Aprilkinder

Deutschland 1998 Spielfilm

Inhalt

Alltagsbilder einer türkischen Familie in Hamburg: Auf ihre Weise versuchen die Eltern, die vor Jahren ihr kurdisches Dorf verließen, die überlieferten Gebräuche auch in der deutschen Großstadt zu pflegen. Die Mutter wurde darüber zur dominanten Figur, der Vater hat sich in Sprachlosigkeit geflüchtet.

Ihre Kinder haben andere Sorgen: Cem geht einem harten Job in einer Fleischfabrik nach, während sein jüngerer Bruder Mehmet auf der Straße auf einen Aufstieg anderer Art wartet und seine Schwester Dilan für ihr "westliches" Verhalten kritisiert. Mehmet glaubt seine Stunde gekommen, als ihn ein Nachtclub-Boss für Drogengeschäfte anheuert. Dann erfährt die Familie eine weitere Prüfung, an der Cem zu zerbrechen droht: Er verliebt sich in die deutsche Prostituierte Kim, obwohl seine Heirat mit einer Cousine aus dem Heimatdorf der Familie längst besiegelt ist.

 

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Heinz17herne
Heinz17herne
Als der Film Anfang 1999 in die Kinos zumindest der größten türkischen Stadt außerhalb der Türkei, Berlin, kam, waren sich alle einig einschließlich der Kritiker: Ein gelungenes Debüt des Regisseurs Yüksel Yavuz. Er gehört der zweiten Generation der „Deutschtürken“ an und zeichnet, wenn auch nicht frei von klischeehafter Schwarzweiß-Malerei, den Alltag der zweiten und der dritten Generation seiner „Landsleute“ in Deutschland nach – mit großer Detailtreue und einem noch größeren Herz für die Menschen in seinem Film. Gleichzeitig setzt er seinem Vater, und das ist mehr als nur eine sympathische Geste, ein kleines Denkmal, indem er ihm die Rolle des Vaters im Film anvertraut.

„Aprilkinder“ ist eine Geschichte, die ohne happy end bleibt: Cem, der älteste Sohn der Familie (Erdal Yildiz bleibt lange im Gedächtnis), der als Moslem in einem Hamburger Schlachthof ausgerechnet Schweine zerlegt, ist ein eher zurückhaltender, scheuer junger Mann und das genaue Gegenteil seines jüngeren Bruders Mehmet. Während dieser auf die schnelle Kohle aus ist und auch nicht davor zurückschreckt, mit Drogen zu dealen, um einen großen Mercedes fahren zu können, ist Cem auf ehrliche Weise bemüht, durch harte Arbeit durchzukommen. Für die Freuden des Lebens ist er nicht zu haben.

Das ändert sich, als ihn ein türkischer Arbeitskollege nach Dienstschluss mit in einen türkischen Nachtclub nimmt, wo er sich – im zweiten Anlauf – in die einzige Deutsche verliebt, die dort dem horizontalen Gewerbe nachgeht: Kim. Die Liebe entwickelt sich stürmisch und als aus ihr etwas zu werden verspricht, als Kim auch noch ihren Bordell-Job verliert, muss Cem der Familientradition gehorchen und eine ihm schon seit vielen Jahren „versprochene“ Cousine aus dem türkischen Heimatdorf heiraten. Was vor dem Hintergrund der Kurdenproblematik noch einen besonderen Akzent erhält: Das Dorf ist kurdisch und wird vom türkischen Militär sukzessive zerstört, sodass das Leben der dort noch ausharrenden Familien akut gefährdet ist. Die Cousine (Idil Üner) erhält jedoch nur durch die Heirat eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland, ein Land, das für sie wie ein Paradies erscheint.

Cems kleine Schwerster Dilan ist bereits in Hamburg geboren. Sie spricht beinahe besser deutsch als türkisch, hängt zwar sehr an ihren Eltern, mit denen sie daheim türkisch spricht, wehrt sich jedoch gegen deren traditionelle Auffassung von der dienenden Rolle der Frau. Sie ist Fan eines türkischen Popstars, dessen Poster in ihrem Zimmer hängen, und verbringt ihre Freizeit mit anderen türkischen Kindern der dritten Generation. Zu Deutschen hat Dilan, zumindest wird das im Film nicht anders deutlich, keinen Kontakt. Mit einem Freund ihres jüngeren Bruders erlebt sie ihre erste Liebesgeschichte. Zumindest für Dilan ist klar, wo sie ihre Heimat sieht: In Hamburg, freilich noch ganz im Kreis der türkischen Gemeinde.

