Hamburger Lektionen

Deutschland 2005/2006 Dokumentarfilm

Inhalt

Ende der 90er Jahre wurde Mohammed Fazazi Imam der Al-Quds-Moschee in Hamburg. Im Januar 2000, in den letzten Tagen des Fastenmonats Ramadan, hielt Fazazi im Gebetsraum der Moschee mehrere so genannte Lektionen, bei denen die Anwesenden Fragen zu verschiedenen Aspekten des Lebens stellen konnten, die sie in der Regel schriftlich vorlegen mussten. Diese Sitzungen wurden von einer unbekannten Person auf Video aufgenommen und in der Buchhandlung der Moschee, aber auch in Buchhandlungen außerhalb vertrieben. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington wurde bekannt, dass drei der vier Selbstmordpiloten, aber auch andere Personen, die der "Hamburger Gruppe" zugerechnet werden, regelmäßig die Moschee besucht haben und in engem Kontakt zu Imam Fazazi standen.

Auf der Grundlage des Videos rekonstruieren die "Hamburger Lektionen" den vollständigen Wortlaut zweier Sitzungen vom Januar 2000 und geben damit die Möglichkeit, die Binnenlogik eines islamistischen Denkers und Predigers kennen zu lernen. Mohammed Fazazi kehrte im Oktober 2001 in seine Heimat nach Marokko zurück. (Produktionsnotiz) Nach "Das Himmler-Projekt", seinem Film über eine dreieinhalbstündige Rede Heinrich Himmlers ("eines der schrecklichsten Zeugnisse deutscher Sprache", Joachim C. Fest), ist dies Romuald Karmakars zweites Projekt über ein verschüttetes Dokument, dem er sich mit dem Schauspieler Manfred Zapatka in einer filmischen Lesung nähert. 

Quelle: 56. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)

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Heinz17herne
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Nachdem der Marokkaner Mohammed Fazazi Ende der 1990er Jahre Imam der Al-Quds-Moschee im Hamburger Stadtteil Sankt Georg wurde, zogen seine Predigten weite Kreise über die salafistische Community der Hansestadt hinaus. Der Staatsschutz schlief und die Politik guckte weg, bis mehrere seiner „Lektionen“, die er im Januar 2.000 im Gebetsraum der Moschee am Steindamm 103 gehalten hat, per Video aufgenommen und in einschlägigen Buchhandlungen vertrieben wurden. Erst als bekannt wurde, dass drei der vier Selbstmordpiloten der Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington einer sog. „Hamburger Gruppe“ um die Al-Quds-Moschee angehörten, die enge Kontakte zum islamistischen „Hassprediger“ unterhielt, wurden die Behörden auf Fazazi aufmerksam, ließen ihn jedoch unbehelligt in sein nordafrikanisches Heimatland zurückkehren.

Nach einer verheerenden Serie von Anschlägen auf jüdische Einrichtungen und Orte westlich-europäischen Lebensstils in Casablanca im Mai 2003 mit 33 Toten und über 100 Verletzten wurde Fazazi verdächtigt, die vierzehn Selbstmordattentäter „inspiriert“ zu haben. Einen Monat später ist er vor einem marokkanischen Gericht als „Theoretiker“ der Gruppierung „Salafyia Jihadia“ der „Anstiftung zum Mord und Teilnahme an der Planung terroristischer Akte“ beschuldigt und zu 30 Jahren Haft verurteilt worden. Gegen Fazazi ist in Deutschland nie ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden.

Zwei seiner „Lektionen“ hat Romuald Karmakar in vollständigem Wortlaut vom Schauspieler Manfred Zapatka vorgetragen lassen für seinen 134-minütigen Film. Zapatka, gebürtiger Bremer des Jahrgangs 1942 und Absolvent der Westfälischen Schauspielschule Bochum, gehörte zwanzig Jahre lang dem Ensemble der Münchner Kammerspiele an, bevor er 2.000 nach Berlin zog und seitdem, immer wieder auch mit Karmakar, vor allem für Leinwand und Bildschirm tätig ist.

