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Versicherungsvertreter Holger Lenz steht vor den Scherben seiner Existenz, als ihn die Asche seines schon zur Wendezeit in Thailand abgetauchten Vaters erreicht. Er hat seinen Vater seit dem Ende der DDR nicht mehr gesehen. Damals ist der Alte einfach nach Thailand in das "Land des Lächelns" entschwunden. Nun kehrt er zurück in Form einer Urne und dem Vermächtnis an den Sohn Holger, sein Erbe in Form eines Appartements in Thailand in Besitz zu nehmen. Das kommt dem erfolglosen Versicherungsvertreter gerade recht. Von seinem schwulen Sohn hat er sich entfremdet und im Beruf läuft es auch nicht gerade erfolgreich.
Aber die Reise fällt ihm dennoch schwer, denn Vater und Sohn haben sich auch damals nicht besonders gut verstanden. Und jetzt auch noch eine fremde Kultur, auf die sich der Kleinbürger Lenz ja irgendwie einlassen muss. Ein Abenteuer der besonderen Art erwartet den spießigen Angestellten aus Deutschland, bei dem er auch das Verhältnis zu seinem Vater neu überdenken muss. Denn der spricht zu ihm. Auch seine Lebenskrise findet eine überraschende Lösung.
Quelle: 12. Festival des deutschen Films
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Was Holger für seine Person keineswegs so sieht: Er hat mit Ilona eine attraktive und mit ihrem Brautmodensalon beruflich aktive Gattin, mit Linus einen zwar spätpubertär verwirrten, aber durchaus intelligenten Sohn, der ihn freilich in seinem Internet-Blog „Meine beschissene Familie“ als „Weichei“ und homophoben Spießer verunglimpft, schätzt sein schmuckes, wenn auch etwas gesichtsloses Reihenhaus, das so gut wie abbezahlt ist, und kann in einem Firmen-Mittelklassewagen mit den Ringen am Frontkühler ins Büro fahren. Was will ein Mann, dem jeder Konflikt daheim und im Beruf zuwider ist, mehr?
Eines Tages erhält er Besuch eines schon älteren, etwas abgerissen aussehenden Mannes, der sich ausgerechnet Forever Young (Adolfo Assor) nennt – und eigentlich Fernando Varinez heißt. Er überreicht Holger eine Reinigerflasche, in der er die Asche des in Thailand verstorbenen Georg Lenz ohne lästige Formalitäten durch den Zoll gebracht hat. Zudem bringt er den Schlüssel zu einem Appartement mit, das, wie sich später herausstellt, mitten in der lauten Amüsiermeile der thailändischen Sex-Touristen-Hochburg Pattaya liegt. Dieses habe der Verstorbene seinem Sohn vererbt.
In freudiger Erwartung eines hübschen Extrasümmchens, mit dem die Raten auf das eigene Haus vollständig abgelöst werden können und sicherlich auch noch der eine oder andere luxuriöse Urlaub drin ist, fliegt Holger Lenz nach Asien mit nur einem Ziel, das Ererbte so rasch wie möglich zu Geld zu machen. Und verläuft sich beinahe im Gewirr der Garküchen, Souvenirshops und Sexclubs: Als Holger die Tür des Appartements aufschließt, traut er seinen Augen nicht, als ein halbes Dutzend junger Thaimädchen auf und um das Bett liegend schläft.
Nachdem er sie, mit der Polizei drohend, lautstark vor die Tür gesetzt hat, trifft er – zum Glück – unvermutet auf Forever Young, der ebenfalls ein Appartement im gleichen Haus besitzt. Und der ihn einführt in die Holger Lenz völlig fremde Welt Thailands, die uns Kameramann Johann Feindt in Großaufnahmen nahebringt. Wir tauchen sozusagen mit dem Titelhelden ein in dieses völlig überfordernde, aber zugleich sehr faszinierende Gewirr von Menschen und Eindrücken – bis hin zu den schon sehr skurrilen Gepflogenheiten des thailändischen Neujahrsfestes und zum jungen Hermaphrodit Luck (Chananchida Rungpetchorat).
Vater Georg war in Thailand ein zweites Mal verheiratet mit einer Frau, die bereits zwei Kinder von jeweils anderen Männern hatte. Und auch von Georg ein Kind bekommen hat – Holgers Halbbruder. Den trifft er auf einer einsam gelegenen Insel: Es ist Luck – an der Seite seines schwerkranken Vaters Georg. Nur mit dem Trick einer zu erwartenden Erbschaft, zeigt sich der zwar bettlägerige, aber im Herzen ungebrochene Sozialist überzeugt, habe er Holger hierher locken können, um ihn ein letztes Mal zu sehen. Der Sohn jedoch kann immer noch nicht verzeihen in schmerzlicher Erinnerung daran, dass der Ernst-Busch-Fan, der seine Plattensammlung mit auf die einsame Insel retten konnte, ihm einst seine Amiga-Platte von Pink Floyd als konterrevolutionäre Kapitalistenmusik zerbrochen hat.
Der Annäherungsprozess lässt sich naturgemäß dennoch nicht mehr aufhalten und als sein Vater Georg tatsächlich gestorben ist, bringt Sohn Holger dessen Asche in einer Reinigungsflasche durch den Zoll: Er wird sie später zusammen mit Linus vom Fernsehturm über die einstige Hauptstadt der DDR zerstreuen und damit den letzten Wunsch des treuen Sozialisten erfüllen. Ja, mit Linus, für den Holger nun ein ganz anderes Verständnis aufbringt, während Gattin Ilona das Weite gesucht hat ausgerechnet an der Seite des Aufsteigers Trautmann...
Das tragikomische Roadmovie „Herr Lenz reist in den Frühling“ lebt von Ulrich Tukurs Verwandlungskunst: aus einem konfliktscheuen Spießer, der allzu schnell mit sich und seiner Welt Frieden geschlossen hat ohne Rücksicht auf die Wünsche und Bedürfnisse seiner Familie, und der, kaum seiner gewohnten Umgebung und der ihm vertrauten Menschen entzogen, in der exotischen Welt des fernen Ostens ein offener, toleranter und empathischer Mensch wird. Freilich erst nach einem durchaus schmerzhaften Lernprozess, den Ulrich Tukur mit bemerkenswerter, freilich auch erwartbarer Lakonie meistert.
Pitt Herrmann