Erscheinen Pflicht

DDR 1983/1984 Spielfilm

Inhalt

Als der DDR-Funktionär Haug überraschend stirbt, muss sich seine privilegiert aufgewachsene Tochter Elisabeth neu mit ihrem Leben arrangieren und betrachtet ihre Umgebung nun mit anderen Augen. Sie setzt sich mit einem kritischen Schulfreund und mit ihrer deprimierten Mutter auseinander; auch zu ihrem Bruder, der sich vor langer Zeit vom Elternhaus distanzierte, nimmt sie wieder Kontakt auf. Mit Kratt, dem Nachfolger ihres Vaters, streitet sie. An einer Kundgebung in Berlin, bei der für alle FDJler "Erscheinen Pflicht" ist, nimmt sie teil. Und bei aller kritischen Reflexion: Einen Betrunkenen, der die FDJ-Fahne aus dem Zugfenster werfen will, weist sie dann doch zurecht.

 

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Heinz17herne
Heinz17herne
Elisabeth „Betty“ Haug (die grazile Vivian Hanjohr ist weit davon entfernt, westliche Promi-Kind-Allüren zu zeigen) ist Sechzehn, trägt knackige (West-) Jeans und lässt sich ganz selbstverständlich morgens im Dienst-Wolga zur Erweiterten Oberschule kutschieren. Ihr Vater Martin, als Ratsvorsitzender des Kreises schon eine große Nummer in der SED, ist auch dafür gut, einen Klassenbuch-Tadel des Russisch-Lehrers Boltenhagen ausradieren zu lassen. Was dieser mit durchaus resigniertem Schulterzucken zur Kenntnis nimmt, aber doch soweit Pädagoge geblieben ist, dass er es sich nicht nehmen lässt, seine Maßregelung demonstrativ vor der ganzen Klasse zu vollziehen und sich den Tintenkiller von einem Schüler borgt. Das ist Bettys Stellung unter ihren Mitschülern nicht eben förderlich, aber da hat sie unverschuldeter Weise ohnehin einen schweren Stand, schon gar bei ihrem mit einer großen Klappe ausgestatteten Klassenkameraden Stefan Hanisch, auf den sie heimlich ein Auge geworfen hat. Da muss früher etwas passiert sein mit seiner Mutter, an dem ihr Vater nicht ganz unschuldig sein soll.

Mit Unausgesprochenem musste Betty schon immer leben, in der Familie selbst, wo über das scheinbar spurlose Verschwinden ihres älteren Bruders Peter nicht gesprochen werden durfte. Und unter Gleichaltrigen mit Vorbehalten ihrer familiären Herkunft wegen. Doch was kann sie für die Polit-Karriere ihres Vaters, die im Übrigen einen ganz normalen, ja geradezu typischen Verlauf genommen hat? Martin Haug stammt aus einfachen Verhältnissen, hat ursprünglich Schmied gelernt und dann nach fünfjährigem mühevollem Fernstudium neben der Arbeit sein Diplom gemacht als Ökonom. Und den Aufbau der jungen sozialistischen Republik aus den Trümmern der Nazi-Diktatur als Chance begriffen.

Als er urplötzlich am Arbeitsplatz zusammenklappt und kurze Zeit später im Krankenhaus stirbt, bricht für Bettys Mutter Elvira, die einst seine Sekretärin gewesen ist, eine Welt zusammen. Aus der Dienstvilla ausziehen? Wieder in den Beruf einsteigen, etwa unter dem Nachfolger ihres Gatten, dem bürokratischen Parteisoldaten und absoluten Pedanten Schüttler? Ludwig Kratt, der SED-Kreissekretär und alte Weggefährte des Verstorbenen, den alle nur liebevoll „Onkel Ludwig“ nennen, versucht die Nerven zu beruhigen. Und lässt Betty hinter die Kulissen blicken: Stefans Mutter ist als Schuldirektorin entlassen worden, nachdem ihr Mann bei einer Dienstreise im Westen geblieben ist. Nun muss sie sich, zur Alkoholikerin geworden, als Putzfrau durchschlagen.