Das Publikum begegnet so erstmals mit authentischem Material der salafistischen Variante des Islam, ohne sie wirklich kennen oder gar verstehen zu lernen. Der arabische Begriff „Salafiyya“ bezieht sich auf den Ausdruck „salaf as-salih“, womit „die frommen Altvorderen“ gemeint sind, der Prophet Mohammed und die ersten drei nachfolgenden Generationen der Muslime. Nur sie hätten nach salafistischer Auffassung gläubig und rein genug gelebt. Weshalb es heute gelte, zu den Maßstäben dieses „goldenen Zeitalters“ und damit zum „wahren Glauben“ zurückzukehren – und das mit allen Mitteln, auch mit Gewalt. Die „heiligen Schriften“ des Islam sollen nicht neu interpretiert, sondern wortwörtlich genommen werden, ein ahistorischer Ansatz, der sich übrigens auch im orthodoxen Judentum sowie bei den Evangelikalen im Christentum finden lässt.

Romuald Karmakar hat nicht die Absicht, die totalitäre Logik dieses ungeheuerlichen und sicherlich nicht nur hierzulande furchterregenden Islam zu erklären, sondern nur zu dokumentieren. Wobei Manfred Zapatka auch erklärende Fußnoten mitliest und arabische Begriffe ergänzt – kühl, sachlich, Distanz schaffend. „Hamburger Lektionen“ ist nach dem „Himmler-Projekt“, seinem ebenfalls mit Manfred Zapatka gedrehten radikal-minimalistischen Film über die dreieinhalbstündige Rede Heinrich Himmlers bei der SS-Gruppenführertagung in Posen im Oktober 1943, Romuald Karmakars zweite Arbeit, die sich durch die Rekonkretisierung eines Dokuments mit radikalen Strukturen unserer Zeit beschäftigt.

„Hamburger Lektionen“ wurde in den Park-Studios in Potsdam-Babelsberg gedreht. Ein Foto vom Steindamm in Hamburg ist für mehr als zwei Stunden der einzige Verweis auf die Wirklichkeit außerhalb der Studio-Atmosphäre. Nach der aufsehenerregenden Uraufführung bei der 56. Berlinale und der internationalen Premiere auf dem Int. Filmfestival Vancouver wurde der Film auf zahlreiche Festivals eingeladen, so nach Rotterdam, Mar del Plata, Locarno, zur Viennale nach Wien, zum Copenhague Dox und zum Cinéma du Réel in Paris. Bei der Filmwoche Duisburg 2006 erhielt der Film den 3sat-Preis als bester deutschsprachiger Dokumentarfilm. In die deutschen Kinos kam er freilich erst mit anderthalbjähriger Verspätung und die Erstausstrahlung erfolgte bereits vier Monate darauf.

Romuald Karmakar: „Wie kann man diese Predigten ablehnen, ohne sich politisch instrumentalisieren zu lassen. Ich glaube, wir sind so auf Integration bedacht, dass wir den Kern dessen, was uns bedroht, nicht wahrnehmen wollen. Wir wollen den Dialog mit dem Islam und lassen deswegen alles weg, was den Dialog bedrohen könnte.“

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Dreharbeiten

    • Dezember 2005: Park-Studios Potsdam-Babelsberg
Länge:
134 min
Format:
DigiBeta, 1:1,85
Bild/Ton:
Farbe, Ton
Aufführung:

Uraufführung (DE): 11.02.2006, Berlin, IFF - Panorama Dokumente;
Kinostart (DE): 20.09.2007;
TV-Erstsendung (DE FR): 24.01.2008, Arte

Titel

  • Originaltitel (DE) Hamburger Lektionen

Fassungen

Original

Länge:
134 min
Format:
DigiBeta, 1:1,85
Bild/Ton:
Farbe, Ton
Aufführung:

Uraufführung (DE): 11.02.2006, Berlin, IFF - Panorama Dokumente;
Kinostart (DE): 20.09.2007;
TV-Erstsendung (DE FR): 24.01.2008, Arte

Auszeichnungen

Duisburger Filmwoche 2006
  • 3sat-Filmpreis, Bester deutscher Dokumentarfilm