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Allegro Pastell erzählt die Geschichte einer nahezu makellosen, aber letztlich scheiternden Fernbeziehung. Im Zentrum steht die persönliche Wahrnehmung zweier verwöhnter Freiberufler, denen es meistens gut ergangen ist und die scheinbar alles unter Kontrolle haben: Tanja, 33 und in Marseille geboren, lebt als aufstrebende Schriftstellerin in Berlin, nahe der Hasenheide. Jerome, 35 und ein gefragter Webdesigner, ist in sein hessisches Heimatdorf Maintal bei Frankfurt am Main zurückgekehrt – in den Bungalow, den seine Eltern zurückgelassen haben.
Das Paar besucht sich gegenseitig mit den Schnellzügen der Deutschen Bahn und bleibt über Text- und Fotonachrichten stets miteinander verbunden. Eine Webseite für Tanja, die Jerome seiner Freundin zum 34. Geburtstag schenken möchte, führt wider Erwarten zu einem ersten Bruch in der Beziehung. Die beiden Liebenden verlieren sich, nähern sich wieder an, verlieren sich erneut …
Eine stimmungsvolle Mentalitätsgeschichte in den Pastellfarben einer schönen Erinnerung; nachdenklich, unterhaltsam und wehmütig. Angesiedelt in den Jahren 2018 und 2019 handelt es sich zugleich um eine historische Erzählung aus einem Deutschland knapp vor unserer Zeit.
Quelle: 76. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)
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Denn aus ihm folgt eine Fernbeziehung, welche die Verfilmung des kurz vor dem ersten Corona-Lockdown im März 2020 bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Bestsellers „Allegro Pastell“ durch Anna Roller zu einem Railroad-Movie macht. Dessen Drehbuch vom Romanautor Leif Randt selbst geschrieben wurde: Er hat aus der Deutschen Tanja eine um einige Jahre ältere Französin gemacht, die bewusst Abstand zu ihrer Mutter Ulla hält und dafür umso lieber mit ihrem Vater Konstantin telefoniert – auf Französisch naturgemäß.
Leif Randt hat damit den Grundkonflikt verschärft: Die vorzugsweise doppelte Wodkas in sich hineinkippende „Seelsorgerin ihrer Generation“ will noch keine Kinder. Welche sich der im Vergleich zum Roman noch etwas jungenhafter und weniger esoterisch wirkende Jerome durchaus vorstellen kann, was er naturgemäß zunächst abstreitet. Er ist in seine Heimatstadt Maintal vor den Toren Frankfurts zurückgekehrt und bewohnt den Bungalow, den seine Eltern zurückgelassen haben. Was seine zu Besuch kommende einstige Jugendliebe Marlene Seidl ziemlich befremdlich findet und als „emotionales Wagnis“ bezeichnet.
Jerome erstellt daheim eine Website für Tanja, die zu ihrem 24. Geburtstag fertig sein soll. Beide besuchen sich regelmäßig, auf der Suche nach dem ultimativen Glück bleibt der Sex auf hohem Niveau: Tanja ist geradezu fasziniert von ihrem Kontrollverlust und konstatiert: „In gewisser Weise haben wir alles erlebt. Hard Feelings, mediokre Feelings, Revival-Feelings – und wie auch immer der Stand gerade war, verliebt war ich letztlich die ganze Zeit.“ Die Selbstreflektion ist selbst unter Drogen enorm, aber dann flüchtet Tanja aus der Furcht, etwas zu verpassen, wenn sie sich nur auf den aus ihrer Sicht spießigen Jerome beschränkt, in die Arme des alleinerziehenden Doktoranden Jannis.
Beide verlieren sich eine Zeitlang aus den Augen: Tanja kümmert sich um ihre Schwester Sarah, auch nachdem diese aus dem Krankenhaus entlassen worden ist, und Jerome besucht seine Mutter Hannah in Lissabon, wo er wohl nicht zufällig auf Marlene trifft, in die er bereits als Viertklässler verknallt war: Mit ihr hatte Jerome kurz zuvor auf der Hochzeitsparty ihrer gemeinsamen Freunde Julian und Jana nicht nur getanzt. Das Weihnachtsfest verbringen Tanja und Sarah mit ihren Eltern erstmals in Berlin – und dann kommt heraus, dass diese sich trennen wollen. Zu Silvester an der Spree wieder vereint, erfährt Tanja von Marlene und ist gekränkt…
Allegro ist ein Begriff aus der Musik, der einerseits eine fröhliche, muntere Stimmung meint und anderseits ein hohes Tempo bezeichnet. Pastell stammt dagegen aus der Bildenden Kunst und hat auch zwei Bedeutungsebenen: Zum einen ist der Gebrauch von sanften, hellen Farben gemeint, zum anderen die Technik des Auftragens von Pigmentkreide auf einen Malgrund. „Allegro Pastell“ versteht sich als eine in den Jahren 2018 und 2019 angesiedelte stimmungsvolle Milieustudie (Green Tea Celebrations mit Schweigegebot), gehüllt in die Pastellfarben einer wehmütigen Erinnerung an die Vor-Corona-Zeit ohne despotische Weltherrscher und andere Katastrophen.
Anna Roller im DCM-Presseheft: „Anfänglich waren mir die Figuren erstaunlich unsympathisch. Ich wollte mich nicht mit ihnen identifizieren, fand sie arrogant und unpolitisch. Doch je länger ich las, desto mehr erkannte ich mich oder Menschen aus meinem Umfeld in ihnen wieder – auf unbequeme Art vielleicht, aber doch geradezu sezierend genau beobachtet. Ich kaufte mir den Roman, und als ich am Ende von Tanjas Abschiedsbrief unglaublich berührt war, merkte ich, dass genau das die Aufgabe einer Verfilmung wäre: dieses Spannungsfeld eines kühlen Erzählens auf die Leinwand zu bringen, bei dem man schließlich doch um das Ende dieser Liebe weinen möchte.“
Pitt Herrmann