Inhalt
Der in den Berliner UfA-Studios entstandene Film wurde durch Spenden finanziert. Auftraggeber war die "Luther- Filmdenkmal. Zentralstelle für die Schaffung eines Lutherfilms". In den Zensurunterlagen ist überliefert, dass es bei der Vorpremiere in Nürnberg zu „schweren Auseinandersetzungen zwischen Vertretern des katholischen und des protestantischen Religionsbekenntnisses“ kam. Im Berliner Tageblatt schrieb der Filmkritiker Leo Hirsch: "Glücklicherweise hat man, obwohl der Film 'historisch' ist, den Holzschnittstil vermieden und dafür kernig satte Gemälde gestellt, die ein Augenschmaus sind".
Quelle: Deutsches Filmmuseum
Kommentare
Sie haben diesen Film gesehen? Dann freuen wir uns auf Ihren Beitrag!
Jetzt anmelden oder registrieren und Kommentar schreiben.
Und der so gar nichts Ketzerisches an sich hat, auch wenn er sich bereits als Student mit seinem Freund und Kommilitonen Alexius gegen den Ablasshandel ausgesprochen, die päpstliche Fahne aber vor dem Mob gerettet hat. Was die Drehbuchautoren in Erfurt verorten, obwohl Luther erst 1508 ein Theologiestudium in Wittenberg begonnen hat, nachdem er wie im Film in bewegenden Bildern geschildert in einer stürmischen Gewitternacht das Gelübde abgelegt hat, Mönch zu werden, und gegen den Willen seines Vaters ins Erfurter Kloster der Augustiner-Eremiten eingetreten ist. Die Filmemacher haben sich also einige künstlerische Freiheiten für ihr knapp zweistündiges Biopic, das nur die Lebensspanne bis zur „Entführung“ auf die Wartburg und Luthers Übersetzung zunächst des Neuen (1521) und dann des Alten Testamentes (1523) ins Deutsche thematisiert.
Dass das aus Spenden finanzierte Auftragswerk eine nicht nur humanistische, sondern auch kämpferische Botschaft hat, welche im Lutherjahr 2017 bei der Premiere der erst im Jahr zuvor durch das Bundesfilmarchiv aufwändig rekonstruierten Fassung des Stummfilms am 4. Juni 2017 im Rahmen der Ruhrfestspiele durchaus Emotionen frei zu setzen vermag, ist nicht weiter verwunderlich. Wie auch die deutsch-nationalen Töne zum Ende hin nicht weiter überraschen, welche freilich die finanzielle Beteiligung der Evangelischen Kirche an der auf eine Nitratkopie aus der Entstehungszeit fußenden Restauration verhinderte: In der politisch turbulenten, weil wirtschaftlich äußerst schwierigen Zwischenkriegszeit mussten die Deutschen nicht nur mit der Niederlage 1918 gegen den „Erzfeind“ Frankreich fertig werden, sondern auch mit den dieser Demütigung folgenden Reparationsforderungen der Siegermächte.
So erklärt sich, dass der 1927 entstandene Film am Schluss zwei Ereignisse aus der Zukunft propagandistisch nutzt. Zum einen die auch Pariser Bluthochzeit genannte Bartholomäusnacht, der 1572 zahllose protestantische Hugenotten zum Opfer fielen und die eine im Film thematisierte große Auswanderungswelle auslöste. Zum anderen die Schlacht bei Lützen anno 1632, die für den Verlauf des Dreißigjährigen Krieges nur von marginaler Bedeutung gewesen ist. Der Sieg der Protestanten über das Heer der Katholiken unter Albrecht von Wallenstein ist mit dem Tod des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf, im Film als Heldentod verklärt, allerdings teuer erkauft worden.
