Scherbentanz

Deutschland 2001/2002 Spielfilm

Inhalt

Nach seinem eigenen Roman inszenierte Chris Kraus die Geschichte des jungen Leukämiekranken Jesko, der im Angesicht des Todes noch einmal mit den Wunden seiner Kindheit konfrontiert wird. Anlässlich der feierlichen Übergabe der elterlichen Firma an seinen Bruder Ansgar kehrt er widerstrebend in die Nobelvilla seines mächtigen Vaters zurück. Dort erwartet ihn eine Überraschung: Der Vater hat durch einen Detektiv Jeskos geistig verwirrte und völlig heruntergekommene Mutter in einem Obdachlosenheim aufspüren lassen, die als einzige noch für eine Knochenmarkspende in Frage käme. Nicht zuletzt die Grausamkeit ihres despotischen und faschistoiden Ehemannes hat sie in diesen Zustand gebracht. Jesko indessen, der sie seit zwanzig Jahren nicht gesehen hat, macht sie für seine zerstörte Kindheit verantwortlich und will nichts von ihr wissen. Doch ihre Gegenwart zwingt die Familienmitglieder, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

 

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Heinz17herne
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Dem 42-jährigen Autor Chris Kraus ist mit der Leinwandadaption seines Romans „Scherbentanz”, mit dem er 2001 als Filmregisseur debütierte, ein großer Wurf gelungen, der nicht nur die Kritiker an die Glanzzeiten eines Rainer Werner Fassbinder erinnerte.

„An den Schmerzen erkennst du, ob du zu Hause bist – nicht am Türschild”: Der junge Modedesigner Jesko (Jürgen Vogel) kehrt nach zwanzig Jahren widerwillig in die elterliche Villa zurück. Er ist an Leukämie erkrankt und sein Bruder Ansgar (Peter Davor), hin- und hergerissen zwischen familiärer Bindung an seinen Vater Gebhard (Dietrich Hollinderbäumer) und brüderlicher Solidarität, hat die seit vielen Jahren verschollene, inzwischen dem Wahnsinn verfallene Mutter Käthe (Margit Carstensen) mit Hilfe seiner Freundin, der Krankenschwester „Zitrone” (Nadja Uhl), dazu bewegen können, sich als Knochenmarkspenderin zur Verfügung zu stellen – die letzte Hoffnung für Jesko.

Doch der exzentrische „Versager”, so die gängige Sprachregelung in der Familie, will sich nicht darauf einlassen. Zu verletzt ist er noch nach all‘ den Jahren über die schrecklichen Ereignisse seinerzeit: Als Kinder hatten Jesko und Gebhard hautnah miterleben müssen, wie Vater Gebhard (als junger Mann: Christian Körner), ein Industrieller mit sorgfältig verborgener NS-Vergangenheit, die Gattin betrog und diese zunehmend ausrastete (als junge Frau: Andrea Sawatzki). Die Situation eskalierte derart, dass die Mutter aus dem Haus verbannt und die beiden Kinder aufs Internat geschickt wurden.

„Zitrone” ist der gute Geist des Hauses, obwohl sie offenbar ein Verhältnis zum zwielichtigen, gewalttätigen Chauffeur der Familie, Bernie (Ronnie Janot), unterhält. Der erste Versuch einer Knochenmarktransplantation scheitert, nicht nur aus medizinischen, sondern vor allem aus psychologischen Gründen: Auch wenn Jesko und seine Mutter in einem Gartenhaus “isoliert” werden, eskaliert die hochexplosive Stimmung in der Villa immer wieder: Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich auf unheilvolle, tragische Weise. Bis Jeskos selbstbewusste kleine Tochter Charlotte (Roxanne Borski) auftaucht und für neues, frisches Leben in der Psychogruft sorgt.

Als Käthe in selten wachen Momenten der Erinnerung kramt, kommt zutage, dass Vater Gebhard aus einer Liaison ein uneheliches Kind hat – als allerletzte Chance für Jesko. Der Stiefbruder wird ausfindig gemacht – und ganz nebenbei auch die quirlige „Zitrone” aus den Fängen des Chauffeurs befreit: Die Chancen betragen nunmehr immerhin 70 Prozent! Und wieder taucht ein merkwürdiges Bild der Hoffnung in all‘ der Ausweglosigkeit auf: Der brennende Schneemann, mit dem sich einst in Kindertagen der ältere Bruder beim jüngeren Respekt und Anerkennung verschaffte.

Der großartige Film, uraufgeführt am 3. Juli 2002 beim Filmfest München und nach dem am 31. Oktober 2002 erfolgten Kinostart am 27. Juni 2003 auf Arte erstausgestrahlt, lebt von einer erstklassigen Besetzung, lebt von Margit Carstensen: Ein völlig zerstörtes Wrack, psychisch wie physisch, eine „Hexe”, die auch vor Gewalt gegen ihre eigenen Kinder nicht zurückschreckt, und deren pure Anwesenheit allein alle sorgfältig zugeschaufelten Gräben der Vergangenheit wieder aufreißen lässt. Wie „die” Carstensen alle emotionalen Extremsituationen glaubhaft auf die Leinwand bringt, erinnert schon mit etwas Wehmut an ihre Kino-Glanzzeiten in den Filmen Rainer Werner Fassbinders und ließ seinerzeit hoffen, dass der neue Bochumer Schauspielhaus-Intendant Elmar Goerden dieses Potential besser zu nutzen wusste als sein Vorgänger Matthias Hartmann.

Pitt Herrmann

Credits

Regie

Drehbuch

Schnitt

Darsteller

Produzent

Alle Credits

Regie

Regie-Assistenz

Drehbuch

Kamera-Assistenz

Szenenbild

Kostüme

Schnitt

Ton-Schnitt

Schnitt Sonstiges

Ton-Assistenz

Darsteller

Produzent

Producer

Herstellungsleitung

Produktionsleitung

Aufnahmeleitung

Dreharbeiten

    • 12.08.2001 - 12.10.2001: Baden-Württemberg
Länge:
2781 m, 101 min
Format:
Super16mm - Blow-Up 35mm, 1:1,85
Bild/Ton:
Farbe, Dolby SRD
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 17.10.2002, 91991, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 03.07.2002, München, Filmfest;
Kinostart (DE): 31.10.2002;
TV-Erstsendung (DE FR): 27.06.2003, Arte

Titel

  • Originaltitel (DE) Scherbentanz

Fassungen

Original

Länge:
2781 m, 101 min
Format:
Super16mm - Blow-Up 35mm, 1:1,85
Bild/Ton:
Farbe, Dolby SRD
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 17.10.2002, 91991, ab 12 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 03.07.2002, München, Filmfest;
Kinostart (DE): 31.10.2002;
TV-Erstsendung (DE FR): 27.06.2003, Arte

Auszeichnungen

Bayerischer Filmpreis 2003
  • Nachwuchspreis für Regie
  • Beste Nebendarstellerin
2003
  • Deutscher Kamerapreis
FBW 2002
  • Prädikat: Wertvoll
Filmfest, München 2002
  • Förderpreis Deutscher Film in der Kategorie Drehbuch