit. Anna ist wiederum davon überzeugt, nicht so sein zu wollen wie die Erfolgsmenschen um sie herum. Sie hat Abitur gemacht und studiert nun Biologie – auf Kosten ihrer älteren Schwester, mit der sie sich auch die Wohnung teilt. Klar, dass sich Anna einiges anhören muss - von wegen Kostgängerin und Lieblingstochter. Was einerseits Schuldgefühle bis hin zum Minderwertigkeitskomplex hervorruft, andererseits aber auch zu völliger Absonderung von ihrer Umwelt führt. Anna, deren Freund, der Schriftsteller Fritz, sich aufs Land zurückgezogen hat, führt ein Tagebuch, in das sie Polaroid-Selbstporträts einfügt: sie ist sich ihrer Person gewiss und ihrer Willensstärke bewusst.

Der Kanon der Gemeinsamkeiten, im Grunde ihre Kindheit, reicht auf Dauer nicht aus, die Balance des Glücks zu erhalten – und Anna entzieht sich allen Anforderungen durch Selbstmord. Was Maria nicht aus der Fassung bringt, ja noch nicht einmal zum Überdenken eigener Positionen zwingt. Im Gegenteil: sie möchte so weiterleben wie bisher und ersetzt die tote Anna durch die lebenslustige Miriam, einer Schreibkraft aus der anonymen Masse der Firma. Auch Miriam zieht zu Maria – aber Miriam ist nicht Anna. Lässt sie sich doch weder gängeln noch bemuttern, sondern verfolgt konsequent ihr Ziel, nach Amerika zu gehen, indem sie Fremdsprachen lernt. Miriam ist mit Robert „Robby“ Edelschneider (hat auch die Filmmusik komponiert und zwei neue Lieder beigesteuert: Konstantin Wecker), befreundet. Der Programmierer im Unternehmen ist in der Freizeit Liedermacher und träumt von einer großen Deutschland-Tournee.

Als Robby sich von der Firma emanzipiert, emanzipiert sich Miriam von Maria. Und Letztere beginnt erst jetzt, durch die neue Leere in ihrer Wohnung und in ihrem Leben, sich mit dem Tod ihrer Schwester auseinanderzusetzen. Liest Annas Tagebuch, denkt über sich selbst nach. Und beschließt, ein Stück ihrer selbst aufzugeben – zugunsten von Anna und Miriam: Sie will so werden, wie alle drei Schwestern zusammen, eine neue innerliche Balance des Glücks…

Margarethe von Trotta, selbst eine der großen Aufsteigerinnen im harten Filmgeschäft hierzulande, versieht ihr im Grunde pessimistisches Gesellschaftsbild mit einem optimistischen Schluss. Während Robby und Miriam ganz aussteigen und damit auf Wohlstand, Sicherheit und Bequemlichkeit verzichten, geht Maria das Wagnis eines Teil-Ausstiegs ein. Doch wird die Sekretärin bei ihrem Chef, dem Konzernmanager Münzinger, auf taube Ohren stoßen: Freiheit will erkauft werden. Der Schriftsteller Fritz hat sich bewusst zurückgezogen: „Erfolg hängt von der attraktiven Verpackung ab, in der man sich verkauft. Man muss seine Person, sein Wissen und seine Talente so vorteilhaft wie möglich anbieten. Um das zu erreichen, muss man aber bestimmte Wesenszüge in sich abtöten, also die Persönlichkeit reduzieren. Wer den Erfolg um diesen Preis nicht will, sich verweigert, setzt damit ein Lebenszeichen.“

Eine These, die in der DDR-Kritik, wo der Film im Juni 1981 in die Kinos kam, sogleich aufgegriffen wurde: „… vermittelt die kalte, nüchterne Arbeitswelt der Chefsekretärin mit ihrem Rationalismus und ihrer höflichen Fassade aus leeren Worten ein erschreckend deutliches Bild von jener Welt Bundesrepublik Deutschland“ schreibt Michael Hanisch im populären „Filmspiegel“ (11/1981).

Margarethe von Trotta über ihren „Frauenfilm“ von allgemeinmenschlicher und gesamtgesellschaftlicher Dimension (in: Cinecity, Zeitung des Bochumer Programmkinos Cinema, Oktober 1979): „Wie in meinem Film ‚Das zweite Erwachen der Christa Klages‘ spielen auch in ‚Schwestern‘ drei Frauen die Hauptrollen. Die Parallele ist nicht nur rein äußerlich. So wie im ersten Film die Entwicklungsgeschichten der drei Frauen Stationen im Leben einer einzigen Frau hätten sein können, sind es hier drei verschiedene Seelenzustände, die auch in einer einzigen Frau vereinigt sein und inneres Bewusstsein und Sensibilität in Bewegung setzen könnten: die Lebenslust, die Vitalität und Naivität der Miriam, daneben der Erfolgswillen und die Tüchtigkeit, die Rigorosität einer Frau wie Maria, schließlich die Verletzlichkeit und Todesbereitschaft einer Frau wie Anna.“

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Regie-Assistenz

Script

Kamera

Kamera-Assistenz

Standfotos

Ausstattung

Requisite

Kostüme

Garderobe

Schnitt

Schnitt-Assistenz

Ton-Assistenz

Mischung

Darsteller

Redaktion

Produktionsleitung

Aufnahmeleitung

Produktions-Assistenz

Dreharbeiten

    • 05.03.1979 - 21.04.1979: Hamburg, Berlin
Länge:
2611 m, 95 min
Format:
35mm, 1:1,66
Bild/Ton:
Eastmancolor, Mono
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 29.08.1979, 50971, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 18.09.1979, Hamburg, Filmfest;
Kinostart (DE): 21.09.1979, Berlin, Kurbel;
Kinostart (DE): 21.09.1979, Hannover, Film-Studio;
TV-Erstsendung (DE): 16.12.1981, ARD

Titel

  • Originaltitel (DE) Schwestern oder Die Balance des Glücks

Fassungen

Original

Länge:
2611 m, 95 min
Format:
35mm, 1:1,66
Bild/Ton:
Eastmancolor, Mono
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 29.08.1979, 50971, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 18.09.1979, Hamburg, Filmfest;
Kinostart (DE): 21.09.1979, Berlin, Kurbel;
Kinostart (DE): 21.09.1979, Hannover, Film-Studio;
TV-Erstsendung (DE): 16.12.1981, ARD

Auszeichnungen

IFF Hyères 1981
  • Großer Preis
IFF Sceaux 1981
  • 1. Preis
IFF Karlovy Vary 1980
  • FICC-Preis
Deutscher Filmpreis 1980
  • Filmband in Gold, Darstellerische Leistungen
FBW 1979
  • Prädikat: Besonders wertvoll