Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien

Deutschland 2018-2020 Dokumentarfilm

Inhalt

Welch eine Freude, wieder einmal Christoph Schlingensief zuzuhören und zuzusehen! Die gedankliche Schärfe, die schelmische Ironie und die politische Klarheit, mit der er in Bettina Böhlers Film über sich, seine Kunst und seine Filme spricht, lassen den Ausnahmekünstler schmerzlich vermissen, gleichzeitig aber auch quicklebendig auf der großen Leinwand auferstehen. 2020 wäre Christoph Schlingensief 60 geworden.

Bettina Böhler ist das große Kunststück gelungen, in nur zwei Stunden und ausschließlich aus Archivmaterial ein Leben und ein Werk durch virtuosen Schnitt neu zu erzählen. Von Schlingensiefs ersten Super-8-Filmen bis zum Fluxus-Oratorium "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" umspannt ihr Film ein 40-jähriges Schaffen und damit auch 40 Jahre (deutsch-)deutscher Geschichte, an der sich Schlingensief Zeit seines Lebens radikal abgearbeitet hat. Meisterhaft montiert Böhler Filmausschnitte und Privatvideos, Theatermitschnitte und viel bislang unveröffentlichtes, neu digitalisiertes Material. Am Ende der Tour de Force bleibt die Frage: Wäre Schlingensiefs Kunst heute so noch denkbar?

Quelle: 70. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)

Kommentare

Sie haben diesen Film gesehen? Dann freuen wir uns auf Ihren Beitrag!

Heinz17herne
Heinz17herne
Zum zehnten Todestag Christoph Schlingensiefs sollte ursprünglich am 2. April 2020 ein gut zweistündiger Dokumentarfilm in die Kinos kommen, der seinem Fanpublikum ebenso wie den Jüngeren, die seine Arbeiten nur aus Erzählungen kennen, eindrücklich vor Augen hält, welch‘ große Leerstelle sein früher Krebstod im Alter von nur 49 Jahren bis heute hinterlässt. Schlingensief, am 24. Oktober 1960 in Oberhausen geboren, ist mit seinen experimentellen und zugleich kritischen Kinofilmen und Fernsehformaten, mit seinen aufsehenerregenden Theaterarbeiten in Berlin, Wien und Zürich, mit seinen künstlerischen und politischen Aktionen zwischen Biennale Venedig und Ruhrtriennale Bochum zusammen mit Rainer Werner Fassbinder, dem zeitgleich ein nicht minder bemerkenswertes Biopic gewidmet ist, das größte künstlerische Multitalent der deutschen Nachkriegszeit.

Bettina Böhlers Dokumentation „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ ist ein Montage-Film mit Ausschnitten aus seinen Filmen, Theateraufzeichnungen, Performances wie dem Pfahlsitzwettbewerb 2003 in Venedig und politischen Aktionen wie der „Chance 2000“ im Bundestagswahlkampf 1998. Der Erzähler ist Christoph Schlingensief selbst, auch bei den wohl erstmals öffentlich gezeigten Super-Acht-Filmen aus seiner Kindheit, die sein Vater, ein Oberhausener Apotheker, gedreht hat. Aber nicht der Erklärer seiner an Thomas Bernhards austriakischem Furor heranreichende Hassliebe zu seinem Heimatland.

Auch die Interviews mit Schlingensief von Alexander Kluge, Gregor Gysi und seinem langjährigen Produzenten Frieder Schlaich und die sehr persönlichen Statements internationaler Stars wie Tilda Swinton und Udo Kier dienen mehr einer – sehr lebendigen, durchaus auch humorvollen und ironischen – Innenansicht dieses singulär produktiven und innovativen Künstlers. Der noch mit dem „Horror in meiner Brust“ vom Krankenlager aus sein afrikanisches Operndorf-Projekt in Burkina Faso auf den Weg brachte.

Wer etwa in Venedig dabei war, wie dieser jungenhafte, spitzbübisch lächelnde Spiritus rector auf halbhohen Baumstämmen in den Giardini trommelte oder in Frank Castorfs Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zusammen mit Irm Hermann und Josef Bierbichler als seine Eltern im „Atta Atta“-Spektakel die Freiheit der Kunst ausrief, wird in den Statements etwa von Margit Carstensen, Dietrich Kuhlbrodt und Helge Schneider wieder an solche Großereignisse erinnert. An denen, etwa im Hitler-Film, auch der gerade verstorbene Volker Spengler beteiligt gewesen ist. Alle anderen können solche unmittelbaren Bezüge zur eigenen Biographie nicht aufbauen. Können aber immerhin erahnen, welche Persönlichkeit hinter diesen so unterschiedlichen Formaten steckte im nicht breiter vorstellbaren Spektrum zwischen der Wiedervereinigungs-Splatterkomödie „Das deutsche Kettensägenmassaker“ auf der Leinwand und Richard Wagners letztem musikdramatischen Werk, der vom Komponisten selbst Bühnenweihfestspiel genannten Oper „Parsifal“ in Bayreuth.

Der „Schlingensief-Film mit Schlingensief-Mitteln“, so die Regiedebütantin Bettina Böhler, die zu den führenden Filmeditorinnen Deutschlands gehört, nachdem sie mehr als achtzig Spiel-, Dokumentar- und Fernsehfilme für alle großen deutschen Regisseure montiert hat, ist der gebürtigen Freiburgerin des Jahrgangs 1960 eine Herzensangelegenheit. Hat die zweifache Gewinnerin des Deutschen Kritikerpreises für Schnitt und heutige dffb-Dozentin mit Christoph Schlingensief in den 1990er Jahren doch an zwei seiner Filme mitgewirkt, „Terror 2000“ und „Die 120 Tage von Bottrop“: „Ich habe Christoph als klugen, empathischen und auch verletzlichen Menschen erlebt, mit einem untrüglichen Gefühl dafür, den Finger in die Wunde zu legen.“

Pitt Herrmann


Credits

Alle Credits

Titel

  • Originaltitel (DE) Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien
  • Weiterer Titel (ENG) Schlingensief - A Voice That Shook the Silence

Fassungen

Original

Länge:
130 min
Format:
DCP, 1:1,78
Bild/Ton:
Farbe + s/w, Dolby
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 24.02.2020, 197637, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 21.02.2020, Berlin, IFF - Panorama Dokumente;
Kinostart (DE): 20.08.2020

Auszeichnungen

Filmkunstmesse Leipzig 2020
  • Gilde-Filmpreis, Bester Dokumentarfilm