So auf Erden

Deutschland 2016/2017 TV-Spielfilm

Inhalt

Der großartige Edgar Selge ist Johannes, Prediger einer fest gefügten freikirchlichen Gemeinde, die überaus erfolgreich agiert. Mit seinem charismatischen Auftreten hat der überzeugende Prediger zusammen mit seiner für das Organisatorische zuständigen Frau ein enormes Wachstum der Gruppe erreicht, das auf demonstrierter Frömmigkeit basiert, die die beiden den übrigen Gläubigen als ideales Paar vorleben.

Doch dann geschieht etwas ganz Unerwartetes. Der schwer drogenabhängige Musiker Simon zählt zu ihren Schützlingen und wird freundlich bei ihnen aufgenommen – bis Johannes merkt, dass ihn mit dem jungen Mann mehr verbindet als nur die Barmherzigkeit. Schließlich lässt er sich zu etwas hinreißen, was er selbst als Sünde und auch noch als Vertrauensbruch gegenüber seiner Ehefrau und Gefährtin sehen muss. Ein mühsam aufgebautes, religiös fundiertes Selbstwertgefühl bricht zusammen, sein Status innerhalb der Gemeinde erscheint ihm selber nun nicht mehr makellos. Vor sich und der Welt ringt der Mann des Glaubens um die richtige Haltung zu seinen verbotenen Bedürfnissen.

Quelle: 13. Festival des deutschen Films Ludwigshafen am Rhein

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Heinz17herne
Heinz17herne
„Lass ab vom Bösen und tue Gutes“ zitiert Johannes Klare, charismatischer Prediger der Stuttgarter freien Christgemeinde „Der Weg“, aus der Bibel und lädt nach dem Gottesdienst zu Würstchen und Kartoffelsuppe ein. Die auf den ersten Blick recht unorthodox wirkenden Evangelikalen, die sich von den beiden großen staatsfinanzierten Konfessionen Deutschlands schon dadurch unterscheiden, dass sie rein von Spenden der Gläubigen leben, geben sich auch bei der Weinbergsarbeit, der Missionierung in der Fußgängerzone, volksnah. Als Johannes, der stets von seiner Gattin Lydia unterstützt wird, zwei Straßenmusiker anspricht, die in der Nähe ihres Infostandes spielen, um sie zu einem Gottesdienst einzuladen, zeigen Lennard (Anton Spieker) und Simon kein Interesse. Doch wenig später finden sie Letzteren völlig unterkühlt im Dreck liegend und nehmen ihn, der partout nicht ins Krankenhaus eingeliefert werden will, mit nach Hause. Schon beim Frühstück am anderen Morgen ist er auf Turkey, Einstiche in seiner Armbeuge belegen seine Drogenabhängigkeit. Ein Grund mehr für die Klares, sich um den „Jungen“ zu kümmern – wie um einen eigenen Sohn. „So nett wie ihr war bisher noch keiner zu mir“, bekundet Simon, der seine Mutter mit elf Jahren verloren hat. Um dann doch durchs Fenster abzuhauen.

Luise soll nach dem Willen der Eltern Volker und Isabell Reiche getauft werden. Die in den Staatskirchen übliche Wassertaufe der Kinder ist bei den bibelfesten Evangelikalen verpönt, da Jesus Christus erst im Alter von dreißig Jahren getauft worden ist. „Christ werden und Christ sein ist eine Berufung“, stellt Johannes Klare heraus, weshalb die Taufe ein geistiger Akt für Erwachsene bleiben müsse. Der wohlhabende Volker Reiche aber, welcher der Gemeinde zum Neubau eines Zentrums mit Kindergarten ein zinsloses Darlehen in Höhe von 500.000 Euro angeboten hat, beharrt auf seinem Vorhaben. Er findet in Bernd Trampe einen Verbündeten. Der Kassierer der Gemeinde hat Spendengelder unterschlagen, um seine nach einem Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselte Frau Sabine besser versorgen zu können. Lydia Klare ist ihm im Vorfeld einer Buchprüfung auf die Schliche gekommen und ihr Mann hat Bernd Trampe sogleich seines (Ehren-) Amtes entbunden. Der Prediger sträubt sich gegen Volker Reiches Plan, auch noch eine – bewusst konservative – Bekenntnisschule errichten zu wollen. Er will lieber bei der Bankerin Sonja (Anja Beatrice Kaul), Lydias Freundin, für einen Kredit sein Haus als Sicherheit verpfänden als sich in die Abhängigkeit eines einzelnen großzügigen Gemeindemitglieds zu begeben.