Cem dagegen hat seine Kindheit noch in der Türkei verbracht, wurde erst später, nachdem sich der Vater in Hamburg etabliert hatte, nachgeholt. Seine Funktion ist klar bestimmt als materieller Versorger der Familie, nachdem der Vater erkrankt ist und nur noch in sehr geringem Maße zum Lebensunterhalt beitragen kann. So etwas wie der traditionelle Ruhepol der Familie ist die Mutter, die mit großer Nachsicht die unterschiedlichen Mitglieder der Familie zusammenzuhalten versucht. Doch ist sie es, die am Ende Cems Hochzeit geschickt einzufädeln weiß...

„Aprilkinder“ ist ein Spielfilm und überzeugt dennoch vor allem durch seinen unaufdringlich dokumentarischen Gehalt. Das hat sehr viel mit der emotionslosen Kameraführung des Argentiniers Ciro Cappellari zu tun, den Yüksel Yavuz bewusst auswählte, weil auch er Deutschland von außen sieht. Es ist der ganz normale Alltag einer türkischen Familie in Deutschland, den Yüksel Yavuz erzählt und man spürt in jeder Einstellung die eigene Erfahrung des Regisseurs. Ein großes Plus sind die Schauspieler. Serif Sezer spielt die wunderbare Mutter, die wenig von der neuen Zeit, in die ihre jüngste Tochter hineingeboren worden ist, versteht, die aber viel Verständnis für ihre Kinder aufbringt. Sie hat noch eine Sprache, und das ist die türkische. Ihr kranker, ausgebrannter Mann, zur traditionellen Patriarchenrolle nicht mehr fähig, ist stumm geworden. Und mehr noch: Zeitweise ans Bett gefesselt nimmt er am Familienleben bzw. was davon noch übriggeblieben ist (im wesentlichen die gemeinsamen Mahlzeiten) nicht mehr teil.

Bülent Esrüngün spielt den jüngeren Bruder Mehmet. Auch er gehört bereits der dritten Generation an, wuchs im Kreuzberger Kiez am Görlitzer Bahnhof auf. Im Gespräch mit der „Berliner Zeitung“ räumte er ein, an einem „Klischee-Film“ mitgewirkt zu haben, aber an einem guten. „Aprilkinder“ gewähre den Deutschen Einblicke, die sie sonst wenn überhaupt nur aus der Zeitung erfahren könnten. Was er im Film darstellt, kennt Bülent Esrüngün aus eigenen Erfahrungen mit der Kreuzberger Straßenbande „Thirty-Sixer“: Das Milieu der heimatlosen türkisch-deutschen Jugendlichen. Der Schauspieler besitzt beide Pässe, absolvierte den Wehrdienst in Deutschland ausgerechnet in der stressigen Atmosphäre einer ostdeutschen Kaserne und machte seinerzeit am Berlin-Kolleg sein Abitur nach. Als frischgebackener „Jungstar“ unter den türkischen Schauspielern stand Bülent Sharif, wie er sich später nannte, manche Karriere-Tür offen. „Aprilkinder“ ist am 24. September 1998 auf dem Filmfest Hamburg uraufgeführt worden, am 28. Januar 1999 ins Kino gekommen und am 10. August 1999 in der Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ im ZDF erstausgestrahlt worden.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Dreharbeiten

    • Hamburg
Länge:
85 min
Format:
35mm, 1:1,66
Bild/Ton:
Eastmancolor, Ton
Aufführung:

Uraufführung (DE): Oktober 1998, Hamburg, Filmfest

Titel

  • Originaltitel (DE) Aprilkinder

Fassungen

Original

Länge:
85 min
Format:
35mm, 1:1,66
Bild/Ton:
Eastmancolor, Ton
Aufführung:

Uraufführung (DE): Oktober 1998, Hamburg, Filmfest

Digitalisierte Fassung

Länge:
85 min
Format:
DCP, 1:1,66
Bild/Ton:
Farbe, Stereo