Inhalt
Derya und Aziz, ein gefeiertes Künstlerehepaar aus Ankara, führen mit ihrer 13-jährigen Tochter Ezgi ein erfülltes Leben, bis ein Vorfall bei der Premiere ihres neuen Theaterstücks alles verändert. Über Nacht geraten sie ins Visier des Staates und verlieren ihre Arbeit und ihre Wohnung. Sie gehen nach Istanbul, wo sie vorläufig bei der Mutter von Aziz unterkommen. Während sich Aziz mit Gelegenheitsjobs durchschlägt und an seinen Überzeugungen festhält, sucht Derya nach einem Ausweg, der sie finanziell unabhängig macht. Nach und nach vergrößert sich die Distanz zwischen ihnen und ihrer Tochter, bis sie sich zwischen ihren Wertvorstellungen und der gemeinsamen Zukunft als Familie entscheiden müssen.
Quelle: 76. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)
Kommentare
Sie haben diesen Film gesehen? Dann freuen wir uns auf Ihren Beitrag!
Jetzt anmelden oder registrieren und Kommentar schreiben.
Danach gerät das bisher eher beschauliche Leben des gefeierten Künstlerehepaars aus dem Gleichgewicht, zumal sich ihre 13-jährige Tochter Ezgi, die grundsätzlich den Anspruch des Vaters, mit dem Theater die Welt retten zu wollen, infrage stellt, einer studentischen Friedensdemonstration anschließt. Ihr eher bedacht-vorsichtiger Vater hält derweil sein Seminar vor nur noch fünf Studenten, denen er freistellt, sich dem Protest ebenfalls anzuschließen: „Wenn ihr das Theater unseres Staates nicht live erlebt habt, kann ich euch nichts über Dramaturgie erzählen. Lasst euch das nicht entgehen!“ Der Satz, per Smartphone aufgezeichnet, kostet Aziz und zahlreichen weiteren Dozenten den Job. Aber auch Derya und die anderen an der neuen Produktion beteiligten Theaterleute erhalten die gefürchteten „gelben Briefe“.
Da der Gerichtstermin zum Vorwurf der Beleidigung des Staatspräsidenten erst in sieben Monaten ist, die Bank die Kreditlinie nicht verlängert und der Vermieter Zülifikar nach Hausdurchsuchungen kalte Füße bekommen hat, zieht die Familie nach Istanbul, wo sie vorläufig in der kleinen Wohnung von Aziz‘ Mutter Güngör Hanim unterkommt. Durch Vermittlung von Deryas Bruder Salih, einem Import-Export-Händler, bekommt Aziz vom Unternehmer Recai (Özgür Karadeniz) einen Job als Taxifahrer. Derya braucht eine Weile, bis sie politische Posts von ihrem Social-Media-Account löscht, um eine hochdotierte Hauptrolle in der Unterhaltungsserie eines regierungsnahen TV-Kanals zu bekommen.
Was Aziz, der an seinen Überzeugungen festhält und heimlich an einem neuen Theaterstück schreibt, als Verrat an den gemeinsamen Werten empfindet. Nach und nach vergrößert sich die Distanz nicht nur zwischen den Eheleuten, sondern auch zwischen ihnen und ihrer Tochter: Ezgi will unter dem Einfluss ihres 23-jährigen Freundes İsmail das Studium schmeißen und freie Künstlerin werden. Als Derya ihren konservativen Bruder Salih und dessen Ehefrau Gülin zum Fastenbrechen einlädt, prallen grundsätzlich verschiedene Wertvorstellungen und Lebenseinstellungen aufeinander.
Das Theater kann zwar die Welt nicht retten, aber vielleicht die Familie kitten: In der kleinen, nur 100 Zuschauer fassenden Off-Bühne ihres Freundes Baran und seines Ko-Direktors Rojda beginnen die Proben zu Aziz‘ neuem Stück „Sarı Zarflar“ („Gelbe Briefe)“, in dem Derya die Hauptrolle spielen soll. Doch die hat inzwischen die lukrative Hauptrolle einer Werbeagentur-Chefin in der Serie „Paradiesgarten“ des Staatsfernsehens übernommen: Geld schlägt Ideale. Die Emotionen kochen hoch – und plötzlich ist Ezgi verschwunden…
Ilker Çatak war mit „Das Lehrerzimmer“ als deutscher Beitrag im Oscar-Rennen, nun lässt er „Gelbe Briefe“ folgen – mit der großartigen Idee, die in den beiden Metropolen am Bosporus spielende Geschichte in den deutschen Großstädten Berlin und Hamburg zu drehen. Und das ausschließlich in türkischer Sprache mit türkischen und türkischstämmigen, in ganz Europa lebenden Schauspielern. Ein höchst erhellender Brechtscher Verfremdungseffekt zum immergleichen und leider höchst aktuellen Thema der Einschränkung der Meinungs- und Kunstfreiheit durch autoritäre Regime in aller Welt.
Sowie der zutiefst menschlichen Ängste vor politischer Verfolgung – gespiegelt in den Antagonismen Feigheit und Mut, Anpassung und Widerstand. Die beim gebürtigen Berliner Çatak weit entfernt sind von schwarz-weißer Zuordnung seiner Protagonisten, die er mit großem Verständnis für ihr unterschiedliches Handeln zeichnet.
Pitt Herrmann