Inhalt
Hans Gastl, Sohn eines Staatsanwaltes wächst im München vor dem Ersten Weltkrieg in saturierten Verhältnissen auf. Die Strenge des Vaters und dessen Scheinmoral – Amüsement mit "leichten Mädchen" – verstricken ihn in Widersprüche mit sich selbst und seinem Elternhaus. Er sucht Zuflucht bei einer Prostituierten, die zwar noch Kraft für echte Gefühle hat, aber nicht die Kraft, sich aus ihrem Milieu zu lösen. Gastl findet neue Freunde unter Künstlern. Doch der Krieg macht aus einigen von ihnen – einst expressive Kriegsgegner – fanatische Kriegsbejaher. Der Künstler Sack, ein Dichter, bleibt sein einziger Gefährte. Hans Gastl trennt sich schließlich von Kindheit, Jugend, Eltern und Freunden, um seinen eigenen Weg zu suchen.
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Doch der 17-jährige Münchener Bürgersohn beschließt, diesen Krieg nicht mitzumachen. Dabei ist er sich durchaus bewusst, dass dieser Entschluss eine Wende in seinem Leben bedeutet: Er nimmt Abschied von seiner Familie – und damit auch von seiner Klasse. Ein Abschied, der freilich nicht urplötzlich aus schwarz-weiß-rot verhangenem Himmel kommt: Schon als Schüler am Humanistischen Gymnasium, wo noch die Prügelstrafe herrschte, löckte der kleine Hans Gastl wider den Stachel. Zusammen mit seinen Mitschülern Rainer Feck und Bodo Freyschlag machte er dem überforderten Lehrer Goll das Berufsleben zu Hölle, auch wenn Hans nicht mit jedem ihrer üblen Streiche einverstanden war. Er rebellierte früh gegen die Saturiertheit und Scheinmoral der Älteren und freundete sich ganz unstandesgemäß mit dem Arbeiterjungen Hartinger, einem weiteren Klassenkameraden, an.
Häufig ließ er etwas mitgehen bei Besuchen seiner Großmutter, wovon dann alle profitierten, besonders Feck. „Siegreich wolln wir Frankreich schlagen“: Im Urlaub in den Bergen übt Vater Gastl, ein harter Hund als Münchner Oberstaatsanwalt, mit seinem Sohn militärisches Exerzieren, doch der scharwenzelt lieber mit dem jungen Dienstmädchen Klärchen herum: Noch zu jung für die Liebe? Wenn das die Mama wüsste! Inzwischen tragen die Klassenkameraden Gastl, Hartinger, Feck und Freyschlag, zu denen sich inzwischen der Jude Löwenstein gesellt hat, Schuluniformen. Die Herren Gymnasiasten werden vom pensionierten Schuldirektor Johannes vormilitärisch ausgebildet. Und von Hartinger, aus der Art geschlagener Spross eines Bankdirektors und seiner nicht minder gütbürgerlichen Gattin, politisch indoktriniert: Der Sozialismus siegt, Deutschland müsse sich nur die russische Oktoberrevolution als Vorbild nehmen.
Die Freunde kommen allmählich in ein Alter, um von Prostituierten ins wahre Leben eingewiesen zu werden – und Feck ist 'mal wieder allen voran. Hans Gastl hat sich in Fanny verknallt, die hübsche blonde Zigarettenverkäuferin im Hofbräuhaus. Sie scheint an den Milchbubis nicht wirklich interessiert. Doch der Schein trügt: Fanny hofft, das gutsituierte Bürgersöhnchen könne sie aus den zuhälterischen Fängen des nicht ganz koscheren Zigarettenhändlers Kunik befreien. Und wenn es nur auf dem Weg eines doppelten Selbstmordes ginge. Eines Morgens ist Fanny tot, offenbar ermordet worden. Ist Kunik der Täter?
Und Hans Gastl? Trägt im Café Größenwahn, wo sich die Boheme um den Dichter Stefan Sack und die Sängerin Magda schart, Gedichte vor. Als der österreichische Thronfolger in Sarajewo ermordet wird und Österreich-Ungarn die Bürger seines Vielvölkerstaates zu den Waffen ruft, will auch der deutsche Kaiser nicht abseits stehen: Der Erste Weltkrieg bricht mit einer gespenstischen Welle nationaler Begeisterung beiderseits des Rheins aus. Der König von Bayern schließt sich kritiklos den Preußen an und gibt bei einem Schwimmfest die Parole aus: „Deutschlands Zukunft liegt auf dem Wasser.“ Womit er natürlich nicht den Starnberger See gemeint hat, sondern die Weltmeere: Preußen fehlt zu Glanz und Gloria noch die eine oder andere Kolonie. Da kommt so ein kleiner, im Handumdrehen zu gewinnender Krieg gerade recht, um es dem Erzfeind zu zeigen.
Löwenstein zeigt derweil den arischen Deutschnationalen, dass sich die Juden nicht nachsagen lassen wollen, die schlechteren Deutschen zu sein: Er meldet sich als Freiwilliger an die Front. Was dem Sozialisten Hartinger natürlich nicht in den Sinn kommt – und, zum Entsetzen seines Vaters, Hans Gastl schon gar nicht. Der Staatsbeamte ist mächtig stolz darauf, dass die Sozialdemokraten einstimmig dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt haben: Vater Gastl lädt daraufhin sogar den jungen Hartinger zum Abendessen daheim ein. Und drängt Hans dazu, sich ebenfalls freiwillig zu melden...
Mit eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Bildern auf Breitwand-Format, der aus einem Requiem von Paul Dessau stammenden Musik und einem bis in kleinste Nebenrollen hervorragend besetzten Ensemble haben Egon Günther und Günter Kunert den autobiographischen Entwicklungsroman „Abschied“ des Dichters, SED-Funktionärs und DDR-Kulturministers Johannes R. Becher inszeniert als augenzwinkernd-ironische Mär, bei der alle ihr Fett wegbekommen: die nationalistischen Spießer wie die schwärmerischen Sozialisten – und die esoterische, aber trinkfeste Bohème schon gar.
Es wundert daher nicht, dass „Abschied“ nicht trotz, sondern gerade aufgrund seiner vergleichsweise sehr lebendig gestalteten antibürgerlichen und pazifistischen Grundhaltung bei den SED-Parteikadern und DDR-Kulturfunktionären auf erhebliche Vorbehalte stieß – zumal unmittelbar nach dem Einmarsch der Nationalen Volksarmee im Auftrag des Warschauer Paktes in die CSSR, um dem „Prager Frühling“ samt Parteichef Alexander Dubček den Garaus zu machen. Bei einer Festveranstaltung zu Ehren von Johannes R. Becher verließ Walter Ulbricht das Kino demonstrativ unmittelbar vor Beginn des Films. „Abschied“ wurde am 10. Oktober 1968 im Berliner „Kosmos“ uraufgeführt, nach wenigen Wochen Laufzeit abgesetzt und nur noch für interne Einzelvorführungen zugelassen. Der Vorwurf: Modernismus, Skeptizismus, Demontage des Becherschen Pathos. Die westdeutsche Erstaufführung fand bereits gut sechs Wochen später an der noch ganz jungen Ruhr-Universität Bochum, der ersten Universitäts-Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg, statt.
Pitt Herrmann