Darsteller, Regie, Regie-Assistenz, Drehbuch, Kamera, Produzent
Gera

Viel gewagt und Silber gewonnen

Ein Interview mit Andreas Dresen zu "Halbe Treppe", der mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde.


Katharina Dockhorn, filmecho/filmwoche, Nr. 8, 23.02.2002

Viel gewagt und alles gewonnen haben Peter Rommel und Andreas Dresen mit "Halbe Treppe". Mit den Preisgeldern von "Nachtgestalten" und einem kleinen Team von vier Schauspielern und sieben Crewmitgliedern drehten sie dieses Projekt, das die Grenze zwischen Fiktionalem und Dokumentarischen weiter auslotete. Der Film wurde auf der 52. Berlinale mit dem silbernen Bären ausgezeichnet und wird voraussichtlich im Herbst von Delphi ins Kino gebracht.

Filmecho: Vor vier Jahren sind Sie bei der Uraufführung von "Nachtgestalten" im Zoo gewesen. Wie haben Sie die vergleichbaren Stunden während der Premiere von "Halbe Treppe" im Rahmen der Berlinale erlebt?

Andreas Dresen: Ich bin erst spät von Potsdam nach Berlin gefahren, habe versucht, nicht an den Film zu denken und saß dann mit den anderen im Raum hinter der Pressekonferenz, wo wir nicht wussten, was abging mit meinem kleinen Film auf dem großen Festival. Es war ein grusliges Gefühl.

Filmecho: Peter Rommel erzählte, dass Sie auf dem Weg zum ersten Drehtag geweint haben sollen. War dies Ausdruck Ihrer Ängste und Unsicherheit?

Dresen: Als ich den VW-Bus nach Frankfurt/Oder fuhr – wir hatten ja alle Doppel- und Dreifachfunktionen – habe ich tatsächlich geheult vor Angst. Den anderen ging es nicht besser, weil wir nur ein Drehbuch mit ein paar Überschriften hatten, mit dem wir uns vorbereiten konnten. Ich bereite mich sonst sehr, sehr gründlich vor. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir mein eigener Ordnungssinn im Wege steht und oft Lebendiges verhindert. Man reibt sich am Set nicht mehr an der Geschichte, und das muss manchmal sein. Als ich das erkannte, habe ich versucht, mein eigenes Ordnungssystem zu überlisten und der Situation und den Schauspielern zu vertrauen, denen ich seit Jahren freundschaftlich verbunden bin. Das war auch für sie eine schwierige Situation, denn sie mussten mit ungewöhnlicher Offenheit in einen dunklen Raum tappen. Kurz vor Drehbeginn ist mir auch jemand abgesprungen.

Filmecho: Welche formalen Konsequenzen hatte die Arbeitsweise?

Dresen: Durch die langen Improvisationen und das geringe Budget wäre es nicht möglich gewesen, auf 16- oder 35-mm zu drehen und das Filmmaterial zu bezahlen. Also haben wir auf Video gedreht, was den produktionstechnischen Vorteil hatte, dass wir uns frei bewegen konnten. Ich habe zum Beispiel geangelt, während der Tonmeister und der Kameramann ihre Arbeit machten. Bei diesem kleinen Team wäre kein Mensch auf die Idee gekommen, dass wir einen Spielfilm drehen. Andererseits gab mir die Arbeitsweise ohne festes Drehbuch die Freiheit, mich nicht mit Szenen rumquälen zu müssen, die nur auf dem Papier funktionieren, und einen Drehplan einzuhalten. Wenn es lief, haben wir 16 Stunden gedreht, und wenn nicht, nach zwei Stunden abgebrochen.



Filmecho: In "Nachtgestalten" haben Sie sich erstmals vom Storyboard gelöst. Sind Sie jetzt am Ziel und haben Sie die größtmögliche Freiheit beim Improvisieren erreicht?

Dresen: Der nächste Schritt wäre der Dokumentarfilm. Meine Arbeitsweise stößt jetzt an ihre Grenzen und taugt auch nicht für jede Geschichte. Es wird jetzt redundant, diese Erfahrungen auf konventionellere Geschichten zu übersetzen, für die ich momentan am Drehbuch sitze. Nichtsdestotrotz war es eine einmalige Arbeitserfahrung, zu der ich gerne wieder zurückkehren werde, wenn sich eine Lücke auftut und wir wieder ein bißchen Geld beisammen haben.

Filmecho: Die Nähe zum Dokumentarfilm deuten Sie durch die Interviews an, die Sie mit den Figuren geführt haben und immer wieder einstreuen. War diese Ebene geplant?

Dresen: Die Gespräche waren zunächst kein integraler Bestandteil des Films, sondern nur zur Selbstverständigung gedacht. Es war wichtig, dass sich die Schauspieler über die Situation ihrer Figuren klar sind. Der Inhalt war nie abgesprochen. Beim Schnitt haben wir dann versucht, die Interviews einzusetzen, um Handlungsebenen zu vertiefen und zu unterschneiden. Wenn man dem Betrug von Ellen und Chris die Selbstauskunft Uwes über seinen Glücksanspruch gegenüberstellt, begreift man, warum Ellen ausbricht und der Filmhorizont öffnet sich.

Filmecho: Im Grunde erzählen Sie eine Story, die schon Tausende Male erdacht wurde. Was interessierte Sie an diesem Ehekonflikt?

Dresen: Ich glaube, es gibt im Kino kaum Geschichten, die nicht schon erzählt wurden. Ich wollte eine Story mitten aus dem Leben inszenieren, die jeder von uns in komischer oder bitterer Ausführung schon einmal erlebt hat. Denn ich mag Filme, bei denen ich mich ein bisschen ertappt fühle, weil sie so dicht am Alltag sind, dass man sich auf der Leinwand widerspiegeln kann.

Filmecho: In der Tragik liegt bei Ihnen oft ungeheure Komik. Schreibt der Alltag die witzigen Geschichten?

Dresen: Ich glaube ja. Man erlebt selbst in den tragischsten Momenten manchmal Sekunden absurder Komik. Daher wählten wir oft Situationen, die peinlich sind für die Protagonisten. Sie beinhalten komische Elemente, bei denen man schon aus Befreiungsgründen lachen muss. Wichtig ist nur, dass man dann mit den Figuren, die alle vom Leben gebeutelt sind, lacht und sie nicht verlacht. Dann stellt man sie nicht bloß und für den Zuschauer wird es interessanter.