Berlin Alexanderplatz

Deutschland Niederlande 2018-2020 Spielfilm

Inhalt

Im Berlin der Gegenwart angesiedelte, freie Verfilmung von Alfred Döblins Romanklassiker aus dem Jahr 1929: Der aus Guinea-Bissau stammende Francis begibt sich auf illegalem Weg auf die gefahrvolle Reise von Afrika nach Europa. Als sein Boot in einen Sturm gerät, schwört er, ein anständiger Mensch zu werden, wenn er nur gerettet wird. Tatsächlich kommt er unversehrt in Europa an Land. Sein Weg führt ihn nach Berlin, wo er sich aufrichtig bemüht, seinen Schwur zu erfüllen. Doch die Freundschaft mit dem deutschen Drogendealer Reinhold führt ihn immer wieder an die Grenzen, da es dem gerissenen Ganoven ein ums andere Mal gelingt, den gutmütig-naiven Francis für seine Geschäfte einzuspannen. Die Liebe zu der herzensguten Mieze scheint dem Leben des Geflüchteten endlich eine positive Wendung zu geben. Aber so schnell gibt der intrigante Reinhold seinen "Schützling" nicht auf.

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Heinz17herne
Heinz17herne
Die von der Ich-Erzählerin Mieze an Stelle des Romanautors Alfred Döblin eingeführte Geschichte beginnt, als Francis an einem südeuropäischen Strand aufwacht – als einziger Überlebender einer Gruppe afrikanischer Flüchtlinge, die den gefährlichen Weg über das Mittelmeer genommen hat. Aus Dankbarkeit schwört er Gott, künftig ein neuer und notabene besserer Mensch sein zu wollen. Was zu helfen scheint, denn Francis, der aus dem westafrikanischen Guinea-Bissau stammt, in Berlin landet. Wo ihn der eloquente Reinhold zunächst vergeblich mit Bargeld anfixt, als Drogendealer zu arbeiten.

Ottu nimmt den Neuankömmling im Asylantenheim unter seine Fittiche: Schwarzarbeit auf dem Bau am Alexanderplatz bleibt Francis als einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Als er nach einem blutigen Streit vermeintlich sein Gegenüber getötet hat, ist er nicht nur den Job los: Er kann nicht in seine Unterkunft zurückkehren. So haben der psychopathische Reinhold und dessen herrischer Boss Pums, ein auch körperlich brutaler Old-School-Gangster hinter bürgerlich-väterlicher Fassade, leichtes Spiel. Zunächst versorgt Francis die Drogendealer in Berliner Parkanlagen täglich mit Mittagessen, Pums findet aber, er sei für den Caterer-Job zu schade. Aus Eifersucht stößt der sexsüchtige, aber impotente Reinhold seinen Untermieter, dem er stets die frustrierten Gespielinnen überlassen hat, aus dem fahrenden Auto: Francis verliert seinen linken Arm.

Die Sexclub-Besitzerin Eva, die Francis auf solch ungewöhnlichem Weg kennen und lieben gelernt hat, kümmert sich um ihn – und bittet sein bestes Pferd im Stall, Mieze, sich um den nicht nur physisch Verletzten zu kümmern. Der von den Frauen konsequent wie Döblins Biberkopf Franz genannt und zu ihrem Zuhälter erwählt wird. Was diesen nur finanziell glücklich macht: Er verschweigt Mieze sein ambivalentes Verhältnis zu Reinhold und kehrt sogar in Pums‘ Dienste zurück – diesmal als Drogendealer in der Hasenheide. „Männer wie ich sind aus der Mode gekommen“ stellt Pums fest und ahnt nicht, wie recht er hat: Nach einem Autounfall ergreift Reinhold die Chance, den Boss vom Thron zu stürzen. Seine Eifersucht auf Franz‘ demonstrativ offenbartes kleinbürgerliches Familienglück lässt Reinhold nicht ruhen: Er erwürgt die schwangere Mieze und richtet es so ein, dass Franz als Mörder verhaftet wird.