Im, so der Untertitel, „Film der deutschen Reformation“ wird Martin Luther als Novize im Kloster von fiebrigen Angstträumen gepeinigt, die auch seinen Glauben erschüttern. Hinzu kommt, dass sich sein Vater bei einem Besuch in Erfurt unversöhnlich zeigt. Erst als ein Bruder Martins an der Pest stirbt, was Luthers Mutter als Gottesurteil ansieht, ist Vater Hans bereit, einzulenken. Sein Sohn hat inzwischen in Wittenberg ein Theologiestudium aufgenommen, nimmt nebenbei Lehramtsaufgaben wahr und wird mit Bruder Franziskus 1511 auf eine Pilgerreise nach Rom geschickt: Nur nach Schmiergeldzahlungen erhalten die Augustiner unterwegs Herberge in anderen Klöstern und den Vatikan erleben sie als einen einzigen Basar. Propagandistisch setzt Hans Kyser, der 1882 im westpreußischen Graudenz geborene und 1940 in Berlin verstorbene Regisseur ist vor allem durch sein Drehbuch für F.W. Murnaus Stummfilm „Faust“ von 1926 bekannt, den pompösen Auftritt der papistischen Kirchenfürsten in Opposition zu einer Vision vom Kreuzweg Christus. 1933 wird Kyser für den in Berlin ansässigen Reichsverband für evangelische Filmarbeit den 84-minütigen Stumm-Dokumentarfilm „Luther, ein Film der deutschen Reformation“ erstellen.
Zurück in Wittenberg, wo Luther 1512 zum Doktor der Theologie promoviert wird. In seinen Predigten wendet er sich gegen den Ablasshandel und zieht besonders gegen den päpstlichen Geldeintreiber Johann Tetzel zu Felde, von dem der auch als Zwischentitel im Film verwendete Ausspruch überliefert ist: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt.“ Kurz nachdem Luther seine 95 Thesen gegen den Ablass an das Tor der Wittenberger Schlosskirche gehängt hat, die der Buchdrucker Hans Luft rasch unter die Leute bringt, wird der spätere Freund und Mitstreiter Philipp Melanchthon nach Wittenberg berufen. Neben dem Poeten Hans Sachs und dem – im Film arg auf Hochglanz polierten – Ritter Ulrich von Hutten findet Luther auch im sächsischen Kurfürsten Friedrich der Weise einen Verbündeten, der die vom römischen Nuntius überbrachte vergoldete päpstliche Rose mit einem Druck der Thesen Luthers überdeckt. Der Herrscher widersetzt sich dem Willen des Papstes, Luther der römischen Inquisition zu überstellen.
Nachdem sich Luther bereits 1518 beim Reichstag in Augsburg weigerte zu widerrufen, reagiert der Vatikan mit einer ersten Bannbulle. Währenddessen verfolgt der im Film Karlstadt genannte Andreas Bodenstein einen radikalen Kurs der Bilderstürmerei, dem Luther und Melanchthon entschieden entgegentreten. Doch der römische Gesandte Karl von Miltitz, in Wirklichkeit eher ein Vermittler denn ein Scharfmacher am Dresdener Hof, erreicht, dass Luther 1521, als er auf dem Reichstag zu Worms erneut nicht widerruft, vom schwachen Kaiser Karl V. in der Reichsacht für vogelfrei erklärt wird. In letzter Minute kann ihn Schlosshauptmann Berlepsch in kurfürstlichem Auftrag auf die Wartburg „entführen“, wo Luther in den Folgejahren die Bibel ins Deutsche übersetzt. Dank des Buchdruckes und der Illustrationskunst eines Albrecht Dürer verbreiten sich Luthers Schriften in ganz Europa...
Zum 500. Jubiläum des Thesen-Anschlags in Wittenberg ist der Stummfilm „Luther“ aufwändig restauriert worden, von der ursprünglichen Zensurfassung fehlen nur rund einhundert Film-Meter. Die Nitratkopie aus der Entstehungszeit des Films konnte mit Material aus anderen in Deutschland und Holland archivierten Kopien ergänzt werden, der nunmehr digitalisierte Streifen weist keine Bruchstellen mehr auf. Stephan Graf von Bodtmer, der den von der Evang. Kirche verweigerten Restbetrag von 10.000 Euro zur Restaurierung und Digitalisierung aus eigener Tasche beisteuerte, hat den nun 111-minütigen Stummfilm neu vertont – und die Premiere im Rahmen der Ruhrfestspiele im Kleinen Theater Recklinghausen am Flügel selbst begleitet. Seine Komposition rekurriert mehrfach auf Luthers Lied „Eine feste Burg ist unser Gott“, der heute weltweit zur musikalischen Ikone mutierten kämpferischen Hymne der Reformation.
Pitt Herrmann