Engel aus Eisen

BR Deutschland 1980/1981 Spielfilm

Inhalt

Berlin, zur Zeit der Luftbrücke. Der 17-jährige Werner Gladow nutzt die gesellschaftliche Ausnahmesituation, die auch die Polizei zerrüttet, um mit seiner Bande ungestört seine Raubzüge durchzuführen. Mit Hilfe eines Informanten kommt er zudem an interne Polizei-Informationen heran. Gladows Ziel ist es, eine unanfechtbare Vormachtsstellung in der Berliner Unterwelt zu erlangen. Doch mit dem Ende der Blockade geht auch der Niedergang der Gladow-Bande einher. – Nach einer wahren Begebenheit.

 

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Heinz17herne
Heinz17herne
„Flieger waren über der Stadt, Unheil kündende Vögel. Der Lärm der Motoren war Donner, war Hagel, war Sturm. Sturm, Hagel und Donner, täglich und nächtlich, Anflug und Abflug, Übungen des Todes, ein hohles Getöse, ein Beben, ein Erinnern in den Ruinen. Noch waren die Bombenschächte der Flugzeuge leer. Die Auguren lächelten. Niemand blickte zum Himmel auf.“ So beginnt Wolfgang Koeppens Roman „Tauben im Gras“ aus dem Jahr 1951, und so beginnt auch der Film „Engel aus Eisen“. Er spielt im Berlin der Jahre 1948/49, der heißen Phase des Kalten Krieges – und des heißesten Sommers seit dreißig Jahren. Die West-Alliierten haben eine Luftbrücke installiert, um die Berliner in der „Frontstadt“ zu versorgen, nachdem die Sowjets die Grenzen und damit auch die Versorgungskorridore per Straße und Schiene geschlossen haben.

Der 17-jährige Schüler Werner Gladow (der damalige Bochumer Schauspielschüler Ulrich Wesselmann) nutzt die chaotischen Verhältnisse im von Westdeutschland abgenabelten West-Berlin, um eine Jugendbande zu gründen, die in den Westsektoren wie im Osten der geteilten Stadt agiert. Gelingt es der „Gladow-Bande“, die Sektorengrenze zwischen Ost und West zu erreichen, braucht sie sich vor weiteren polizeilichen Nachstellungen nicht zu fürchten, da die Kompetenzen der Beamten nur bis zu dieser (damals noch offenen) Grenze reicht.

Der 50-jährige ehemalige Kriegsdienstverweigerer Gustav Völpel, der bei den Nazis im Konzentrationslager saß und sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit als Scharfrichter durchschlug, gibt dank seiner exzellenten Verbindungen zur Polizei im Ostsektor die richtigen Tipps für erfolgreiche Beutezüge und fungiert auch als Hehler. Doch als die Blockade der Sowjets nach dreizehn Monaten endet, findet Gladow, inzwischen durch den ersten und einzigen Schuss aus seiner Pistole zum Mörder geworden, nicht mehr ins bürgerliche Alltagsleben zurück – und wird 1949 verhaftet. Gladow und weitere Rädelsführer werden Ende des folgenden Jahres in Frankfurt/Oder hingerichtet.

Thomas Brasch ist weniger an der – historisch verbrieften – Geschichte interessiert als an den beiden Protagonisten Gladow und Völpel. In „Engel aus Eisen“ beleuchtet er in suggestiven Schwarzweißbildern im Breitwand-Format die soziale und psychische Situation des jugendlichen Täters und seines wesentlich älteren Hintermannes vor dem Hintergrund der unsicheren, ja chaotischen Verhältnisse im geteilten Nachkriegs-Berlin. Beide sind trotz des enormen Altersunterschiedes und der so andersartigen Lebenserfahrung Wesensverwandte: Der einstige Scharfrichter Völpel, im Grunde genommen ein von seiner Ehefrau an der kurzen Leine gehaltener Kleinbürger, sieht eine Möglichkeit, seinen Traum von einer anarchischen Freiheit zu verwirklichen. Und der Schüler Gladow, der sich ein bürgerliches Leben mit geregeltem Berufseinkommen in diesem Chaos nicht vorstellen kann, gefällt sich als „Al Capone“-Gangster mit entsprechender Braut (Thomas Braschs Gattin Katharina Thalbach als Lisa Gabler) an seiner Seite.

Der 1945 in Großbritannien geborene Schriftsteller ist nach der Rückkehr seiner jüdischen Eltern aus der Emigration in Cottbus, Naumburg/Saale und Ost-Berlin aufgewachsen als aufmüpfiger Sohn eines hohen SED-Funktionärs: Horst Brasch, der stellvertretende Kulturminister der DDR, hat seinen Sohn für die Ausübung der gesetzlich verankerten Meinungsfreiheit, Thomas Brasch hat 1968 mit Flugblättern gegen den Einmarsch der Ostblock-Armeen in die CSSR protestiert, für 27 Monate ins Gefängnis gesteckt. Thomas Brasch siedelte 1976 in Folge der Biermann-Ausbürgerung mit Katharina Thalbach von Ost- nach West-Berlin um.

„Engel aus Eisen“ lief erst vier Wochen nach dem Kinostart am 23. April 1981 chancenlos im Wettbewerb der 34. Int. Filmfestspiele Cannes. Dafür wurde der damals 36-jährige Thomas Brasch für sein Filmdebut 1982 mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Der in einer existentiellen Krise steckende Regisseur sah sich verpflichtet, bei der Verleihung durch den Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß für einen Eklat zu sorgen, indem er sich bei der Hochschule für Filmkunst in Babelsberg und damit bei der DDR für seine Ausbildung bedankte: Er wollte endlich als Künstler wahrgenommen werden, als Individuum und nicht als Rollenspieler, als politischer Dissident, nicht als Erfüllungsgehilfe des ihm verhassten kapitalistischen „Westens“. Ilse Pagé erhielt beim Deutschen Filmpreis 1981 das Filmband in Gold in der Kategorie „Darstellerische Leistungen“. „Engel aus Eisen“ ist am 28. Juli 1983 im ZDF erstausgestrahlt worden.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Länge:
2886 m, 105 min
Format:
35mm, 1:1,85
Bild/Ton:
s/w, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 23.03.1981, 52250, ab 16 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 23.04.1981, Berlin, Cinema Paris

Titel

  • Originaltitel (DE) Engel aus Eisen
  • Weiterer Titel The Iron Angel
  • Weiterer Titel (eng) Angels of Iron

Fassungen

Original

Länge:
2886 m, 105 min
Format:
35mm, 1:1,85
Bild/Ton:
s/w, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 23.03.1981, 52250, ab 16 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 23.04.1981, Berlin, Cinema Paris

Digitalisierte Fassung

Länge:
105 min
Format:
DCP
Bild/Ton:
s/w, Ton
Aufführung:

Aufführung (DE): 17.02.2024, Berlin, IFF - Retrospektive

Auszeichnungen

Deutscher Filmpreis 1981
  • Filmband in Gold, Darstellerische Leistungen