Inhalt
1987: Die erste Intifada. 1991: Der Golfkrieg. Zwei einschneidende Ereignisse im Nahen Osten, zwei entscheidende Stationen im Leben des jungen Sayed, der in einer arabischen Kleinstadt mitten in Israel aufwächst, umgeben von einer liebevollen Familie, die ein bisschen verrückt und ziemlich humorvoll ist. Der Vater ein Kommunist und Terrorist, die Mutter so zärtlich wie streng, eine reizende Großmutter voller Geheimnisse, die über alles und jeden Bescheid weiß, ein mysteriöses Rätsel, das Sayed löst, Freunde aus der Stadt und Gäste aus Tel Aviv und vor allem eine heitere Geschichte über die Suche nach Identität, die sich dramatisch ändert, als Sayed in einem Eliteinternat in Jerusalem Liebe und Mitgefühl erfährt und herausfindet, wer er wirklich ist. Dort wechselt er seine Identität, um ein neues Leben zu beginnen – er ist nicht länger Araber, nicht länger tanzender Araber.
Quelle: 48. Internationale Hofer Filmtage 2014
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Zwischen zwei entscheidenden Ereignissen für alle Palästinenser innerhalb der Grenzen Israels, der ersten Intifada 1987 und dem Golfkrieg 1991, wächst Eyad (nun Tawfeek Barhom in seiner ersten Kino-Hauptrolle) zu einem Musterschüler heran, den sein ehrgeiziger Vater am liebsten als Bomberpilot im Kampf gegen den verhassten Judenstaat sieht. Bis auf ein eintägiges Austauschprogramm der amerikanischen Organisation „Children for peace“ in der Grundschule noch nie mit Juden in Berührung gekommen, wird Eyad als bislang erster und einziger Palästinenser an die erklärtermaßen beste Schule Israels, ein Elite-Gymnasium mit angeschlossenem Internat in Jerusalem, angenommen.
Die überhaupt erste Trennung von seiner Familie wird zum radikalen Culture Clash im „eigenen“ Land: Er kennt weder die Popmusik seines Zimmernachbarn noch kann er fließend hebräisch vorlesen oder gar sprechen. Was ihm manchen Spott seiner jüdischen Mitschüler einbringt, aber auch die so gar nicht mitleidig gemeinte Zuneigung der so selbstbewussten wie schönen Klassenkameradin Naomi, in die er sich nach einer Begegnung in der Schulbibliothek sogleich verliebt. Heimlich versteht sich. Denn Eyad ist nicht nur auf glänzende Schulleistungen erpicht, um dem Wunsch seines Vaters zu entsprechen, sondern auch sehr darum bemüht, sich seinen jüdischen Mitschülern und der israelischen Gesellschaft anzupassen. Er möchte nicht weiter als exotischer Außenseiter angesehen und von Vollpfosten in Uniform an der Bushaltestelle entsprechend angemacht werden, sondern schlicht dazugehören. Weshalb er auch im privaten Umgang mit den Internatsmitbewohnern Fünfe gerade sein lässt, deren Musik hört und bald deren Vorlieben teilt.
Politisch äußert er sich nur, wenn er herausgefordert wird wie von seiner Literaturlehrerin. Aber inzwischen zur Selbstironie fähig und belesen wie kaum ein Zweiter aus seiner Klasse beeindruckt er auch in einer solchen kritischen Situation, in der er kein Blatt vor den Mund nimmt, Mitschüler wie Lehrkräfte. Er ist angekommen, hat über Naomi heraus Freunde gefunden. Und ist dem Ratschlag seiner Jerusalemer Schulleiterin gefolgt, sich sozial zu engagieren. Indem er sich um den gleichaltrigen Yonatan kümmert, der an einer unheilbaren Muskellähmung leidet und im Rollstuhl sitzt. Zwischen den beiden gesellschaftlichen Außenseitern entsteht bald eine ganz besondere Freundschaft, sehr zur Freude von Yonatans alleinerziehender und damit hoffnungslos überforderter Mutter Edna.
Wenn Eyad immer seltener an Wochenenden hinaus ins Westjordanland zu seiner Familie fährt, nimmt er die Begeisterung über Sadats Raketen, die über Tira hinweg gen Jerusalem fliegen, mit anderen Gefühlen wahr als sein Vater. Und ruft heimlich Naomi an, ob sie etwas vom Beschuss abbekommen hat. Als sie ihrer Familie erzählt, dass sie mit dem Palästinenser Eyad zusammen ist, wird Naomi von ihren Eltern von der Schule genommen. Eyad meldet sich daraufhin freiwillig ab und zieht in ein kleines Zimmer im arabischen Stadtteil Silwan in Ost-Jerusalem. Das ihm seine Mutter unter der Hand vermittelte, nachdem ihm sein entsetzter Vater die Tür gewiesen hat.
Zunächst gehen die heimlichen Treffen mit Naomi, die nun wieder das Elite-Gymnasium besuchen darf, weiter. Doch als sie sich für eine militärische Karriere nach Ende der Schulzeit entscheidet, entscheidet sie sich gegen ihre Liebe: Auch nur die Bekanntschaft mit einem arabischen „Feind“ ist ein Ablehnungsgrund. Eyad büffelt derweil als Externer für das Abitur, jobbt nebenbei als Tellerwäscher. Als es Yonatan schlechter geht, zieht er bei ihm ein – auf ausdrücklichen Wunsch Ednas, die den Muslim wie ihren eigenen Sohn aufnimmt. Mit Folgen, die Eyads Leben für immer verändern werden...
In „Mein Herz tanzt“ hat Sayed Kashua seine beiden Romane „Dancing Arabs“ (2002) und „Second Person“ (2010) für die Leinwand adaptiert. Auf die Uraufführung am 10. Juli 2014 beim Jerusalem Film Festival folgte die Deutsche Erstaufführung am 24. Oktober 2014 bei den 48. Internationalen Hofer Filmtagen, am 21. Mai 2015 der Kinostart und am 2. August 2017 die TV-Erstausstrahlung auf Arte. Eran Riklis‘ zunächst sehr normale Coming-of-Age-Story vor dem nie auszublendenden Hintergrund des offenbar unlösbaren israelisch-palästinensischen Dauerkonflikts will diesen der Weltöffentlichkeit in Erinnerung bringen wie zuvor mit „Die Syrische Braut“ (2004) und „Lemon Tree“ (2008). Der Ausgang des Films geht an die Nieren und wird hier nicht verraten. Nur dass er am Rande auch mit Deutschland zu tun hat. Und erklärt, warum es so viele junge Israelis nach Berlin zieht und damit in eine Stadt, die wie keine zweite im Land der Täter Zeugnis ablegt von der Schoah, der industriellen Vernichtung jüdischen Lebens.
Pitt Herrmann