Traumfabrik und Staatskonzern - die Geschichte der Ufa

Titel

Traumfabrik und Staatskonzern - die Geschichte der Ufa
Quelle: Ufa Film & TV Produktion
Der Ufa-Rhombus
 

Die Ufa war – dem Selbstverständnis wie der marktbeherrschenden Stellung nach – der nationale Filmkonzern Deutschlands: Eng verbunden mit dem Staat, der Deutschen Bank und konservativen Kapitalgruppen, dominierte die Ufa die deutsche Filmindustrie in den Jahren 1917 bis 1945. Weder davor noch danach konnte ein Filmkonzern in Deutschland eine solche Fülle an Künstlern und Stars vereinen und zugleich derartig Macht und Einfluß gewinnen.

Erste Schritte mit Vorsprung

Am 18. Dezember 1917 wurde die Universum-Film AG mit einem Grundkapital von 25 Millionen Mark in das Handelsregister Berlin eingetragen. Bei dieser Gründung, die von staatlicher Seite unterstützt worden war, nutzte die Ufa gezielt bestehende Kräfte, denn dank des Finanzpolsters wurden etliche bestehende Filmfirmen aufgekauft. Und bald begann man auch, an einem künstlerischen Renommee zu arbeiten: Ernst Lubitsch z.B. inszenierte neben seinen turbulenten Komödien nun eine Reihe von millionenschweren Historienfilmen, seine "Madame Dubarry" (1919) mit Pola Negri, Emil Jannings und Harry Liedtke wurde in Europa und den USA überschwänglich gefeiert. Als Lubitsch im Herbst 1920 im Atelier Tempelhof "Anna Boleyn" mit Jannings und Henny Porten drehte, machte Reichspräsident Friedrich Ebert dem Devisenbringer seine Aufwartung: "Ein Prestigefilm! Er soll dem Ausland zeigen, was die deutsche Filmindustrie für Fortschritte gemacht hat."

Mit der Übernahme der Konkurrenzfirma Decla-Bioscop im November 1921 und des ambitionierten Produzenten und Decla-Gründers Erich Pommer verstärkte die Ufa ihr kreatives Potenzial immens. Auf dem übernommenen Filmgelände von Neubabelsberg herrschte reger Betrieb. 1924 stiftete der "kreative Produzent" Pommer die wohl künstlerisch fruchtbarste Partnerschaft des deutschen Stummfilms: Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau, Filmdichter Carl Mayer, Kameramann Karl Freund und die Architekten Robert Herlth und Walter Röhrig. Ihr erster gemeinsamer Film war "Der letzte Mann" (1924), mit Emil Jannings in der Hauptrolle. "Erfindet bitte etwas Neues, auch wenn es verrückt sein sollte", hatte Pommer gebeten, und zu diesen Verrücktheiten gehörte am Ende nichts Geringeres als die "entfesselte Kamera", die hier erstmals zur Entwicklung einer konsequent filmischen Erzählweise genutzt wurde. Der Film wurde in den USA ebenso begeistert aufgenommen wie bald darauf E. A. Duponts "Varieté" (1925) – wiederum mit Karl Freund an der entfesselten Kamera und Emil Jannings in der Hauptrolle. Dank der vertikalen Struktur des Konzerns verdiente die Ufa gleich dreifach: als Produzent, Verleiher und als Kinobetreiber. Politisch wichtig und auch finanziell nicht unbedeutend war zudem die Ufa-Wochenschau, die mit rund 100 Kopien bald das Aktualitätenmagazin Nr. 1 darstellte. Nur der Kulturfilm fehlte noch, um den Kinos ein vollständiges Programm zu liefern.

Krise und Neuanfang

Quelle: SDK
"Der letzte Mann" (1924) - Kameramann Karl Freund mit der entfesselten Kamera und Regisseur F.W. Murnau rechts neben ihm
 

Mitte der 1920er Jahre, inzwischen war die Zahl der Ufa-Mitarbeiter auf 5.000 angewachsen, führten Verluste in zweistelliger Millionenhöhe zu dem Parufamet-Vertrag der Ufa mit den US-Studios Paramount und Metro-Goldwyn-Mayer. Der gemeinsame Verleih Parufamet sollte jährlich 60 Filme in Deutschland herausbringen: je 20 von Paramount, Ufa und M-G-M. Statt der Rettung brachte die Vereinbarung jedoch das genaue Gegenteil: Das finanzielle Fiasko um Fritz Langs "Metropolis" sowie der verheerende Geschäftsbericht für das Jahr 1926/27 markierten schließlich den Tiefpunkt der Ufa-Krise. Der Produktionschef Erich Pommer musste die Ufa verlassen, und der bei der Ufa-Gründung übergangene, erzkonservative Alfred Hugenberg übernahm mit geschicktem Verhandlungspoker die angeschlagene Ufa. Hugenberg wurde Vorsitzender des Aufsichtsrates und sein Vertrauter Ludwig Klitzsch zum Generaldirektor, der binnen zweier Jahre aus dem "Wrack Ufa" wieder das "Flaggschiff" der deutschen Filmindustrie machte. In zähen Verhandlungen gelang es Klitzsch, die kaum erfüllbaren Bedingungen des Parufamet-Vertrages zu lockern. Zudem wurde Erich Pommer wieder für die Ufa verpflichtet – mit ihm kehrte auch der frühere hohe Standard der Ufa-Produktion nach Babelsberg zurück.

