Inhalt
Ina, gerade aus dem Gefängnis entlassen, kehrt auf der Suche nach dem Leben zurück an den Ort ihrer Kindheit und trifft in dem seit dreißig Jahren leer stehenden Haus ihrer Mutter auf den Gelegenheitsdesperado Domühl. Und auch Hagen, einen geistig behinderten Heimbewohner, verschlägt es auf der Suche nach seinem Onkel in eben jene ungewöhnliche Landschaft irgendwo im Nirgendwo südlich von Berlin. Zwischen Himmel und Restbeton, dem Jetzt und der Vergangenheit liegt der Ort "Altes Lager", ehemals einer der größten Militärstandpunkte der sowjetischen Armee. Hagen glaubt in Domühl, dem bankrotten und nicht immer nüchternen Gerüstbauer, seinen Onkel gefunden zu haben.
Nach dem Tod des Vaters hat Domühl nicht nur die Gerüstbaufirma, sondern auch die riesige Militäranlage geerbt, die der, kurz nach der Wende und vor seinem Erfrierungstod auf einem Gerüst, noch für eine D-Mark gekauft hatte. Seitdem schlägt er sich mehr schlecht als recht mit dieser vom Leben ihm zugeteilten Aufgabe herum, ist ein Außenseiter mit seinen Cowboystiefeln, seinen ihn umgebenden Spielplatztraum-Rudimenten und seinem Suff. Doch mit dem Einzug von Ina in das Haus und dem Einzug Hagens und seiner Ratte in seine Wohnung ändert sich sein Leben. Erst nach einigen Versuchen, Hagen loszuwerden, bemerkt Domühl, welche Kostbarkeit in ihrem Zusammensein liegt. Doch bis dahin ist es ein weiter und unbekannter Weg. Denn vor ihm liegt der Alltag mit einem "Behinderten" und in ihm ist die Sehnsucht nach Ina. Eine Geschichte über Menschen aus unserer Zeit und ihre Suche nach Verant wortung. Ein hoffnungsvoller Film und eine Reise in die Zukunft zugleich.
Quelle: 57. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)
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Seinem Sohn geht es nicht besser: Der Aufbau Ost stockt hier im südlichen Teil des Landkreises Potsdam-Mittelmark, für den Gerüstbauer gibt es keine lukrativen Aufträge mehr, nur die Pastorin hat ein Einsehen, aber wenig Kohle – und der Banker gar keine mehr für Domühl, dessen Kreditlinie hoffnungslos überzogen ist. Was hier noch läuft ist die Kneipe, in der Lulle hinter dem Tresen regiert, Magdas Getränkeshop und ihr stärkster Konkurrent, „Hajo“ Hagedorns Tanke, wo auch Domühl literweise Sprit tankt – weniger für seinen klapprigen SU-LKW, offenbar auch ein Überbleibsel des Militärstützpunktes „Altes Lager“, sondern für den Flaschenvorrat daheim.
Apropos daheim. Domühl hat es sich gemütlich gemacht in einem seit dreißig Jahren leerstehenden Haus – und jetzt ganz unverhofft eine Obermieterin bekommen. Ina, gerade aus dem Gefängnis entlassen, ist trotz der unvermeidlichen Nachbarschaft ihres fürchterlichen Bruders Otto an den Ort ihrer Kindheit zurückgekehrt und hat Domühl im Erdgeschoß des Hauses ihrer Mutter vorgefunden. Klaglos hat die Fünfzigjährige das obere Stockwerk in Beschlag genommen und ist auf Jobsuche bei ihrer Freundin Magda fündig geworden: Sie hilft in deren Getränke-Shop aus und versucht, das Leben zurückzugewinnen. Was ebenerdig in Person des freilich selten nüchternen Domühl schon sehnsüchtig auf sie wartet.
