Inhalt
Die DDR, Anfang der 70er Jahre. Der in dem Städtchen Suhl ansässige Rolf Anschütz sieht seinen Beruf als Koch und Gastronom tatsächlich als eine Berufung. Nur von der traditionellen Thüringer Küche, die er in seinem Restaurant seit Jahren serviert, hat er inzwischen die Nase gestrichen voll – es muss dringend etwas Neues her! Das Kochbuch "Die Küchen der Welt" liefert ihm schließlich die nötige Inspiration. Besonders die japanische Küche hat es ihm angetan, und so überrascht er seine zunächst reichlich irritierten Gäste mit kulinarischen Zaubereien aus Fernost.
Schon bald avanciert der ehrgeizige Koch zu einem wahren Japanexperten, und sein Restaurant in der thüringischen Provinz erlangt über die Grenzen der DDR hinaus Berühmtheit. Natürlich bekommt auch die SED-Führung bald Wind von dem japanophilen Genossen und versucht, seine West-Kontakte für eigene Ziele zu nutzen. Also duldet man schließlich seine nicht sonderlich sozialistisch anmutenden Kreationen. Kurzum: Rolf ist und bleibt König seiner kleinen Welt. Zugleich aber droht er sich auf Grund des zunehmenden, auch internationalen Ruhms immer weiter von seiner Familie und seinen Freunden zu entfernen.
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Und wird in einem alten Rezeptbuch fündig: Maikäfersuppe. Als Vorspeise für die HO-Chefetage, die den 23. Jahrestag der Einzelhandels-Verstaatlichung zünftig mit Weimarer Zwiebelschweinshaxe im „Waffenschmied“ zu feiern trachtet – und das recht opulent. „Ganz schön westlich dekadent“ kommentiert Genosse Lothar Jäger. „Schmeckt nach Fisch“ – und das nicht schlecht, lobt die aus Berlin angereiste Genossin Elke Malaschke. Doch als sie erfährt, dass 350 Maikäfer ihren Hüftspeck für die Vorsuppe opfern mussten (und Rolf einen kompletten Satz Winterreifen, um an das Rohmaterial zu gelangen), verlassen alle Gäste fluchtartig die gemütliche Wirtsstube: was sich der innovative Koch als Knüpfung neuer Verbindungen gedacht hat zur Schließung so mancher Versorgungslücke in tiefster DDR-Provinz, hat sich zum Rohrkrepierer entwickelt.
Doch Rolf gibt nicht auf, als Gattin Ingrid die Reste der Maikäfersuppe im Müll entsorgt: „Ich bin Koch und kein Klempner, ich will nicht nur, dass die Leute satt werden.“ Unterstützung erhält er von seinem Vater, der auch nach zwei Jahrzehnten noch nicht über seine Enteignung als „Waffenschmied“-Inhaber hinweggekommen ist: „Zeig' denen 'mal, dass Essen auch 'was mit Kultur zu tun hat.“ Als Rolf mit seinem Sohn Robert beim Zubettgehen das allabendliche „Tischlein-deck-dich“-Spiel beginnt, wobei sich sein Sprössling auf dem Leuchtglobus die Region aussuchen darf, in der Papa seine Phantasie spielen lassen soll, fällt die Wahl auf Japan. Und es ist wohl nicht nur reiner Zufall, sondern Vorbestimmung, dass im gleichen Moment Ingrid mit dem schon recht verstaubten Wälzer „Die Sitten der Völker“ hereinschneit.
Rolf träumt fortan nur noch von Sushi in Suhl. Allerdings ist die Versorgungslage schon bei heimischer Kost nicht gerade üppig außerhalb der Metropolen und Messe-Zeiten. Von der Ausstattung ganz zu schweigen, schon an Baumwoll-Tischdecken für die Gaststube haperts. Und nun gar Fernost! Mit der schönen Gisela, die er zusammen mit Helga flugs in eine bezaubernde Geisha verwandelt, und seinen Stammtischbrüdern Hans Kremser, der unfreiwillig Judo-Anzüge der Betriebssport-Gemeinschaft aus hochwertigem West-Frottee für die Kimonos beisteuert, und Otto Günther, der in seiner Tischlerei aus Roberts Trommelstöcken Ess-Stäbchen zaubert, macht Rolf die Probe aufs Exempel. Weil mit Jochen Büttner auch ein Journalist dazugehört, stehts ein paar Tage später mit Bild in der Zeitung: Sushi in Suhl.