Der Ufa-Tonfilm

Quelle: SDK
"Der blaue Engel" (1930) - Drehbuchbesprechung mit Robert Liebmann, Josef von Sternberg, Carl Zuckmayer, Emil Jannings, Erich Pommer, Heinrich Mann (v.l.n.r.)
 

1929, vier Jahre nach dem Scheitern der Tri-Ergon Abteilung der Ufa, befand sich der Tonfilm auf dem endgültigen Siegeszug. Am 16. Dezember 1929 feierte der erste "hundertprozentige" Tonfilm der Ufa, "Melodie des Herzens" mit Dita Parlo und Willy Fritsch Premiere, und den ersten Höhepunkt der Ufa-Tonfilme markierte wenig später "Der blaue Engel" (1929/30). Als Star war Emil Jannings engagiert worden, der in Hollywood 1927 mit dem ersten Oscar ausgezeichnet worden war – zum eigentlichen Star des Films jedoch stieg die bis dahin wenig bekannte Marlene Dietrich auf, die schon am Tag nach der Premiere Deutschland und der Ufa den Rücken kehren und nach Hollywood entschwinden sollte. Prägend für den Stil der frühen Ufa-Tonfilme wurde "Liebeswalzer" mit dem gefeierten "Traumpaar" Lilian Harvey und Willy Fritsch. Regisseur Wilhelm Thiele entwickelte hier eine Form der Filmoperette, die er mit der musikalischen Komödie "Die Drei von der Tankstelle" erfolgreich fortsetzte. Indem er die Tanz- und Gesangszenen aus der Handlung heraus erwachsen ließ, nahm er ein wichtiges Element späterer Hollywood-Musicals voraus. Mit Thiele, den Brüdern Kurt und Robert Siodmak, den Autoren Billy Wilder und Robert Liebmann sowie den Komponisten Werner Richard Heymann und Friedrich Hollaender hatte Erich Pommer so wieder ein Team junger Talente um sich geschart. Sie alle sollten – notgedrungen – schon bald in Hollywood Karriere machen.

Die Ufa und die Nazis

Quelle: DFM
Oskar Karlweis, Heinz Rühmann und Willy Fritsch (v.l.n.r.) in "Die drei von der Tankstelle" (1930)
 

Die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 bedeutete das Ende der deutschen Republik. Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten und der Installierung von Propagandaminister Joseph Goebbels als "Schirmherr des deutschen Films" verstärkte sich der Druck gegen die Juden im Stab der Ufa. Im Frühling 1933 entledigte sich der Konzern "infolge nationaler Umwälzungen" widerstandslos ihrer jüdischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – auch Erich Pommer wurde entlassen und emigrierte im Mai nach Paris. Ufa-Produktionen wie der patriotische U-Boot-Film "Morgenrot" (1932/33) wurden zum Symbol für die "neue Zeit", als die sich das Nazi-Regime feiern ließ. Der Ufa-Propagandafilm "Hitlerjunge Quex" wurde – bevor man offene Propaganda zusehends durch ideologisch gefärbte Unterhaltungsfilme ersetzte – von Goebbels 1933 als Meilenstein gefeiert: "Die Ufa sowohl wie alle an diesem Film Mitwirkenden haben sich nicht nur um die Entwicklung der deutschen Filmkunst, sondern auch um die künstlerische Gestaltung nationalsozialistischen Ideengutes ein großes Verdienst erworben." Gleichzeitig produzierte die Ufa jedoch auch außergewöhnliche Filmwerke: z.B. die Komödien und Melodramen von Reinhold Schünzel und Detlef Sierck, bis beide 1937/38 vor der rassistischen und politischen Verfolgung in die USA flohen. Auch sie sind Teil des immensen Verlusts, den der deutsche Film durch die Vertreibungs- und Vernichtungspolitik der Nazis erlitten hat. Wer nicht wie Fritz Lang, Billy Wilder oder Peter Lorre schon 1933 geflohen war, emigrierte später oder wurde wie Otto Wallburg, Kurt Gerron und viele andere von den Nazis ermordet.

