Summary
A journey through a surreal Germany: A police officer in a bear costume. A female documentary filmmaker who is unable to find an interesting story. A pedicurist who carefully sets aside the hard skin removed from the feet of his aged female patient. A rich couple that refuses to sit in a German-built car. A history student uninterested in a class visit to a concentration camp. A wild man training a raven in the woods.
In this anthology film, all are bound by family ties or a moment of coincidence in a country where the sun always shines and everybody is beautiful, polite, successful or happy. That is until they reveal their darker side, and we discover that the step from idyll to inferno is a short one. "Finsterworld" is an ironic antithesis of the Heimatfilm and full of malicious observations and sharp-tongued remarks. Not even the name of its director Frauke Finsterwalder remains unscathed. Rarely has German cinema produced so much black humor in one fell swoop.
Source: German Films Service & Marketing GmbH
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Claude hat es eilig. Gerade hat der freiberufliche Fußpfleger seinen Wagen an einer seltsam leeren Großtankstelle mit neuem Sprit versorgt, Markus Förderer zeigt uns die an Edward Hoppers Gemälde erinnernde Szene aus ziemlicher Entfernung, und ist wieder auf dem platten Land irgendwo in Bayern unterwegs, da ruft ihn eine Kundin an. Also Handy links ans Ohr geklemmt, mit der linken Hand so gerade eben noch das Fahrzeug in der Spur gehalten und mit der rechten Hand schnell den Termin notiert – das kann nicht gut gehen.
Sogleich ist ihm die Polizei auf den Fersen: 40 Euro und ein Punkt in Flensburg. Claude kriegt die Krise. Und besticht den Beamten, den wir später als Tom kennenlernen, mit Fußpflegeprodukten aus seiner Kollektion. 40 Euro in bar und ohne Quittung – kein Punkt in der Verkehrssünderdatei. Es wäre nicht sein erster gewesen.
Dominik und seine Freundin Natalie sitzen im Bus beim Ausflug des Geschichts-Leistungskurses nach Auschwitz. Bei einer Pinkelpause sieht Dominik, wie sich Natalie und der schnöselige Maximilian küssen. Was er in den völlig falschen Hals bekommt und reißaus nimmt: er streunt durch weite Rapsfelder, schließt Freundschaft mit einem Hirschkäfer und trifft in dieser ländlichen Einöde plötzlich auf zwei Menschen.
Toms Freundin Franziska Feldenhoven, die sich nach Schönheit noch im düstersten Plattenbau sehnt, die Adressatin der darob zunächst wenig begeisterten Fußpflegeprodukte, ist eine anspruchsvolle Dokumentarfilmerin („Neuer Neorealimus“), die sich gerade an einer Milieustudie über einen Arbeitslosen abarbeitet: „Ist fast ein bisschen zu echt“ charakterisiert sie den alkoholkranken Kettenraucher, der dauernd in die Glotze guckt und sich schon zum Frühstück Spaghetti kocht, gegenüber ihrer Chefin. Ganz mit sich beschäftigt, bemerkt Franziska nicht, dass Tom ihr etwas beichten will: Er verbringt seine Freizeit neuerdings als Furry – im Eisbärenkostüm.
Inga und Georg Sandberg sind ein so versnobtes wie arrogantes Werber-Ehepaar, das zu einer bestimmten Zeit am Pariser Flughafen sein muss. Da alle Zubringer-Flüge ausgebucht sind und eine Zugfahrt nicht in Frage kommt, bleibt nur die Autobahn. „Aber kein Nazi-Auto“ fordert die so zynische wie scharfzüngige Luxus-Tussi und meint damit: kein Fahrzeug aus deutscher Produktion. Die Autovermietung stellt ihnen einen riesigen Ami-Schlitten aus fernöstlicher Produktion in die Hotelgarage, in dem beide über Gott und die Welt sprechen – und über Deutschland lästern. Als Inga 'mal muss, fahren sie lieber von der Autobahn ab aufs Feld als sich dem Dreckloch eines Raststätten-WC auszuliefern. Dort treffen sie auf Dominik, der sich später als Schulkamerad ihres Sohnes Maximilian herausstellt.
