Barbara

Deutschland 2011/2012 Spielfilm

Inhalt

Sommer 1980 in der DDR. Die Ärztin Barbara hat einen Ausreiseantrag gestellt. Nun wird sie aus der Hauptstadt in ein kleines Provinzkrankenhaus strafversetzt. Jörg, ihr Geliebter aus dem Westen, bereitet ihre Flucht über die Ostsee vor. Barbara wartet. Die neue Wohnung, die Nachbarn, der Sommer und das Land, all das berührt sie nicht mehr. Sie arbeitet in der Kinderchirurgie unter Leitung ihres neuen Chefs André – aufmerksam gegenüber den Patienten, distanziert gegenüber den Kollegen. Ihre Zukunft fängt später an.

André verwirrt sie. Sein Vertrauen in ihre beruflichen Fähigkeiten, seine Fürsorge, sein Lächeln. Warum deckt er ihr Engagement für die junge Ausreißerin Stella? Ist er auf sie angesetzt? Ist er verliebt? Barbara beginnt die Kontrolle zu verlieren. Über sich, über ihre Pläne, über die Liebe. Dann rückt der Tag ihrer geplanten Flucht näher.

Nach "Gespenster" (2005) und "Yella" (2007) stellt Christian Petzold seinen dritten Film im Wettbewerb der Berlinale vor. Wieder steht eine Frau im Mittelpunkt, die sich wie ein Phantom durch ihr eigenes Leben bewegt. Es ist ein Leben, in dem sich die Überwachung und die Angst davor tief in die menschlichen Beziehungen eingeschrieben haben.

Quelle: 62. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)

 

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Heinz17herne
Heinz17herne
Sommer 1980 tief in der DDR-Provinz. Norddeutsche Backstein-Gotik. Barbara geht mit dem Glockenschlag zur Arbeit – und nimmt den Bus. Raucht noch eine Zigarette auf einer Bank, bevor sie das erste Mal ihren neuen Arbeitsplatz betritt. Es ist ein kleines Kreiskrankenhaus, weitab von der Hauptstadt Berlin, wo sie bisher als Kinderärztin an der Charité gearbeitet hat. Doch damit ist es nun vorbei: Barbara hat sich in den Wessi Jörg verliebt, einen Kollegen – und einen Ausreiseantrag gestellt. Was ihr nicht nur die verschärfte Beobachtung durch die Organe der Staatssicherheit, personifiziert im Stasi-Offizier Klaus Schütz und seinen Mitarbeitern eingebracht hat, sondern auch die Strafversetzung in den hohen Norden. Wo Barbara nun in doppelter Hinsicht ein scharfer Wind entgegenweht.

Während Jörg, mit dem sie sich weiter heimlich trifft, an der Organisation ihrer Flucht arbeitet, wobei sich jetzt die Ostsee als geeignete Möglichkeit anbietet, nimmt Barbara ihre Tätigkeit in der Kinderchirurgie auf. Sie muss sich akklimatisieren, in der Bruchbude von Wohnung und mit der allzu neugierigen Hausmeisterin Bungert, vor allem aber bei der misstrauischen, altgedienten Stationsschwester Schlösser und der eifersüchtigen, um ihre Nähe zum jungen Chef bangenden Kollegin, der Assistenzärztin Schulze. Denn es ist nicht zu übersehen, dass sich Chefarzt Andre Barbara gegenüber nicht nur wie ein netter und anständiger Vorgesetzter verhält, sondern auch wie ein nachsichtiger.

Er bringt viel Verständnis auf für die „Neue“, deren Biographie er natürlich kennt. Ist er doch selbst, der einmal in die Forschung wollte, nicht aus freien Stücken in diesem Nest gelandet, wo die Bürgersteige bei einbrechender Dunkelheit hochgeklappt werden. Barbara raucht zu viel, repariert den Schlauch eines in ihrem Keller gefundenen Fahrrads, um vom Busfahrplan unabhängig zu sein, und nimmt zu Schäferstündchen mit Jörg in der Anonymität eines Interhotels oder, wenn Not am Mann ist auch 'mal in der freien Natur, den Schienenbus. „Mit Optimismus gehen wir in die Zukunft“ lautet der Aufbau-Spruch am Kleinstadtbahnhof.

Barbara wartet. Die neue Wohnung, die Nachbarn, der Sommer und das platte Land, all' das berührt sie nicht mehr. Selbst die sich häufenden Durchsuchungen ihrer Wohnung samt hochnotpeinlicher Leibesvisitation erträgt sie mit stoischer Ruhe. Ihre Zukunft fängt später an. Sie macht ihren Job gut, ja mehr als das: Sie engagiert sich für „ihre“ Patienten, ist bereit für neue Wege. Zu den Kollegen aber wahrt sie strikte Distanz: Barbara ist sich sicher, dass das hier bald alles vorbei ist. Andererseits genießt sie es, wenn auch zunächst nur innerlich, dass sich ihr Chef um sie kümmert – bis hin zur Reparatur kaputter Lampen und Steckdosen in ihrer Wohnung, ja sogar des Klaviers.