Unverhofft kommt oft. Domühl ist zwar ein Krawallmacher, aber hinter der Bullerkopf-Fassade steckt ein gutmütiger Mensch. So liest er, dessen Schrottkarre sowjetischer Bauart 'mal wieder den Geist aufgegeben hat, sozusagen von der Landstraße ein schon etwas in die Jahre gekommenes, aber offenbar sehr kräftiges Individuum auf, das es in diese gottverlassene Gegend verschlagen hat, weil es den Zug ein paar Stationen zu früh verließ. Der verstörte, aber hilfsbereite Mann, der Domühl samt Auto kilometerweit bis vor die Haustür schiebt, ist offenbar geistig behindert. Aus ihm, mit einer zahmen Ratte im Schuhkarton und ansonsten kaum Gepäck unterwegs, ist wenig mehr als immerhin sein Name herauszubekommen: Hagen.
Die Zweier-WG hält länger als erwartet, auch wenn die WC-Spareinstellung für Hagen nicht in Frage kommt. Zumal Caroline da 'was missverstanden hat: Domühls Vermisstenanzeige für Hagen nimmt sie als Kontaktanzeige auf. Dennoch klärt sich die Herkunft des sonderbaren Fremden: Hagen stammt aus einem Heim, dessen Leiter seinen Insassen aber nicht wieder zurücknehmen will, da dessen Neffe längst die erste Rate des Pflegegeldes kassiert habe.
Alle, Alle: Domühl ist pleite, Ina sitzt wieder im Knast, nachdem sie den gewalttätigen Gatten ihrer Freundin und Kollegin Magda im Affekt niedergestochen hat, und der solidarische Hagen hat seine heißgeliebte Ratte ins Klo gespült. Doch Ossi-Loser sind zäh, die Vier- wie die Zweibeinigen. So richten es sich Domühl und Hagen auf der „Ranch“ des verschwundenen Neffen mit den Überweisungen von der Pflegekasse ein – und irgendwann entsteigt auch die in Freiheit entlassene Ina einem Taxi...
„AlleAlle“ ist trotz der schnoddrigen Ausdrucksweise des Berliner Volksbühnen-Protagonisten Milan Peschel eine wunderbar leise, auf vielfache Weise berührende und überhaupt nicht larmoyante Loser-Geschichte aus dem wilden Osten der ja schon seit geraumer Zeit wiedervereinten, aber immer noch arg vernarbten Republik. Die auf dem schon 1992 entstandenen Theaterstück „Burnout“ des in Berlin lebenden gebürtigen Cottbuser Dramatikers Oliver Bukowski basiert. Was kein Zufall ist für Pepe Planitzers zweiten Spielfilm nach „Ein Schiff wird kommen“, gehört Bukowski doch zu den Hausautoren des in einem früheren DDR-Jugendclub in der Spandauer Vorstadt ansässigen (Off-) „Theater 89“, das die Produzentin und It Works-Mitinhaberin Annekatrin Hendel zusammen mit Hans Joachim Frank in Wende-Zeiten gründete und das sich auch dank des tollen Ensembles, von dem auch dieser Film profitiert, bis heute gehalten hat.
Der gebürtige Leipziger Eberhard Kirchberg, dessen Filmographie nicht nur „Heidi M.“ und „Goodbye, Lenin!“ umfasst, sondern bis zu den Defa-Erfolgen „Mama, ich lebe“ und „Der Aufenthalt“ zurückreicht, gehört ebenso dazu wie Simone Frost („Unser kurzes Leben“) und Marie Gruber („Das Leben der Anderen“), die durch „Polizeiruf 110“- und „Tatort“-Folgen des MDR große Popularität genießt.
Das so wirklichkeitsnah-gesellschaftskritisch grundierte Märchen aus der Provinz im Schatten der Metropole Berlin konnte bei der Uraufführung in der Berlinale-Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ einen Achtungserfolg erringen. In „AlleAlle“ haben sich drei Randexistenzen getroffen, die nun wirklich nicht zusammenpassen – und doch füreinander bestimmt zu sein scheinen. Wie es das schönste Bild des Trios vorwegnimmt: Als Ina sich den allzu zögerlichen Domühl endlich ins Bett geholt hat und beide sanft in Morpheus Armen liegen, krabbelt ein einsamer, aber gar nicht eifersüchtiger Hagen mit unter die Decke.
Pitt Herrmann