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Der große Traum scheint zum Greifen nah: Die Rückkehr des FC St. Pauli in die Erste Liga. Für Magnus, Kowalski und Arne ist es ein Spiel der Entscheidung. Aber ihre Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt. Kowalski wird von zwei Fahndern ins Visier genommen. Zudem schadet Magnus’ aggressives Verhalten nicht nur dem Ruf seiner Freunde und dem ganzen Verein, sondern ruft auch Staatsanwalt Stiller auf den Plan, dem die Ultras unter den Fans schon lange ein Dorn im Auge sind.
Quelle: Filmfestival Max-Ophüls-Preis 2011
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Die für ihr künftiges Leben sehr konkrete Vorstellungen hat, welche sich weder mit denen von Magnus decken, der am liebsten auch weiterhin, ohne eigene Verantwortung übernehmen zu müssen, in den Tag hinein leben will. Noch mit denen ihres Chefs, des schmierigen Immobilienhais Koritke, der ihr an die Wäsche will. Und obendrein, was der auch politisch hellen Natascha längst ein Dorn im Auge ist, für die Gentrifizierung des ganzen Altonaer Stadtteils verantwortlich zeichnet.
Da ist zum anderen Kowalski, ein hundertzehnprozentiger St. Pauli-Ultra, etwas einfach gestrickt im Arbeitsleben und auch sonst mit den Kumpels auf der Straße, Working Class halt, aber mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Er geht selten einer Schlägerei etwa mit Anhängern einer gegnerischen Mannschaft aus dem Weg, ist aber durch und durch eine ehrliche Haut. Und hat das Glück, auf einem Schrottplatz zu arbeiten, dessen Chef auch 'mal Fünfe gerade sein lässt - zumal der „Elf Freunde“-Leser selbst fanatischer St. Pauli-Fan ist.
Das Trio komplettiert Arne Schröder, wahrscheinlich ein Student, von dem man aber nichts näheres weiß außer der Tatsache, dass er, zumal bei Heimspielen am Millerntor, seine Bude nie ohne die kleine Kamera verlässt: Er dreht seit geraumer Zeit eine Doku über St. Pauli samt seinen Fans und ist so auf Magnus und Kowalski gestoßen. Das letzte Spiel der Kicker unter dem braun-schwarzen Piratenlogo, das den Aufstieg ins Oberhaus des deutschen Fußballs bringen soll, ist für Arne Abschluss und Höhepunkt seines Streifens. Weshalb er von seinen letzten noch übrig gebliebenen Film-Fördermitteln kurz vor dem Anpfiff beim „Vorglühen“ der Fans an der Bierbude des Kiez-Originals Baldu, der auch als Boxtrainer der Ultra-Jungs fungiert, eine Runde Astra schmeißt...
„Das Stehen im Stadion ist wie der Besuch einer Predigt“ sülzt eine Erzählerstimme aus dem Off. Sie gehört einem stocksteifen Andre Eisermann, der als angeblicher Stadionsprecher in Schlips und Kragen auch solche Glaubenssätze verkündet, als 'mal wieder authentische Dokumentaraufnahmen in Schwarzweiß und Farbe von Schlachten der so langen wie ruhmreichen St. Pauli-Vergangenheit zu sehen sind: „Im tiefsten Inneren sind wir alle Höhlenmenschen.“ Was durchaus auch bei blutigen Auseinandersetzungen zwischen Ultras und „Faschos“ zum Ausdruck kommt: gewaltbereite Hooligans ohne Hemmungen. Gilt auch für Steiger (eine kleine, feine Nebenrolle für Wotan Wilke Möhring), einem der Anführer der Ultras.
Weil seit Monaten in Hamburg immer wieder Autos in Flammen aufgehen, ist Staatsanwalt Dr. Karl Stiller fest dazu entschlossen, an den Ultras ein Exempel zu statuieren, wobei der Zweck die Mittel heiligt, welche alles andere als rechtsstaatlich sind. Nachdem zwei Zivilpolizisten Brandbeschleuniger im auf dem Schrottplatz geparkten Wagen Kowalskis gefunden haben, soll es am Tag des Aufstiegsspiels, an dem sich die ganze Stadt ohnehin im Ausnahmezustand befindet, ein blutiges Ende für Kowalski & Co geben. Die Einsatzkräfte der Polizei nehmen Baldus Bude auseinander und prügeln auf alles ein, was sich bewegt. Während die Massen auf den Tribünen den Aufstieg ihres Vereins bejubeln, kommt es vor dem Stadion zur Katastrophe mit tödlichem Ausgang...
Ein Spiel dauert zwei mal 45 Minuten. Auch der sehr authentische Spielfilm von Tarek Ehlail unter dem Titel „Gegengerade – 20359 St. Pauli“, der für die Fernsehverwertung, Erstausstrahlung war am 26. August 2013 im „Dritten“ des NDR, einen neuen, eingängigeren Untertitel erhielt: „Gegengerade – Niemand siegt am Millerntor“. Ehlails nach „Chaostage – We are Punk“ (2009) zweiter Film ist eher ein Stimmungsbild als dass er konsequent eine Geschichte erzählt: die Story besteht aus vielen kleinen Geschichten rund um das Millerntor, so um das Kiez-Original Baldu, das Polizisten nur widerwillig ein Pils zapft, so um den Arzt Dr. Hennings, der sich um verletzte Hooligans kümmert und bei Bedarf ganz besondere Smarties bereit hält. In kleinen Einspielern, welche die Authentizität unterstreichen und „Gegengerade“ in die Nähe eines Dokumentarspiels rücken, geben sich Uwe Seeler und Karl Dall als St. Pauli-Fans zu erkennen.
Dass die Fahndung nach dem oder den Tätern, die für das Abfackeln von Autos verantwortlich sind, letztlich den falschen trifft, Kowalskis Auto diente ohne dessen Wissen nur als Versteck für den seitens der Behörden weiterhin unerkannt gebliebenen Täter, wäre noch zu verschmerzen. Weil Irrtümer in der Hitze des Gefechts jedem passieren. Dass Staatsanwaltschaft und Polizei sich Mittel bedienen, die nur als kriminell eingestuft werden können und mit Baldu einen völlig Unbeteiligten das Leben kosten, macht aus „Gegengerade“ einen leider sehr realistischen Film.
Pitt Herrmann