Inhalt
Als der Berner Lateinlehrer Raimund Gregorius auf ein Buch des portugiesischen Dichters und Arztes Amadeu de Prado stößt, lässt er alles stehen und besteigt den Nachtzug nach Lissabon. Er muss mehr erfahren über diesen Autor, den die gleichen Fragen umtreiben wie ihn selbst - Fragen nach der Bestimmung menschlichen Handelns und dem ungelebten Potenzial jeden Lebens. Seine rastlose Suche quer durch Lissabon fördert das widersprüchliche Bild eines klugen und mutigen, aber auch zerrissenen Mannes zutage, der zur Zeit von Salazars Diktatur lebte.
Amadeu, Sohn eines systemkonformen Richters, hatte seinen engsten Freund in Jorge, dem Sohn eines oppositionellen und verfolgten Offiziers, gefunden. Die Freundschaft drohte zu zerbrechen, als er, seinem Eid gehorchend, einem Folterknecht des Regimes das Leben rettete. Doch dann musste auch er in den Widerstand abtauchen. Dort lernte er die schöne, kluge Estefania kennen und lieben - Jorges Freundin … Für Gregorius, der das Puzzle dieses Lebens zusammensetzt, werden seine Nachforschungen zu einer Reise zu sich selbst.
"Night Train to Lisbon" ist die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Pascal Mercier.
Quelle: 63. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)
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Doch im erstbesten Moment ergreift die Fremde, ihren Mantel an der Schulgarderobe zurücklassend, die Flucht. In dessen Tasche findet Raimund ein portugiesisches Buch, „Um ourives das palavras“ („Ein Goldschmied der Worte“) von Amadeu Inacio de Almeida Prado. Im Antiquariat hofft er, Hinweise auf die Identität der Besitzerin zu erhalten, doch er entdeckt nur ein Zugticket nach Lissabon. Laut Reservierung fährt die Bahn bereits in 15 Minuten ab, sodass Raimund auf den Bahnsteig eilt in der Hoffnung, die junge Frau dort zu finden. Als sie nicht erscheint, steigt er selbst kurzerhand in den Zug – und vertröstet seinen Schuldirektor Kägi per Handy auf unbestimmte Zeit.
Während der Zugfahrt verschlingt er förmlich das Buch Amadeus, nimmt Zeile für Zeile förmlich in sich auf und beschließt, in Lissabon mehr über den ihm bisher völlig unbekannten Autor zu erfahren. Nachdem er sich in einer kleinen Pension mit Meerblick eingemietet hat, die Bilder des Kameramanns Filip Zumbrunn nehmen sogleich für die verwinkelten, erstaunlich bergigen Gassen der Lissaboner Altstadt ein, sucht er das Haus des Dichters auf, wird aber von dessen Schwester Adriana rasch abgewiesen. Das Buch sei nur in einer Auflage von einhundert Exemplaren gedruckt worden und der Bruder nicht daheim.
Der liegt, wie Raimund nach einem Hinweis der Haushälterin auf dem Friedhof entdeckt, bereits seit dreißig Jahren unter der Erde, gestorben am Tag der „Nelken-Revolution“, welcher die portugiesische Diktatur beendete. Als er auf dem Rückweg in die Pension von einem Radfahrer angerempelt wird und seine Brillengläser auf dem Kopfsteinpflaster zerspringen, lernt Raimund mit Mariana eine Augenärztin kennen, mit der er sich sogleich zum Abendessen verabredet. Zwei Seelenverwandte haben sich gefunden und Mariana kann Raimund sogar bei der Recherche weiterhelfen: Ihr Onkel João de Eça, der jetzt in einem Pflegeheim lebt, kannte Amadeu in den Zeiten der Salazar-Diktatur. Der knorrige Alte mit den fürchterlich zerstörten Händen zeigt sich nach einer heimlichen Zigarette überraschend gesprächig.