Als Simon bei seinem Vater, dem Arzt Dr. Rützel, Rezepte zur Drogenbeschaffung stehlen will und dabei erwischt wird, will dieser den „Totalversager“ am liebsten in Polizeigewahrsam sehen. Johannes Klare ist bereit, den Straßenmusiker wieder bei sich aufzunehmen – wenn dieser einer Entzugstherapie zustimmt. Doch dann wird der Prediger Zeuge, wie sich Simon und sein Kumpel Lennard auf offener Straße küssen – und baut entsetzt den Infostand der Gemeinde wieder ab. Dr. Gerd Böhme, ein langjähriger Freund der Familie, soll helfen. Zeit, Ruhe und Abgeschiedenheit seien jetzt notwendig, weshalb er die beiden Männer daheim in Klausur schickt, während Lydia das Wochenende bei ihm und seiner Gattin Renate verbringen soll.

Doch Homosexualität ist keine Krankheit, wie Johannes Klare während seiner Studienzeit am eigenen Leib erfahren hat. Er fürchtet sich vor einem Rückfall – und Simon nutzt die offenbare seelische wie körperliche Notlage seines einzigen Förderers schamlos aus, indem er ihn verführt – und ihn nach einer gemeinsamen Nacht in arge Gewissensnöte bringt. Die letztlich eine Existenzkrise auslösen, auch wenn der Prediger am anderen Morgen alle Spuren der Nacht beseitigt. Er sitzt wie die kurz in den Film geschnittene Kreuzspinne im Netz. Mit dem Unterschied, dass er das Opfer ist. Johannes kann nicht anders, als Lydia alles zu erzählen. Die ihrem Gatten einer Satansaustreibung Dr. Gerd Böhmes ausliefert, welche freilich genau das Gegenteil erreicht. Johannes will sich zu Simon bekennen: „Er hat in mir was ausgelöst, von dem ich nicht mehr weglaufen möchte.“

Von Bernd Trampe informiert, fordert Volker Reiche, dass Johannes vor der Gemeinde bekennen und bereuen soll – und dass Lydia fortan die Leitung übernimmt. Nur formal, versteht sich, denn nun kann Reiche mit seinem Geld nicht nur das neue Gemeindezentrum errichten, sondern auch mit einem Wasserbecken ausstatten lassen: zur Taufe Luises versammelt sich die ganze bibeltreue Gemeinschaft. Johannes Klare aber hat Simons aus Wut zerbrochene Gitarre wieder geflickt und bringt sie ihm und Lennard ins Krankenhaus…

Der am 4. Oktober 2017 in der ARD erstausgestrahlte Film lebt von Edgar Selges feinfühligem Understatement: Sein Johannes Klare ist zwar ein charismatischer Prediger, der allerdings ohne alle melodramatische Attitüden und höchst unchristliche Star-Allüren amerikanischer Evangelikaler auskommt, vor allem aber ein empathischer Mensch, der durch den festen Glauben an Gott und die Heilige Schrift mit sich selbst im Reinen scheint. Bis der diesbezüglich gewissenlos-forsche Simon in sein so festgefügtes Leben einbricht und die Fundamente seines Daseins ordentlich ins Wanken geraten. Der offene Schluss lässt viel Spielraum für Interpretationen, der Spielfilm aber keinen für Spekulationen: Er klagt unterschiedliche Ausprägungen fundamentalistisch-freikirchlicher Christen weder an noch macht er sich über (Anders-) Gläubige lustig.

Pitt Herrmann

Credits

Darsteller

Alle Credits

Dreharbeiten

    • 25.10.2016 - 24.11.2016: Stuttgart, Berlin
Länge:
88 min
Format:
16:9
Bild/Ton:
Farbe, Stereo
Aufführung:

Uraufführung (DE): 26.06.2017, München, Filmfest

Titel

  • Originaltitel (DE) So auf Erden
  • Arbeitstitel Your Will Be Done

Fassungen

Original

Länge:
88 min
Format:
16:9
Bild/Ton:
Farbe, Stereo
Aufführung:

Uraufführung (DE): 26.06.2017, München, Filmfest