Frantz

Frankreich Deutschland 2015/2016 Spielfilm

Inhalt

Ein kleines deutsches Dorf, kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Der Einwohner Frantz war als Soldat in den Krieg gezogen und an der französischen Grenze gefallen. Seither besucht seine große Liebe Anna jeden Tag sein Grab auf dem Dorffriedhof. Als eines Tages ein geheimnisvoller Fremder auftaucht und ebenfalls Blumen auf dem Grab niederlegt, geraten die Dorfbewohner in helle Aufregung: Denn Adrien ist Franzose, gehört also jener "Siegernation" an, deren Soldaten auch Frantz zum Opfer fiel. Was will er in dem Dorf? Während die meisten Einwohner dem Fremden feindselig begegnen, zeigt Anna sich von ihm zusehends fasziniert. Erst ganz allmählich wird klar, auf welch tragische Weise die beiden Männer miteinander verbunden waren.

 

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Heinz17herne
Heinz17herne
1919, kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, in der deutschen Kleinstadt Quedlinburg. „Lieb Vaterland magst ruhig sein“ intoniert eine uniformierte Kapelle am Markttag, bei dem reges Leben herrscht. Auf ihrem täglichen Weg zum Friedhof begegnet die junge Anna kaum älteren Kriegsinvaliden, die sich auf Krücken fortbewegen müssen. Anna legt die gerade gekauften Blumen am Grab ihres Verlobten nieder, der in Frankreich gefallen ist. Und wundert sich über frische Rosen, die unter dem Grabstein, der den Namen Frantz Hoffmeister trägt, liegen. Die Befragung eines Friedhofsmitarbeiters ergibt keine Aufklärung. Anderntags beobachtet sie, hinter einem Baum versteckt, einen ihr fremden jungen Mann, der trauernd vor dem Grab von Frantz verharrt und Blumen niederlegt. Noch traut sich Anna nicht, ihn anzusprechen.

An diesem Tag macht ihr Kreutz einen Heiratsantrag. Genauer gesagt bittet er beim Vater des Gefallenen um die Hand seiner Schwiegertochter, die nun wie ein eigenes Kind bei den Hoffmeisters lebt. Während seine Gattin Magda eine solche Entscheidung für verfrüht hält, Annas Trauer ist noch zu frisch für eine neue Verbindung, ist Hoffmeister sogleich einverstanden. Ja, sogar ein wenig erleichtert: Gibt er sich doch die Schuld am Tod seines Sohnes, den er mit väterlicher Autorität in den Krieg geschickt hat – als Akt der Vaterlandsliebe.

Die Erinnerung an die blutigen Grabenkämpfe und den Einsatz von Gas auf beiden Seiten der Front sind noch lange nicht verblasst, da sprechen politische Hitzköpfe wie Kreutz wieder von Aufrüstung und Revanche. Anna ist solches Kriegsgeschrei zuwider und sie fasst Mut, den jungen Fremden, der etwa im gleichen Alter mit Frantz sein muss, anzusprechen. Es ist der junge Franzose Adrien, der noch vor kurzem der siegreichen Armee des Erbfeindes angehörte und nun mutig in den Harz gereist ist. Was nicht ohne Pöbeleien des Stammtisches im Gasthof, in dem er abgestiegen ist, abgeht.

„Jeder Franzose ist für mich der Mörder meines Sohnes“: Aber auch Hoffmeister, der als Arzt einen Eid abgelegt hat, den er in diesem Moment vergisst, ist voller Vorurteile. Erst als der 24-jährige Franzose beim Abendessen erzählt, wie er den um ein Jahr jüngeren Frantz vor dem Krieg in Paris kennengelernt hat, schmilzt das Eis. Hoffmeister verteidigt Adrien fortan vehement gegen alle öffentlichen Anfeindungen im Ort. Und noch mehr: er appelliert an das Gewissen der anderen Väter, die ihre Söhne ins Feld geschickt und dort verloren haben. Nicht immer mit Erfolg.

Adrien und Anna kommen sich näher – in ihrer gemeinsamen Trauer um Frantz, aber auch darüber hinaus als Seelenverwandte. Magda Hoffmeister erkennt gar physiognomische Ähnlichkeiten zwischen ihrem Sohn und Adrien – und würde sich freuen, wenn zwischen den beiden jungen Leuten, die sich nun täglich sehen, mehr entstünde als nur eine tiefe Freundschaft. Doch als Anna mit ihrem „Franzmann“ in einem neuen, schicken Pariser Kleid beim Frühlingsball auftaucht und Adrien zum begehrtesten Tänzer unter den jungen deutschen Frauen wird, kommt es zu Gewaltausbrüchen eifersüchtiger Deutscher.