„Das ist japanisch“: Obwohl reichlich improvisiert im oberen Gastraum, warmer Tokayer etwa muss als Reiswein durchgehen, schmeckts allen, und ganz besonders dem stolzen Wirt: „Aus Nichts 'was machen – das ist phantastisch.“ Und zieht Kreise: der halbe Ort steht Schlange. Was den Genossen Jäger und Malaschke arge Kopfzerbrechen bereitet: Rolf ist nur einfacher Angestellter der HO. Wenn seine Eigeninitiative nun Schule machen würde? Nicht auszudenken in der Planbürokratie zwischen Elbe und Oder. Doch dann sitzt ein echter Japaner im Restaurant, der in Jena als Gastdozent arbeitet: Dr. Hayashi möchte japanisch essen. Und ist nicht mit leeren Händen gekommen: Original Soja-Sauce. Das Rolf das noch erleben darf! Er zaubert mit Opas frisch gefangenem Karpfen Sushi, während Gattin Ingrid zu ebener Erde heimische Kost serviert. Es bleibt nicht bei diesem einen Besuch, so kommt Rolf auch zu weiteren Zutaten wie Ingwer und Wasabi. Inzwischen auch mit allerhöchstem Segen des Ministers (Christoph Zrenner): so festigt man bilaterale Beziehungen mit dem kapitalistischen Ausland!
Die Dinge entwickeln sich, der „Waffenschmied“ wird zu einem landesweiten HO-Vorzeigebetrieb, in dem sich die Ost-Berliner SED-Bonzen mit ihren Gästen aus aller Welt die Klinke in die Hand geben. Und vor dem Mahl im Evakostüm ein rituelles und nicht selten feucht-fröhliches Bad nehmen, bei dem ganz ungezwungen neue Allianzen geschmiedet werden – etwa zwischen Gisela und dem bayerischen Unternehmer Ernst Kaltenhauser. Doch das Privatleben im Hause Anschütz ist diesem Ansturm nicht gewachsen: Rolf solle lieber für den Hausfrieden kochen statt für den Weltfrieden. Als auch noch Opa Erwin an Arbeitsüberlastung stirbt nach allzu langem Eis-Fischen, zieht Ingrid samt Sohn Robert aus...
„Sushi in Suhl“ beruht auf einer wahren Geschichte: fast zwei Millionen Gäste sollen bis zum Mauerfall im Suhler „Waffenschmied“ eingekehrt sein, eine singuläre Erfolgsgeschichte privater Initiative im Rahmen der staatlichen Handelsorganisation HO. Durch das internationale Renommee, auch westliche Fernsehanstalten haben die fernöstliche Perle mitten in der thüringischen Provinz entdeckt, Rolf Anschütz ist in Tokio von einem Mitglied des japanischen Kaiserhauses mit einem Orden ausgezeichnet worden, konnten die zunächst verbiesterten und verbitterten Genossen, noch zu nennen Thorsten Merten als Lothar Jägers Chef Hans Leutner, gar nicht anders, als sämtliche ideologische Vorbehalte über Bord zu werfen und sogar Westdevisen locker zu machen, damit weiterhin alle zwei Stunden jeweils zwölf Gäste in den Genuss von Sushi in Suhl gelangen.
Das ist vom gebürtigen Zwickauer Carsten Fiebeler mit viel, bisweilen auch arg überdrehtem Witz und genauem Blick für Details in Szene gesetzt worden, köstlich etwa der Opernbesuch an Rolfs und Ingrids Hochzeitstag, wo ersterem die „Madame Butterfly“ (Barbara Ferun) nur Mittel zum Zweck der Plünderung des Theaterfundus war oder der Small-Talk unter Klassenfeinden im Bad samt japanischer Lied-Einlage „Sah ein Knab ein Röslein stehn“. Umwerfend auch die ständigen Rollen rückwärts der Berliner Spitzenfunktionäre angesichts der Macht des Faktischen. Rolf Anschütz ist der unumschränkte König in seiner Welt. Aber ist er auch wirklich glücklich? Ausgerechnet im fernen, fremden und völlig hektischen Tokio kommen ihm Zweifel...
Gedreht u.a. im Schmalkaldener Wirtshaus „Zur Wilhelmsburg“ und in einem nostalgischen Ohrdrufer Krämerladen ist „Sushi in Suhl“ bei den Sächsischen Filmnächten gleich zweimal uraufgeführt worden: Am 28. August 2012 auf dem Theaterplatz in Chemnitz und am Tag darauf in Anwesenheit des Regisseurs Christian Fiebeler und der Darsteller Uwe Steimle und Julia Richter am Elbufer in Dresden. Die Erstausstrahlung erfolgte am 3. Dezember 2014 in der ARD.
Pitt Herrmann