Inhalt
Eine Gesellschaft, die Krankheit für überwunden hält: Wer sich an die Vorgaben der "Methode" hält, gilt als gesund, kontrolliert und sicher. Die Wissenschaftlerin Mia Holl lebt in diesem System, ohne es infrage zu stellen – bis ihr Bruder Moritz eines Mordes beschuldigt wird. Die Indizien sprechen eindeutig gegen ihn, doch Mia glaubt nicht an seine Schuld. Je tiefer sie nachforscht, desto mehr gerät sie selbst ins Visier der Behörden. Ihre Kollegin Christiane, der Anwalt ihres Bruders und der Journalist Kramer erscheinen mal als Verbündete, mal als Teil eines Systems, das keine Zweifel duldet. Wem kann sie wirklich trauen? Aus der Suche nach Wahrheit wird ein Kampf, der Mias eigene Stellung in der Gesellschaft zunehmend untergräbt und sie schließlich selbst zur Gejagten macht. Verfilmung von Juli Zehs gleichnamigem Bestseller.
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Dafür müssen die „gläsernen“ Bürger des in nicht allzu ferner Zukunft angesiedelten diktatorischen Staates mit einer lückenlosen Datenerfassung leben, die ein implantierter Chip den Behörden des autoritären Regimes liefert. So kommt zur allgemeinen Überwachung des Alltags u.a. durch Drohnen eine lückenlose Rundumkontrolle des psychischen und physischen Zustands eines jeden einzelnen, die sich ein George Orwell in seinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Und das ist noch nicht das Ende: Die überzeugte „Methodistin“ Mia Holl entwickelt einen Chip, der den Staat auch den Zugang zum Unterbewusstsein seiner Bürger ermöglichen soll.
„Ich bin frei, und deshalb bin ich verloren“: Mias Bruder Moritz Holl (Damian Hardung verkörperte die Rolle bereits bei der Dramatisierung 2022 am Schauspiel Köln) dagegen ist ein Freigeist und erklärter Gegner der „Methode“, der seinen implantierten Chip immer wieder außer Gefecht setzt, um jenseits der „Hygienezone“ sein Leben zu genießen – etwa unkontrolliert mit Gleichgesinnten wie Franco in freier Natur zu rauchen, gedruckte Bücher zu lesen oder in einem See zu baden. Moritz kann sich auch nicht damit abfinden, dass selbst die Liebe über die staatliche Partnervermittlung ZPV geregelt wird, welche nur genetisch zueinander passende Paare „matcht“.
Als Mia wieder einmal ihren Bruder aus einem Wald im verbotenen, weil nur schwer kontrollierbaren Outback abgeholt hat, wird dieser in der Nacht verhaftet. Der Vorwurf: Er soll kurz zuvor eine junge Frau vergewaltigt und ermordet haben. Da an ihr nur Moritz‘ DNA zweifelsfrei gefunden wurde, sieht sein Pflichtverteidiger Lutz Rosentreter keine Chance, zu anderen Ermittlungsergebnissen zu kommen. Zumal Mia, die ja weiß, dass ihr Bruder nicht der Täter gewesen sein kann, auch nicht auf die Hilfe von Franco zählen kann, der bei einer Aussage sich selbst in Schwierigkeiten bringen würde.
„Ich weiß, dass die Methode funktioniert. Und trotzdem glaube ich mehr an die Unschuld meines Bruders als an meine eigene Existenz“: Mia ist nach der Ausweisung ihres systemkritischen Vaters vor 18 Jahren und dem Tod ihrer Mutter nur Moritz geblieben, weshalb sie sich in ihrer Kollegin Christiane Bülow eine Verbündete sucht, die eindeutige Beweislage zu hinterfragen. Schließlich verspricht die „Methode“ nur eine „geradezu nahtlose“ Datensicherheit und Mia fragt: „Aber was ist mit dem Bruchteil, in dem wir uns irren können?“ Überraschenderweise steht ihr auch der charismatische Journalist Heinrich Kramer zur Seite, obwohl der die systemkonforme Publikation „Der gesunde Menschenverstand“ herausgibt: „Der Mensch ist fehlerhaft. Und die Methode ist menschengemacht.“
Was Mia, die bald mit ihm das Kopfkissen teilt, nicht weiß: Er steht in direkter Verbindung zu Sylta Falk, Leiterin der Sicherheitsbehörde. Und so kommt es zum Gerichtsverfahren, in denen zwei überzeugte „Methodisten“, der Staatsanwalt Bell und die Richterin Sophie, schließlich auch Mia zur Staatsfeindin erklären. Denn Sylta Falk weiß: „Die gefährlichsten Viren heute sind infektiöse Gedanken.“
Ursprünglich hatte Juli Zeh „Corpus Delicti“ als Theaterstück im Auftrag der Ruhr-Triennale geschrieben, das am 15. September 2007 im Schauspiel Essen uraufgeführt worden ist. Der Roman erschien 2009, ist mit über einer Million verkaufter Exemplare eines der meistgelesenen deutschen Bücher der Gegenwart und seit mehreren Jahren Abiturlektüre. In ihrem zweiten Kinofilm nach „Mein Sohn“ (2021) und dem Tatort-Krimi „Was ihr nicht seht“ (2023) hat Lena Stahl Motive des Romans aufgegriffen, aber ihr Film ist eine komplett neue Erzählung mit anderen Figuren und anderen Konstellationen, gerade auch was die Beziehung der Geschwister Mia und Moritz Holl untereinander betrifft.
Lena Stahl im Leonine-Presseheft: „Es ist ein Genre, das mir großen Spaß macht, gleichzeitig ist es ein gutes Gefäß für eine sehr emotionale und relevante Geschichte. Das ist ‚Corpus Delicti‘ für mich. Im Kern geht es um eine Frau, die um die Freiheit ihres Bruders kämpft in einem sehr totalitären System, das sich gegen ihn stellt. Thematisch geht es um das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit. Das ist ein sehr heutiges Thema. Auf der einen Seite streben wir maximale Sicherheit an, nehmen das Gläsern-Sein auf uns, auf der anderen Seite steht die individuelle Freiheit, der Freiheitsdrang des Einzelnen. Da drängt sich die Frage auf: Warum ist eine vermeintliche Sicherheit überhaupt so erstrebenswert? Was ist der Preis, den man dafür zahlt?“
Pitt Herrmann