„Wenn man’s genau nimmt, haben wir nur Beifall klatschen gelernt und Fähnchen winken“: Betty begreift das Ausbleiben des väterlichen Schutzschildes als Chance, künftig auf eigenen Beinen zu stehen und die Welt mit neuen Augen zu sehen. Sie bittet Boltenhagen, den Tadel wieder ins Klassenbuch einzutragen. Und ein offiziell ganz freiwilliger Ausflug der Klasse zu einer FDJ-Demonstration nach Berlin unter dem Filmtitel-Motto „Erscheinen Pflicht“ nutzt Betty, ihren Bruder Peter zu besuchen, der mit seiner Freundin Barbara in der Hauptstadt der DDR von seiner Hände Arbeit lebt. Was er schon immer wollte, als Funktionärskind daheim aber nicht durfte, da war EOS, Abitur und Studium Pflichtprogramm wie das Fahnenschwenken der Blauhemden am Palast der Republik. Was sie von Barbara erfährt, da Peter nicht sehr gesprächig ist, der auch über einen Vorfall während seiner Dienstzeit bei der Nationalen Volksarmee nicht sprechen will, welcher zu seiner Degradierung geführt hat. Am Ende verlässt Betty die beiden mit neuem Selbstbewusstsein: Gerade in Abgrenzung zu ihrer Familie will sie, vielleicht sogar an der Seite Stefans, ein eigenständiges Leben führen...

Helmut Dziubas wie beinahe alle seine Arbeiten vornehmlich auf ein jugendliches Publikum ausgerichteter Film „Erscheinen Pflicht“, uraufgeführt am 16. Mai 1984 zur Eröffnung des 3. Nationalen Spielfilmfestivals in Karl-Marx-Stadt, zeichnet vom real existierenden Sozialismus ein Bild, dass den SED-Kulturfunktionären nicht ins ideologische Konzept vom neuen sozialistischen Menschen passt. Zwei paradigmatische Beispiele aus dem bis in kleinste Episodenrollen hochkarätig besetzten Streifen: Helmut Straßburger gibt einen zu höherem Künstlertum berufenen Bildhauer, der Dank der „Mafia in Berlin“ nur Grabsteinmacher geworden ist – mit klaren Bezügen zu Konrad Wolfs „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“. Und Uwe Kockisch verkörpert mit dem versoffenen, sich selbstironisch als „Klassenfeind“ bezeichnenden „Ossi“ eine asoziale Figur, die es laut SED-Propaganda nur im kapitalistischen Westen geben kann.

In Karl-Marx-Stadt verlieh die Expertenjury dem Film nur eine „lobende Erwähnung“, vergab aber drei Preise an Simone von Zglinicki und Peter Sodann als beste Nebendarsteller sowie Elke Hersmann (Kostüme). Der Publikumspreis ging nach Intervention der Ministerin für Volksbildung, Margot Honecker, an Frank Beyers „Der Aufenthalt“. Was Helmut Dziuba gegenüber der „taz“ (vom 26. April 1990) bekannt machte: „Leute aus der Publikums-Jury kamen mit Tränen in den Augen zu mir – und mich beherrschte eine unwahrscheinliche Hilflosigkeit. Die Schizophrenie bestand darin, dass wir uns dem negativen Urteil führender Funktionäre unseres Staates unterworfen haben.“

So war dieser „Problemfilm mit jugendlichen Helden“ schon vor der Zensur-Freigabe ein großes Problem für die Partei, das Szenarium musste mehrfach entschärft werden. Dass dennoch ein Film mit so vielen „Reizpunkten“ herausgekommen ist, gehört zu den immer wieder Staunen machenden Volten der DDR-Kulturpolitik. Horst Knietzsch warf den Filmemachern im SED-Organ „Neues Deutschland“ (vom 10. Juli 1984) unter der Überschrift „Ein Weg ins Leben – zu klein aufgefaßt“ daher vom Parteistandpunkt aus völlig zu Recht vor: „Was sich realistisch gebärdet, offenbart sich im Grunde als Realitätsferne. Die künstlerischen Metaphern, die einen Generationskonflikt suggerieren wollen, stehen im allzu deutlichen Gegensatz zu unserer 35jährigen Wirklichkeit.“ Das offizielle Anlaufdatum 6. Juli 1984 verschleiert, dass „Erscheinen Pflicht“ außerhalb Berlins nur in geschlossenen Studio-Vorstellungen gezeigt werden dufte. TV-Premiere war am 25. Juli 1987 im Bayerischen Fernsehen, erst zu Wende-Zeiten zog der Deutsche Fernsehfunk am 7. März 1990 nach.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Regie-Assistenz

Drehbuch

Dramaturgie

Kamera-Assistenz

Bauten

Kostüme

Schnitt

Produktionsleitung

Titel

  • Originaltitel (DD) Erscheinen Pflicht

Fassungen

Original

Länge:
73 min
Format:
35mm, 1:1,66
Bild/Ton:
Farbe, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung: 12.09.2006, 107410, ab 6 Jahre [DVD]

Aufführung:

Uraufführung (DD): 16.05.1984, Karl-Marx-Stadt, Stadthalle

Auszeichnungen

Nationales Spielfilmfestival der DDR 1984
  • Beste Nebendarstellerin (ex aequo >Insel der Schwände<)
  • Beste Kostüme
  • Bester Nebendarsteller