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Brasilien, 1977: Der ehemalige Universitätsdozent Armando flieht unter dem Decknamen Marcelo von São Paulo nach Recife, um sich und seinem Sohn Fernando die Ausreise zu ermöglichen. In einem Haus mit weiteren politisch Verfolgten wartet er auf Kontakte aus einem Untergrundnetzwerk, das ihnen Pässe beschaffen soll. Während Fernando bei seinen Großeltern lebt, recherchiert Armando im staatlichen Identifikationsarchiv nach der Akte seiner verstorbenen Partnerin, deren Tod sich später als Mord herausstellt. Der Film entfaltet sich in mehreren Zeitebenen und erzählt die Geschichte als Puzzle, in dem eine Mordermittlung, ein rätselhafter deutscher Schneider und die Entdeckung menschlicher Überreste in einem Hai zu weiteren Verbindungen führen. In der Gegenwart hört die Studentin Flávia Tonbandaufnahmen aus dem Jahr 1977 und versucht, die Ereignisse zu rekonstruieren.
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Doch schon seine Ankunft steht unter keinem guten Stern: Als er seinen gelben VW Käfer betanken will, liegt eine Leiche unweit der Esso-Tankstelle unter einem Pappkarton. Nur wilde Hunde interessieren sich für den Toten, auch nicht eine Polizeistreife, die Marcelo und sein Fahrzeug kontrolliert. Er soll für die Karnevalskasse der Beamten spenden, kann sie aber mit einem Päckchen Zigaretten zufriedenstellen.
In den Radio-Nachrichten wird berichtet, dass Fischer im Magen eines Hais ein menschliches Bein gefunden haben. Eine Leiche, angeblich eine alte Frau, wird aus dem Kofferraum eines Fahrzeugs gehoben und in den Fluten entsorgt. Alltag in Brasilien unter der zwischen 1964 und 1985 herrschenden Militärdiktatur. Warum auch immer setzt der Unternehmer Dr. Ghirotti am Ende des ersten, „Der Alptraum des Jungen“ betitelten Teils mit Augusto und dessen Stiefsohn Bobbi zwei Profi-Killer auf Marcello an, der sich gerade von seiner attraktiven Nachbarin Inês (Fabiana Pirro), einer Zahnärztin, das Gebiss richten lässt.
Polizeipräsident Euclides, dessen Sohn Sérgio zur „Bande“ Ghirottis gehört, stellt, offenbar aus persönlichem Interesse, Marcelo im Archiv ein – und einem gewissen Hans Schneider (sein letzter Film: Udo Kier ist 81-jährig am 23. November 2025 gestorben) vor. Der Agent der Bundespolizei ermittelt undercover in einem Fall, in den offenbar die Staatsanwaltschaft verwickelt ist. Welche Rollen dabei João Pedro (Marcelo Valle) und Elza spielen, bleibt lange ungewiss. Irritierend ist zudem, dass eine gewisse Fátima einen gutaussehenden Mann namens Armando Solimões heiratet, der Marcelo Alves wie aus dem Gesicht geschnitten ist.
Nach neunzig Minuten, inzwischen hat Regisseur Kléber Mendonça Filho das „Archiv und Forensik“ betitelte zweite Kapitel aufgeschlagen, ist alles unklar, einschließlich des Filmtitels, handelt es sich bei Marcelo Alves doch nicht um einen Geheimagenten, sondern um einen Ingenieur, den die Militärjunta in den Untergrund zwingt, wo er bei Sebastiana unterkommt. Die allgemeine Ratlosigkeit hält einerseits die Spannung hoch, ermüdet andererseits aber auch – bei einem als Polit-Thriller annoncierten Recherchefilm mit der epischen Länge von 158 Minuten.
Im dritten Teil „Bluttransfusion“ bekommt die in der Jetztzeit spielenden Rahmenhandlung, in der die beiden jungen Geschichtsstudentinnen Flávia und Daniela (Isadora Ruppert) in São Paulo mit Hilfe von Tonbändern zu rekonstruieren versuchen, was 1977 mit dem erschossenen Wissenschaftler Armando Solimões geschehen ist, endlich größeres Gewicht. Sie können auch dessen Sohn, den Arzt Dr. Fernando Solimões (ebenfalls Wagner Moura) befragen. Was dazu führt, eine indirekte Abrechnung mit dem im Film ungenannt bleibenden, zwischen 2019 und 2022 herrschenden rechtsradikalen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, dass sie selbst bald unter politischen Druck geraten.
„O Agento Secreto“, so der Originaltitel, erzählt aus der Perspektive der brasilianischen Gesellschaft des Jahres 1977 vom immer dichter werdenden Netz aus Überwachung, Korruption und Misstrauen unter der brasilianischen Militärdiktatur. Der sich eine kleine, von Elza geleitete Untergrundorganisation widersetzt – zusammen mit Marcelo alias Armando. „The Secret Agent“ ist der vierte Spielfilm des vielfach preisgekrönten brasilianischen Regisseurs Kleber Mendonça Filho, der nach seinem internationalen Erfolg mit „Bacurau“ (Jury-Preis in Cannes 2019) und „Pictures of Ghosts“ (Brasiliens Oscar-Beitrag 2024) einen weiteren bemerkenswerten Film vorlegt, der als erster außerhalb von Festivals in die deutschen Kinos gekommen ist.
Pitt Herrmann