Georg Sandbergs Mutter, die in einem Altenheim lebt und so wenig Kontakt zu ihrem Sohn hat wie der ins Nobel-Internat abgeschobene Maximilian zu seinen Eltern, gehört zu den Kunden, um die sich Claude besonders liebevoll kümmert. Der liebenswürdige, sensible Fußfetischist nimmt seinen Beruf als Berufung und kümmert sich nicht nur um die in Ganz-Nah-Einstellungen auf die Leinwand gezoomten Füße: er backt auch Kekse „mit Geheimnis“.
In Auschwitz erlaubt sich Maximilian einen bösen Scherz mit Natalie: als diese ihren Kopf neugierig in einen Verbrennungsofen steckt, schubst er sie vollends hinein und schließt die Klappe. Winselnd vor Todesangst findet sie so der engagierte Lehrer Nickel vor, doch die traumatisierte Natalie wehrt sich mit Händen und Füßen, sodass das herbeigeeilte Wachpersonal der Gedenkstätte annehmen muss, der Lehrer habe seine Schülerin vergewaltigen wollen. Maximilian trägt nichts zur Aufklärung bei, sodass Nickel im Gefängnis landet. Wie der Einsiedler, nachdem er aus Rache für seine zerstörte Hütte und den getöteten Vogel zum Amokläufer wird...
In ihrem Spielfilm-Regiedebüt „Finsterworld“, zu dem die bisherige Dokumentaristin Frauke Finsterwalder zusammen mit ihrem Lebensgefährten Christian Kracht auch das Drehbuch geschrieben hat, werden fünf Handlungsstränge kunstvoll miteinander verwoben. Sie ergeben am Ende ein sehr spezielles Deutschland-Bild, dessen divergierende Einzelteile sich nicht zu einem Mosaik zusammenfügen wollen.
Zum einen ist „Finsterworld“ eine hintergründig-böse Satire auf die Menschen, die in unserem Land leben. Das Ehepaar Sandberg kommt mit sich selbst offenbar bestens zurecht, hält sich die Außenwelt, auch die eigene familiäre, aber tunlichst vom Leib. Ihr Sohn Maximilian, der den elterlichen Zynismus offenbar im Erbgut mitbekommen hat, triumphiert am Ende (das in seinen Einzelheiten hier naturgemäß nicht verraten wird): die junge Generation fällt als Hoffnungsträger aus, denn sie ist keinen Deut besser als die Generationen davor.
Georg Sandbergs Mutter flieht aus der Einsamkeit des Altenheims und steht plötzlich beim nicht weniger einsamen Claude auf der Matte. Auch der Polizist Tom ist einsam, wird von seiner Freundin im Grunde überhaupt nicht wahrgenommen. Er flüchtet sich in die Gemeinschaft der Furry-Treffen, wo Leute in Plüsch-Kostümen zusammenkommen und sich möglichst so verhalten wie die Figuren, welche sie verkörpern. Immerhin eine kleine Hoffnung bleibt: In der Schlusseinstellung sitzt Ronald Zehrfeld in seinem Eisbären-Kostüm auf einer Bank, als ein kleines Mädchen hinzukommt und sich zärtlich an das weiße Fell kuschelt.
Zum anderen ist „Finsterworld“ eine ästhetisch sehr unkonventionelle Mischung aus Heimat- und Horrorfilm, aus Dokumentation und Spielfilm. Frauke Finsterwalder hat vom Detail-Realismus und der Unerbittlichkeit der schwarzen Streifen Michael Hanekes und Ulrich Seidls einiges gelernt. Free-TV-Premiere war am 1. Oktober 2015 auf Arte.
Pitt Herrmann