Dieser will sich – zum wiederholten Mal – umbringen, erwacht jedoch von Visionen geplagt in seiner Zelle. Doch auch Reinhold geht es nicht besser, sodass er den Mord an Mieze gesteht. In einem allegorischen, der Romanvorlage durchaus entsprechenden, aber hier leider schier unerträglichen Finale in Hollywood-Manier erkennt Franz, dass er den falschen Stimmen gefolgt ist und daher niemandem die Schuld an seinem Schicksal geben kann. Er akzeptiert die Verantwortung für das eigene Fehlverhalten und sitzt seine Strafe ab. Vier Jahre später ist aus Franz wieder Francis geworden: Aus dem Gefängnis entlassen kehrt er an den Alexanderplatz zurück.

In seinem nach „Shahada“ und „Wir sind jung. Wir sind stark“ dritten Spielfilm hat Burhan Qurbani den im Stil filmischer Montage im Jahr 1929 geschriebenen Romanklassiker „Berlin Alexanderplatz“ Alfred Döblins binnen 183 nicht durchgängig spannender Minuten nicht einfach adaptiert, sondern in unserer Gegenwart angesiedelt und damit quasi fortgeschrieben. Was sicherlich der bessere Weg ist, als sich mit Rainer Werner Fassbinders expressiv-verfremdeter und dabei kongenial-sozialkritischer 14-teiliger TV-Serie von 1980 vergleichbar zu machen. Der Cast birgt einige – positive – Überraschungen. Die größte ist Welket Bungué, der aus Xitole, einem Dorf in Guinea-Bissau, stammt. Aufgewachsen in Portugal und ausgebildet in Brasilien hat er im Historiendrama „Joaquim“ 2017 im Wettbewerb der Berlinale auf sich aufmerksam gemacht. Als die Casterin Alexandra Koknat ihn in Rio aufspürte, dachte er zunächst an eine Spam-Mail.

Burhan Qurbani: „Die Entscheidung, den Film aus der Sicht eines schwarzen Flüchtlings zu erzählen, lag für mich rein räumlich nah: Ich wohnte damals schon einige Jahre am Volkspark Hasenheide und begegnete jeden Tag den zumeist schwarzen Dealern im Park. So wie Franz Biberkopf aus dem Roman, ein Kleinkrimineller und Gelegenheitsarbeiter in den 30iger Jahren, lebten diese Männer in einer Parallelwelt zum bürgerlichen Deutschland. Sie sind an den Rand der Gesellschaft gespült worden. Als ein Kind afghanischer Flüchtlinge kannte ich das Gefühl, hier fremd zu sein und als etwas Fremdes angeschaut zu werden. Das ist ein Gefühl, das sich durch alle meine Arbeiten zieht. Dann sah ich die Möglichkeit, diesen ebenfalls ausgegrenzten und diskreditierten Menschen filmisch ein Gesicht zu geben.“

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Regie-Assistenz

Continuity

Licht

Szenenbild

Außenrequisite

Kostüme

Schnitt

Ton-Design

Herstellungsleitung

Produktionsleitung

Aufnahmeleitung

Erstverleih

Dreharbeiten

    • 23.05.2018 - 23.07.2018: Berlin, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen
Länge:
183 min
Format:
DCP
Bild/Ton:
Farbe, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 16.03.2020, 198035, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 26.02.2020, Berlin, IFF - Wettbewerb;
Kinostart (DE): 16.07.2020

Titel

  • Originaltitel (DE) Berlin Alexanderplatz

Fassungen

Original

Länge:
183 min
Format:
DCP
Bild/Ton:
Farbe, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 16.03.2020, 198035, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 26.02.2020, Berlin, IFF - Wettbewerb;
Kinostart (DE): 16.07.2020

Auszeichnungen

Deutscher Filmpreis 2020
  • Lola, Bestes Szenenbild
  • Lola, Beste Kamera / Bildgestaltung
  • Lola in Silber, Bester Spielfilm
  • Lola, Beste Filmmusik
  • Lola, Beste männliche Nebenrolle
FBW 2020
  • Prädikat: besonders wertvoll