Eiszeit

BR Deutschland 1974/1975 Spielfilm

Inhalt

Ein 90-jähriger Nobelpreisträger wartet kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in einem norwegischen Altersheim auf seinen Prozess als Kollaborateur der Nazi-Besatzung. Der ehemalige Partisan Oswald will Rache üben und plant ein Attentat auf ihn. Der Film basiert auf Tankred Dorsts gleichnamigem Theaterstück. Die Figur des "Alten" ist vom norwegischen Literaturnobelpreisträger Knut Hamsun inspiriert.

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Heinz17herne
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Im Mittelpunkt des 1973 von Peter Zadek am Schauspielhaus Bochum uraufgeführten Theaterstücks „Eiszeit“ von Tankred Dorst steht der 90-jährige norwegische Dichter und Literatur-Nobelpreisträger Knut Hamsun (1859-1952). Weil er während des Zweiten Weltkriegs mit der deutschen Besatzung zusammengearbeitet hat, ist Hamsun nach Kriegsende verhaftet und zu einer hohen Geldstrafe verurteilt worden. Ausgehend von der tatsächlichen Situation Hamsuns, die er in seinen Tagebüchern festgehalten hat, erzählt Tankred Dorst eine frei erfundene Handlung. Wobei besonders absurd erscheinende Szenen wie die Demonstration von Hamsun-Lesern, die dem Schriftsteller seine Werke zurückwerfen, authentisch sind – eine wahre Geschichte trotz der Bücherverbrennungen der Nazis neben der Staatsoper Unter den Linden in Berlin und anderswo im Reich.

Eine Dorstsche Erfindung dagegen ist die Figur des Partisans, der noch über eine Handgranate aus der Zeit des Widerstandes gegen die deutschen Besatzer verfügt. Dieser Oswald Kronen hat erfahren, dass dem in einem Altersheim lebenden Hamsun der Prozess gemacht werden soll. Er will dem Osloer Gericht unbedingt zuvorkommen und selbst mit dem Nazi-Kollaborateur abrechnen, auch wenn er bei der Explosion der Granate ebenfalls umkommt. Doch zwischen den beiden Widersachern entwickelt sich eine Art Hassliebe. Sie steht für das gespaltene Verhältnis keineswegs nur der norwegischen oder skandinavischen Bevölkerung zu einem ihrer bedeutendsten Söhne, der durch sein Werk ein außergewöhnlicher Schriftsteller bleibt, wenn er im entscheidenden Moment auch als Mensch versagt haben mag.

„Ich arbeite für ein Publikum, das noch zuhören kann, das Spaß am Gespräch hat. Wer wilde Autoverfolgungsjagden sehen will, ist im falschen Film. Das können andere viel besser als ich“: Peter Zadek hat „Eiszeit“ für den besten seiner bisherigen Filme gehalten. Die Besetzung entspricht wesentlich der Bochumer Uraufführung mit Hannelore Hoger als Hamsuns Gattin Vera, die im Film merkwürdigerweise zu einer jungen Frau mutiert, die sich mit Hamsun in einem Osloer Café unterhält, mit Walter Schmidinger als Sohn Paul, Elisabeth Stepanek als Sonja, Helmut Qualtinger als Offizier, Rosel Zech als Pflegerin Wanda, Heinz Bennent als Pfarrer Holm, Hans Hirschmüller als Zeitungsherausgeber Reich, Hermann Lause als Sparkassendirektor – und vor allem mit Hans Mahnke als Hamsuns alter Jugendfreund Kristian.

Der Film fokussiert stärker noch als das Bühnenstück auf die beiden Alten, die um die wenige ihnen noch verbleibenden Lebenszeit wissen: O.E. Hasse als Hamsun, der sich zu Beginn der 1950er Jahre einer rasch wachsenden Zahl von Neidern seines literarischen Welterfolges und politischen Gegnern gegenübersieht, die ihn seiner Deutschfreundlichkeit generell und speziell während der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg anklagen, und Hans Mahnke als sein Jugendfreund Kristian. Der Hauptvorwurf: Hamsun hat beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht publiziert, dass die Deutschen als Freunde und nicht als Besatzer nach Norwegen kommen. Zadeks Hamsun kann seinen potentiellen Attentäter Oswald deshalb ganz in seinen Bann schlagen, weil er zu seinen Überzeugungen steht, auch wenn sie, um einen heutigen Begriff zu gebrauchen, alles andere als „politisch korrekt“ sind.

Hamsun setzt zu keinen wortgewaltigen Verteidigungsreden an, zieht sich auch nicht resigniert in den Elfenbeinturm des Künstlers zurück. Sondern stellt sich auf den Marktplatz und verkündet vor aller Augen und Ohren sein politisches Credo, das sich mit den parlamentarischen Demokratien im Westeuropa der Nachkriegszeit nicht verbinden lässt: Hamsun macht sich für die Staatsform des Patriarchats stark. Eindrucksvoll auch Hamsuns Offenheit dem Gutachtergremium gegenüber, welches das halbe Altersheim aufmischt zur Vorbereitung eines politischen Prozesses gegen den Achtzigjährigen. Wer von Peter Zadek einen Tendenzfilm erwartet hatte, sah sich bitter enttäuscht und vielleicht rühren daher die teilweise vernichtenden Urteile des deutschen Feuilletons.

Peter Zadek differenziert auch mit der von Heinz Bennent verkörperten Figur des Pfarrers Holm, der die Konzentrationslager der Nationalsozialisten überlebt hat und nun von Hass gezeichnet die seelsorgerische Aufgabe eines Geistlichen nicht mehr wahrnehmen kann: Wen die eigenen Narben daran hindern, selbst Liebe für die Menschen aufzubringen, kann die Liebe Gottes nicht verkünden.

Der von Kameramann Gerard Vandenberg in Schwarz-Weiß gedrehte und um elegische norwegische Landschaften bereicherte Film gibt sich bisweilen den Anschein der dokumentarischen Authentizität eines Biopics, was aber so nicht intendiert gewesen ist. Es geht Zadek neben der Frage der politischen Verantwortung bei Hamsun sicherlich auch um die nicht zu leugnende Selbstgerechtigkeit der stets politisch Korrekten. Am Ende von „Eiszeit“ aber stehen zwei Alte, die auseinander gehen im beiderseitigen Erstaunen darüber, dass ausgerechnet sie noch immer am Leben sind – offen, ehrlich, wenn nötig bekennend und ohne Todesfurcht. „Eine Zeitlang ist etwas wahr. Dann ist es, später, wieder lügenhaft...“ sind Hamsuns letzte Film-Worte.

Pitt Herrmann

Credits

Regie

Musik

Darsteller

Produzent

Alle Credits

Regie

Ausstattung

Musik

Darsteller

Produzent

Produktionsleitung

Dreharbeiten

    • 1974: Umgebung von Oslo (Norwegen) [Sommer]
Länge:
3149 m, 115 min
Format:
35mm
Bild/Ton:
s/w, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 10.04.1975, 47303, ab 16 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 08.07.1975, Berlin, IFF;
Kinostart (DE): 15.08.1975;
TV-Erstsendung (DE): 30.11.1975, ARD

Titel

  • Originaltitel (DE) Eiszeit

Fassungen

Original

Länge:
3149 m, 115 min
Format:
35mm
Bild/Ton:
s/w, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 10.04.1975, 47303, ab 16 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 08.07.1975, Berlin, IFF;
Kinostart (DE): 15.08.1975;
TV-Erstsendung (DE): 30.11.1975, ARD