Adrien kehrt nach Frankreich zurück – und die Nichtschwimmerin Anna will sich im Teich ertränken. Ein Angler kann sie im letzten Moment aus dem Wasser ziehen und Kreutz wiederholt seinen Heiratsantrag - vergeblich. Denn die Hoffmeisters wissen, was für ihre „Tochter“ das beste ist: Sie schicken Anna nach Paris, um Adrien hinterher zu fahren. Nach einer kleinen Odyssee treffen sich die beiden in der tiefsten Provinz auf dem schlossähnlichen Anwesen von Adriens Mutter wieder. In Person der grazilen Fanny wartet freilich eine Überraschung auf Anna...

„Frantz“ ist von Ernst Lubitschs Film „Broken Lullaby“ aus dem Jahr 1931, welcher wiederum auf einem Theaterstück von Maurice Rostand fußt, inspiriert worden. Die lebenskluge Geschichte kommt gerade recht in einer Zeit, da wieder überall antieuropäische Stimmungsmacher aus ihren Löchern kommen und Ressentiments schüren, die sich an den Wahlurnen rasch zu Flächenbränden ausweiten können.

„Frantz“ ist sowohl schwarzweiß als auch farbig gedreht, wobei mir das Prinzip des Wechsels, der sich keineswegs auf die Rückblenden zumeist aus gutem Grund erlogener, weil für die Adressaten heilsamer Geschichten beschränkt, nicht einleuchtet. Obwohl das Geheimnis der Verbindung der beiden Kriegsteilnehmer Frantz und Adrien, das hier naturgemäß gewahrt bleibt, für den Kinobesucher vorzeitig preisgegeben wird, bleibt Ozons Film spannend bis zum finalen Hoffnungsschimmer: Anna wird dem Rat ihrer Schwiegereltern folgen und in Paris trotz mancher Rückschläge voller Optimismus ein neues Leben beginnen. Und das könnte bereits im Manet-Saal des Louvre seinem Anfang nehmen, ausgerechnet unter dem Gemälde „Der Selbstmörder“...

Wie wir wissen, folgte dem Schrecken des Ersten Weltkriegs der Horror des noch viel grausameren Zweiten Weltkriegs. Wir können das natürlich nicht ausblenden, wenn wir François Ozons berührendes Drama um Schuld und Sühne sehen. Im Gegenteil müssen wir angesichts der aktuellen politischen Entwicklung in Europa befürchten, dass die Menschen erneut nichts aus der Vergangenheit lernen. Übrigens beiderseits des Rheins, was auch in „Frantz“ thematisiert wird, wo sich Anna in einem Pariser Bistro mit einem plötzlichen Ausbruch patriotischer Gefühle gegen den pickelhaubigen „Erzfeind“ konfrontiert sieht. Umso wichtiger ist ein solcher leiser, bescheidener, auf sehr unterschwellige Weise appellativer und vor allem sehr emotionaler Film, der bewusst beide Sprachen Deutsch und Französisch einsetzt.

François Ozon im X Verleih-Presseheft: „Besonders wichtig war es mir, diese Geschichte vom Standpunkt der Deutschen aus zu erzählen, der Verlierer, die durch den Friedensvertrag von Versailles gedemütigt wurden. Ich wollte auch erzählen, wie in Deutschland damals der Nationalsozialismus entstand. Deutschland ist das erste fremde Land, das ich als Kind kennengelernt habe, und es fasziniert mich immer noch. Ich interessiere mich nach wie vor für seine Sprache, seine Geschichte und seine Kultur. Schon lange wollte ich den brüderlichen Aspekt dieser beiden europäischen Völker beschreiben, die Freundschaft, die sie verbinden kann. Dieser Film war die ideale Gelegenheit. Mein Deutsch reicht für eine Unterhaltung und um ein Filmteam zu leiten. Im Übrigen habe ich den Schauspielern vertraut und sie um Hilfe mit den Dialogen gebeten. Sie waren sehr kooperativ.“

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Regie-Assistenz

Script

Continuity

Drehbuch

Kamera

Standfotos

Art Director

Szenenbild

Schnitt

Ton-Schnitt

Mischung

Produktionsleitung

Erstverleih

Dreharbeiten

    • 25.08.2015 - 20.10.2015: Quedlinburg / Wernigerode, Frankreich
Länge:
114 min
Format:
DCP, 1:2,39
Bild/Ton:
s/w + Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 31.08.2016, 161608, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (IT): September 2016, Venedig, IFF;
Kinostart (DE): 29.09.2016

Titel

  • Originaltitel (DE) Frantz

Fassungen

Original

Länge:
114 min
Format:
DCP, 1:2,39
Bild/Ton:
s/w + Farbe, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 31.08.2016, 161608, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (IT): September 2016, Venedig, IFF;
Kinostart (DE): 29.09.2016

Auszeichnungen

César 2017
  • Beste Kamera
Filmkunstmesse Leipzig 2016
  • Gilde Filmpreis, Bester Film (international)
IFF Venedig 2016
  • Marcello Mastroianni Award, Beste Nachwuchsdarstellerin