Inhalt
Nach dem Tod der Großmutter Bertha erbt Iris das alte Familienhaus in Bootshaven. Die ganze Familie kehrt an den erinnerungsträchtigen Ort zurück, doch Iris ist sich nicht sicher, ob sie bleiben oder das Haus lieber verkaufen soll. Um sich Klarheit über ihre Gefühle zu verschaffen, streift sie allein durch das Haus und die umliegenden Apfelbaumgärten. Schließlich kommt sie auch ihrem Kindheitsfreund Max wieder näher. Nach und nach kehren so längst verdrängte Erinnerungen ihrer Kindheit zurück in ihr Bewusstsein. Das Grundstück ist nicht nur ein Ort des Erinnerns, sondern auch des Vergessens. Bertha erkannte kurz vor ihrem Tod nicht einmal mehr ihre drei Töchter: Inga, Iris' Mutter Christa und Harriet. Mit Harriets Tochter bzw. Iris' Cousine Rosmarie steht eine besonders traumatische Erinnerung in Verbindung, die nun wieder an die Oberfläche kommt. Rosmarie war eines Nachts auf unerklärliche Weise vom Dach des Wintergartens gestürzt und tödlich verunglückt…
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Jahrzehnte später. Hinnerk, ein so angesehener Rechtsanwalt wie strenger Familienvater, und Bertha Lünschen haben mit Inga, Harriet und Christa drei inzwischen erwachsene Töchter, deren Kinder nun unter dem mächtigen Apfelbaum spielen. Genauer gesagt Christas Tochter Iris und Harriets Tochter Rosmarie, die zusammen mit der Schulkameradin Mira ein Trio infernale bilden, bei dem Rosmarie das Sagen hat und sich der Gefolgschaft von Mira sicher sein kann, obwohl die stets in schwarzen Klamotten herumläuft und sich so cool und überlegen gibt. Stets zieht die zarte, zartbesaitete Iris den Kürzeren – und schon gar bei den gruseligen „Friss oder stirb“-Spielen. Was dann Miras Bruder Max Ohmstedt ausbaden muss, der zum kollektiven Gespött-Opfer des Mädchen-Trios wird.
Erneuter Zeitsprung. Als ihre Großmutter Bertha, die schon geraume Zeit in einem Pflegeheim gelebt hat, stirbt, erbt die inzwischen 28-jährige Iris das Haus der Familie. Sie hat gerade aus Liebeskummer London, wo sie nach dem Studium hängen geblieben war, den Rücken gekehrt und eine Stelle als Bibliothekarin im vergleichsweise verträumten Marburg/Lahn angenommen. Ihre Eltern wohnen ebenfalls in Hessen und so ist sich Iris überhaupt nicht sicher, ob sie das Erbe annehmen soll: zu viele schmerzliche Erinnerungen wohnen in dem alten, dunklen, aber auch wieder heimeligen Backstein-Kasten. Und im Garten mit dem Apfelbaum, der sich überraschenderweise in einem besseren, offenbar gepflegten Zustand befindet.
Iris beschließt, zunächst eine Woche zu bleiben. Bei der Testamentseröffnung ist sie ihrem „Sandkastenfeind“ Max begegnet, der sich vom damaligen Mobbing offenbar bestens erholt hat und nun eine eigene Anwaltskanzlei unterhält. Während sie von Zimmer zu Zimmer streift auf der Suche nach den eigenen Erinnerungen und dem Vergessen, den Garten durchmisst, in dem einst rote Johannisbeeren über Nacht weiß geworden sind und in dem der besagte Apfelbaum in einem Jahr zweimal geblüht hat, reift in ihr der Wunsch, doch länger zu bleiben. Zumal sie nun regelmäßig mit Max im nahen See baden geht und über alte Zeiten spricht: seine Schwester Mira, die nun in Frankfurt/Main lebt, hat Iris seit damals nicht mehr gesehen.
Iris und „Niete“, wie Max von den Mädchen früher beschimpft wurde, kommen sich nach einem Fahrradunfall näher – und der Baum der Erkenntnis hängt plötzlich mitten im Juni voll reifer Früchte! Von Woche zu Woche kommen immer neue Erinnerungen hoch. An Ingas einzige große Liebe etwa, den Mathematik-Studenten Peter Klaasen, der nebenbei als Tankwart gearbeitet hat und als Nachhilfelehrer für Rosmarie und Mira eingestellt wurde: Rosmarie, das frühreife Biest, ist ihm nachgestiegen zu einer Zeit, als das Wort „Stalking“ noch nicht erfunden war. Bis er sich in einer schwachen Minute hat gehen lassen – dann war er entlassen und auch für Inga gestorben.
Aber nicht für die aparte Mira, die sogleich und durchaus wörtlich gemeint die Chance beim Schopf ergreift, um ihrer Dauer-Rivalin Rosmarie wenigstens ein einziges Mal ihre Überlegenheit zu demonstrieren: der immer noch nicht schlau gewordene intellektuelle Kopf Peter Klaasen lässt sich erneut verführen. Als Mira schwanger ist, treibt das die eifersüchtige Rosmarie derart auf die Palme, dass sie alles aufbietet, um Mira nachgerade zu einer Abtreibung zu zwingen – mit Erfolg. Und nun mutiert der Apfelbaum vom Indikator zum Ausgangspunkt eines tragischen Ereignisses, das alle Beteiligten ihr ganzes weiteres Leben beeinflussen wird: Nach einer Auseinandersetzung zwischen Mira und Rosmarie in luftiger Höhe steigt Letztere auf das Glasdach des Gewächshauses und bricht ein – mit tödlichen Folgen.
Ihre Mutter Harriet hat sich niemals von dem Schicksalsschlag erholt und Trost bei einer Sekte gefunden, Mira hat sich die rote Lockenpracht der Toten zugelegt und eine Frau geheiratet – und Iris hat sich noch immer nicht von dem Selbstvorwurf erholt, sich in besagter Nacht schlafend gestellt zu haben, als ihre Cousine Rosmarie ihr etwas wichtiges sagen wollte. Da spielt es schon kaum noch eine Rolle, dass sich Iris ihr alter Lehrer Carsten Lexow offenbart hat – als Gärtner und Liebhaber Berthas und wahrscheinlicher Vater ihrer Tante Inga...
Die komplizierte Erzählstruktur von Katharina Hagenas gleichnamigem Millionen-Bestseller, ihr Romandebüt von 2008, ist für die Leinwand neu gegliedert worden. Im Mittelpunkt steht nun die Liebesgeschichte der „Sandkastenfeinde“ Iris und Max und um dieses Zentrum herum kreisen die Erinnerungen an die Familiengeschichte über mehr als drei Generationen hinweg wie die Planeten um die Sonne. Und zwar in ebensolcher gleichförmigen, berechenbaren Art und Geschwindigkeit. „Der Geschmack von Apfelkernen“ ist auch als Zeitpanorama nicht wirklich spektakulär, aber die zwei Stunden vergehen wie im Fluge. Was an dem tollen Cast liegt, einem Who is who großer deutscher (Bühnen-) Schauspielkunst bis hin in kleinste Episodenrollen. So spielt Johann von Bülow den Vater von Rosmarie, Friedrich Quast, der als Medizinstudent die schwangere Harriet schnöde sitzen ließ und nun von ihr in seiner Hamburger Arztpraxis vom Tod der ihm unbekannten Tochter erfährt. Die Free-TV-Premiere erfolgte am 25. Oktober 2015 im ZDF.
Pitt Herrmann