Andre zeigt ihr einen besonders romantischen Platz mit Blick auf das Meer, während Jörg sie nach einem schalen Quicki mit Nylonstrümpfen abspeist: Barbara lernt, ihren Chef mit anderen Augen zu sehen, obwohl sie parallel mit ihrem Geliebten die Einzelheiten zur Flucht über die Ostsee bespricht. Hier in der DDR wird sie gebraucht, als Ärztin, aber auch als Mensch. Von der jungen Ausreißerin Stella vor allem, die es im berüchtigten Werkhof Torgau nicht länger aushält, zumal sie schwanger ist. In Westdeutschland dagegen winkt ihr nur das Dasein als Gattin im Goldenen Käfig eines erfolgreichen, also wohlhabenden Mediziners: Jörg macht gar keinen Hehl daraus, dass er von Barbara die Hausfrauen-Rolle erwartet. Doch nun steht der Tag ihrer sorgsam geplanten Flucht kurz bevor – und Barbara erscheint nicht in der Klinik zur Operation am Kopf eines Jungen, der seinen Selbstmordversuch nur knapp überlebt hat...

„Barbara“ ist ein bezüglich des Genres der mausgrauen Mauer-Streifen sehr außergewöhnlicher Film: Christian Petzold ist einmal mehr eine herausragende Schauspielerführung gelungen. Und damit meine ich nicht nur die erneut überragende Nina Hoss, mit der der vielfach national und international ausgezeichnete Regisseur bereits zum fünften Mal zusammengearbeitet hat. Ihre Barbara bleibt selbst in hochemotionalen Szenen äußerst zurückhaltend, aber nicht unterkühlt: Solange sie nicht mit sich selbst im Reinen ist, vermeidet Barbara jede äußere Regung.

Auch Ronald Zehrfeld verkörpert eine Figur, die als gebranntes Kind ihre durchaus noch vorhandenen Träume nicht an die große Glocke hängt. Sein Andre ist ein stilles, aber stets freundliches, umsichtiges Wasser: Er bringt Verständnis selbst für den so bürokratisch scheinenden Oberst Schütz auf, kennt er doch dessen äußerst schwierigen privaten Verhältnisse. Und er deckt Barbaras mit dem Gesetzbuch des sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates keineswegs vereinbares Engagement für die immer zutraulicher werdende Stella.

Christian Petzolds hochspannender Film, dessen Geschichte von Hermann Brochs gleichnamiger, in den 1920er Jahren spielender Novelle inspiriert ist, enthält sich jeder Ideologie, jedem Schwarz-Weiß-Denken besonders westdeutscher Regisseure deutsch-deutscher Befindlichkeiten gegenüber. Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass Petzolds Eltern Ende der 1950er Jahre aus der DDR in den Westen „'rübergemacht“ haben und der im Rheinland aufgewachsene Regisseur in den 1970er und frühen 1980er Jahren oft „drüben“ bei seinen Cousins in Rudolstadt, Zwickau und Karl-Marx-Stadt gewesen ist. Christian Petzold hat so die innere Erstarrung der DDR nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns unmittelbar mitbekommen.

Christian Petzold im Piffl-Presseheft: „Es ging uns nicht darum, das Portrait eines Unterdrückerstaates zu filmen. Und dagegen dann die Liebe zu setzen, die unschuldige, reine, befreiende. Wir wollten keine Symbole. Man decodiert sie, und nichts bleibt übrig, nur das, was man schon zuvor gewusst hat. (…) Wir wollten das filmen, was zwischen den Menschen ist, sich aufgetürmt hat, was sie misstrauen lässt oder vertrauen, abwehren und annehmen.“ Arte sorgte am 9. April 2014 für die Erstausstrahlung.

Pitt Herrmann

Credits

Schnitt

Musik

Darsteller

Alle Credits

Regie-Assistenz

Continuity

Drehbuch-Mitarbeit

Kamera-Assistenz

Material-Assistenz

Steadicam

Standfotos

Beleuchter

Kamera-Bühne

Set Dresser

Außenrequisite

Innenrequisite

Kostüme

Schnitt

Ton-Schnitt

Ton-Design

Ton-Assistenz

Geräusche

Mischung

Stunts

Casting

Musik

Darsteller

Herstellungsleitung

Produktionsleitung

Dreharbeiten

    • 16.08.2011 - 07.10.2011: Brandenburg, Ortsteil Kirchmöser und Mecklenburg-Vorpommern
Länge:
2965 m, 108 min
Format:
35mm, 16:9
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 20.02.2012, 131784, ab 6 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 11.02.2012, Berlin, IFF - Wettbewerb;
Kinostart (DE): 08.03.2012

Titel

  • Originaltitel (DE) Barbara

Fassungen

Original

Länge:
2965 m, 108 min
Format:
35mm, 16:9
Bild/Ton:
Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 20.02.2012, 131784, ab 6 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 11.02.2012, Berlin, IFF - Wettbewerb;
Kinostart (DE): 08.03.2012

Auszeichnungen

Deutscher Filmpreis 2012
  • Lola in Silber, Bester Spielfilm
IFF, Berlin 2012
  • Silberner Bär, Beste Regie
Preis der deutschen Filmkritik 2012
  • Gilde-Filmpreis, Bester Schnitt