João ist in jungen Jahren ein vielversprechender Pianist gewesen, bevor ihm Mendez, in den frühen 1970er Jahren als „Schlächter von Lissabon“ Chef der gefürchteten Geheimpolizei, alle Finger zerquetschen ließ, um Informationen über eine gewisse Estefânia zu erhalten. Die junge Frau verfügte über ein fotografisches Gedächtnis und fungierte als lebendes Archiv des Widerstandes: Die Geliebte von Jorge, Amadeus bestem Freund seit Kindertagen, hatte alle Daten zu Verbindungsleuten im Kopf. João hat nichts verraten und wurde eingesperrt.
Amadeu, welcher viel lieber Schriftsteller und Philosoph geworden wäre, was aber sein Vater (so gespenstisch wie im „Weißen Band“: Burkhard Klaußner), als Richter ein treuer Diener des faschistischen Staates, zu verhindern wusste, hat noch als Medizinstudent seiner Schwester mit einem Luftröhrenschnitt das Leben gerettet, weshalb ihn Adriana geradezu abgöttisch verehrt hat. Und so eifersüchtig auf dessen Liaison mit Estefânia gewesen ist wie Jorge, dem er sie entriss. Als Raimund erfährt, dass Jorge O’Kelly noch lebt und weiterhin in seiner, ihm von Amadeu geschenkten Apotheke tätig ist, folgt er dem alten Mann in eine Schach-Kneipe. Doch der weigert sich zunächst standhaft, Auskunft über Estefânia und seine eigene Verstrickung in die schicksalhaften Ereignisse aus der dunklen Zeit Portugals zu geben...
„Nachtzug nach Lissabon“, die Verfilmung des gleichnamigen, 2004 bei Hanser erschienenen Bestsellers von Pascal Mercier, hinter dem Pseudonym verbirgt sich der Schweizer Philosophie-Professor Peter Bieri, ist eine filmische Reise, die Zeit und Raum überwindet, in dem sie Fragen der Geschichte, der Philosophie und der Medizin berührt: Amadeu ist Arzt geworden, weil er an einer Aneurysma genannten Gefäßerweiterung im Kopf litt, einer unheilbaren Krankheit, die überfallartig zum Tode führt.
Der renommierte dänische Regisseur Bille August nimmt uns quasi zusammen mit seinem Protagonisten, dem britischen „Oscar“-Preisträger Jeremy Irons, mit auf diese aufwendig an den Originalschauplätzen gedrehte Reise, die am Anfang befremdlich unspektakulär, gar betulich wirkt, um uns dann immer mehr in eine so facetten- wie personenreiche Geschichte hineinzuziehen, die sich am Ende zu einer befreienden Suche nach dem wahren Sinn des Lebens entwickelt – für den Gymnasiallehrer aus Bern, der vielleicht am Tejo eine neue Heimat gefunden hat wie für die geheimnisvolle junge Frau, die sich in Raimunds kleiner Pension doch noch ihren roten Mantel abholt und sich als Catarina Mendes outet, die Enkelin des „Schlächters von Lissabon“.
Pascal Mercier im Concorde-Presseheft: „Die Geschichte des Films ist nicht deckungsgleich mit der Geschichte des Romans. Das hat mit der Logik des anderen Mediums zu tun. Aber sie bewahrt die seelischen Konturen der Figuren, ihre Tiefe und die Natur des Dramas. Darüber hinaus hat Bille August, dem Buch entsprechend, einen philosophischen Film geschaffen, in dem über existenzielle Fragen nachgedacht wird, die jeden beschäftigen. Wir hören, wie Gregorius aus den Reflexionen des portugiesischen Arztes und Poeten liest. Man möchte, dass die Stimme von Jeremy Irons nicht aufhört. Überhaupt möchte man nicht, dass der Film aufhört.“ Free-TV-Premiere war am 3. April 2015 im ZDF.
Pitt Herrmann