Die Verstaatlichung – von der Ufa zur UFI

Quelle: DFM
Rudolf Hess (links) und Joseph Goebbels (Mitte) in einer Szene aus "Triumph des Willens" (1934)
 

1937 verstärkte die Naziregierung ihre Aktivitäten der verschleierten Verstaatlichung der Filmindustrie. Ziel war es, durch verdeckte Aufkäufe Mehrheitsgesellschafter der jeweiligen Firmen zu werden, ohne einen Sitz im Aufsichtsrat oder Vorstand zu beanspruchen. Im Zuge dessen wurde auch Hugenberg aus der Ufa "herausgekauft". Klitzsch jedoch blieb Generaldirektor und wurde später Aufsichtsratsvorsitzender. Mit dem Zusammenschluss der vier größten Produktionsfirmen – Ufa, Terra, Tobis und Bavaria – gelang den Nazis schließlich 1941 die Gründung eines staatlich kontrollierten Super-Konzerns: die Ufa Film GmbH, genannt UFI. Zwar wurde den in der UFI zusammengefassten Firmen bewusst eine gewisse Selbstständigkeit gelassen – ein eigenes Profil aber konnten die Gesellschaften kaum noch entwickeln. Hetzfilme, antisemitische oder militaristische Tendenzstreifen stellte jede Firma her. Bei der Ufa-Filmkunst war es vor allem der Regisseur Karl Ritter, der NS-Stoffe am laufenden Band inszenierte: Filme wie "Verräter" (1936), "Patrioten" (1937), "...Über alles in der Welt" (1940/41) und "Stukas" (1941). Doch auch nach Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 dominierten nicht diese plakativen Propagandafilme. In den Kinos liefen vor allem Lustspiele, Melodramen und Revuefilme, die z.B. Stars wie Marika Rökk im "Tanz mit dem Kaiser" zeigten.

Farbe zum Jubiläum: "Münchhausen"

Quelle: SDK
Hans Albers und Herbert Speelmans (v.l.n.r.) in "Münchhausen" (1942)
 

Während der Technicolor-Farbfilm bereits seit Mitte der 1930er Jahre in Hollywood Erfolge feierte, wurde mit der musikalischen Komödie "Frauen sind doch bessere Diplomaten" der erste Ufa-Spielfilm in Farbe erst 1941 uraufgeführt: in Agfacolor. Auch für das Prestigeprojekt zum 25-jährigen Ufa-Jubiläum 1942 kam natürlich nur Farbe in Frage. Schließlich sollte zugleich die Leistungsfähigkeit des deutschen Films im Zweiten Weltkrieg demonstriert werden. Alle technischen Tricks, über die die deutsche Traumfabrik verfügte, sollten vorgeführt werden, wofür sich der "Münchhausen"-Stoff mit dem sensationellen Ritt auf der Kanonenkugel besonders eignete: "Münchhausen" entstand als prächtiger Ausstattungsfilm, voller phantastischer Einfälle und mit einer hochkarätigen Besetzung, angeführt vom deutschen Superstar Hans Albers als Lügenbaron. Für das Drehbuch wurde ein Autor verpflichtet, dessen Schreibverbot in Nazideutschland für diese Produktion eigens aufgehoben wurde: Erich Kästner. Doch selbst das von ihm gewählte Pseudonym "Berthold Bürger" wurde nicht in den Vorspann aufgenommen. Den Ton in der Ufa gaben andere Leute an – zum Firmenjubiläum erklärte Generaldirektor Klitzsch: "Da erfüllt sich 1933 jene fruchtbringende Ehe zwischen Zeit und Film. Das Ringen des Nationalsozialismus um die Seele des deutschen Volkes ergriff diese unverbrauchte, so wirkungsvolle Waffe."

Filmen bis zum Untergang

Quelle: DIF
Kristina Söderbaum und Gustav Diessl in "Kolberg" (1945)
 

Diese "Waffenschmiede" arbeitete, bis die Niederlage Deutschlands 1945 endlich das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete. Während ringsherum alles in Schutt und Asche fiel und die Theater geschlossen wurden, spielten die Kinos bis zum Schluss, in den Ufa-Ateliers in Tempelhof und Babelsberg wurden weiter Filme gedreht. Hans Deppe inszenierte die Familienkomödie "Wie sagen wir es unseren Eltern", Erich Engels das Lustspiel "Fahrt ins Glück". Wolfgang Liebeneiners Großproduktion "Das Leben geht weiter" blieb unvollendet, hingegen feierte Veit Harlans Durchhalte- und Propagandafilm "Kolberg" – mit 8,5 Millionen Mark der teuerste Ufa-Film aller Zeiten – am 30. Januar 1945 seine Premiere. Auf den Flüssen um Potsdam entstand das Meisterstück von Helmut Käutner: "Unter den Brücken" (1944/45). Doch die melancholische Liebesgeschichte mit Hannelore Schroth und Carl Raddatz, Gustav Knuth und Hildegard Knef sollte als "Überläufer" erst nach Kriegsende in die Kinos kommen: Als sich in der Ufa-Stadt Babelsberg längst Schutt und Schrott türmten und die Ufa als Besitz des untergegangenen "Dritten Reiches" von den Alliierten beschlagnahmt worden war. Am 17. Mai 1946 vergab die Sowjetische Militär-Administration die Lizenz zu Gründung der Deutschen Film-AG an eine Vereinigung engagierter Filmschaffender und KPD-Mitglieder. Wie schon bei der Ufa-Gründung 1917 lag zunächst die Abkürzung fest: DEFA – eine deutliche Anlehnung an die Ufa.

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