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Der 50. Geburtstag ist normalerweise ein Jubiläum, das man bei einem rauschenden Fest mit Freunden und Familie begeht – und eigentlich hatte Giulia ihren Ehrentag auch so geplant: Das Restaurant ist gebucht, die engsten Freunde haben sich rausgeputzt – doch das Geburtstagskind taucht nicht auf! Der Grund ist simpel: Die schöne Giulia muss just an ihrem 50. Geburtstag feststellen, dass sie von ihrer Umwelt überhaupt nicht mehr wahrgenommen wird. Zum Feiern ist ihr daher nicht mehr zumute. Ziellos streift sie durch die Stadt, wobei sie einen attraktiven Herrn kennen lernt, mit dem sie kurzerhand zum Tête-à-tête in eine Bar aufbricht. Ihre wartenden Gäste sprechen derweil dem Alkohol zu und verlieren sich zusehends in philosophischen Debatten über den Sinn des Lebens. Parallel zu diesem Handlungsstrang erzählt der Film episodisch von einer 80-jährigen, die sich so gar nicht ihrem Alter gemäß verhält, sowie von zwei Teenagern, die gerne älter wären.
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„Zwanzig geht noch – aber Dreißig ist echt krass“: Die 17-jährige Jessica und ihre gleichaltrige Freundin Fatima sind auf dem Weg in die City, um einem gemeinsamen Freund zum Achtzehnten ein Geschenk zu besorgen. „Wir Alten sind unsichtbar“: Lili, Giulias silbriggelockte Sitznachbarin in der Tram, die auf dem Weg ist zum Achtzigsten einer Freundin, stellt das ganz nüchtern und ohne klagenden Unterton fest. Als alter Mensch werde man nicht mehr wahrgenommen, schlimmer noch: man nehme sich selbst nicht mehr wahr. In der Tat: Giulia sieht plötzlich ihr Spiegelbild nicht mehr in der Tram-Scheibe und steigt kurzentschlossen vor einem Optikergeschäft aus...
Als Lili zur Geburtstagsgesellschaft ihrer Freundin Leonie im Heim mit betreutem Wohnen stößt, ist die Party bereits in vollem Gange – und die Stimmung am Boden. „Kann ich etwa nicht mehr lesen?“: Weder das Hörbuch ihrer Tochter Helen noch die Darbietungen des „Amsel-Drossel-Chors“ vermögen Leonie aufzuheitern, im Gegenteil: Den wenigen Spaß, den sie sich hier im Heim noch leistet, wird ihr noch von der spießigen Tochter vermiest. Dass die Geronto-Fete in eine regelrechte Tortenschlacht mündet, war wirklich nicht abzusehen: „Ist doch lustiger geworden als ich dachte“ resümiert Leonie und lädt Helen und Lili ins Antinori ein...
In dieser so unscheinbaren wie exklusiven „Cantine“ verkürzen sich die Freunde Giulias die Zeit bis zu ihrem wie erwartet arg verspäteten Erscheinen mit reichlich Champagner und Gesprächen über die Zipperlein im Alter – von den Falten im Gesicht über den nicht mehr zu leugnenden Bauchansatz bis hin zum Wadenkampf beim Sex. Die Stimmung wird zunehmend lockerer, die Zungen gelöster – beim nur noch als Harmonie-Fassade existierenden Homo-Paar Stefan und Lorenz, beim krampfhaft aktiven Hetero-Paar Lena und Valentin sowie beim scheinbar überzeugten Single Thomas, der als Dauer-Jugendlicher zwar in topmodischen goldenen Turnschuhen herumläuft und zum Fitnesstraining in den Boxring steigt, aber doch besser Gehirnjogging betreiben sollte angesichts seiner Vergesslichkeit.
Als mit dem blonden Diven-Gift Alessia noch ein selbstbewusst-gelifteter Zufallsgast hinzustößt, gibt es kein Halten mehr. „Nicht der ästhetische Maßstab ändert sich, sondern die Sehstärke“: Ihre Überzeugung bewahrheitet sich wenig später, als alle, des langen Wartens und des knurrenden Magens überdrüssig, kollektiv zur Brille greifen, um die Speisekarte lesen zu können.
Derweil sind Jessica und Fatima beim Kaufhaus-Diebstahl erwischt worden, Objekt ihrer Begierde war nicht zufällig ein Paar goldene Sportschuhe wie der mehr als doppelt so alte Thomas sie trägt. Deren Väter geraten bei der polizeilichen Vernehmung aneinander, noch stärker aber fliegen die Fetzen wenig später zwischen Jessicas getrennt lebenden Eltern – aber an Ende landen alle halbwegs versöhnt im Antinori-Keller. Wo Giulia noch immer erwartet wird. Die hat beim Optiker den charmanten Hamburger Anlageberater John kennengelernt und lässt sich von ihm in ein Restaurant und anschließend in eine Bar verführen...
Christoph Schaubs am 8. August 2009 auf dem Festival von Locarno uraufgeführte und mit dem Publikumspreis ausgezeichnete Komödie, nach „Lila Lila“ bereits der zweite Film nach einem Stoff des eidgenössischen Schriftstellers Martin Suter im deutschen Kino, ist dem 2006 gestorbenen Schweizer Regisseur Daniel Schmid gewidmet, mit dem Suter u.a. 1999 den Film „Beresina oder: Die letzten Tage der Schweiz“ realisiert hat. „Giulias Verschwinden“ will – und kann – sich weder mit diesem noch mit „Schatten der Engel“ oder den anderen stets so (selbst-) ironischen wie kritischen Arbeiten Daniel Schmids, der auf der 60. Berlinale 2010 durch die ebenfalls von T & C produzierte, anrührende Doku-Hommage „Le chat qui pense“ von Pascal Hofmann und Benny Jaberg gewürdigt wurde, messen.
Aber auf eine solch’ leichte Schulter wie von der deutschen Kritik sollte Christoph Schaubs – zugegeben: ausfransende – Komödie nicht genommen werden: Die parallel erzählten und nur ganz locker miteinander verknüpften Geschichten dreier Geburtstage zwischen 18 und 80 Jahren leben nicht nur von pointierten Dialogen und szenischen Petitessen handverlesener Schauspieler. Sondern auch von einem zwischen den Zeilen stets durchschimmernden sehr ernsthaften Hintergrund des Älterwerdens. Nach der Deutsche Erstaufführung im Wettbewerb um den Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken erfolgten der Kinostart am 4. Februar 2010 und die Erstausstrahlung am 27. Dezember 2012 in der ARD.
Pitt Herrmann