Ich bin ein Elefant, Madame

BR Deutschland 1968/1969 Spielfilm

Inhalt

Das Spielfilmdebüt des Theaterregisseurs Peter Zadek erzählt vom Versuch der Primaner eines Bremer Gymnasiums, die autoritär strukturierte Schule umzukrempeln und zu demokratisieren. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Schüler Rull, der die herrschende Ordnung leidenschaftlich ablehnt. Immer wieder denkt er sich neue Aktionen aus, um seine Umwelt zu provozieren. Seine persönliche Protest-Bewegung gipfelt schließlich darin, ein Hakenkreuz an die Wand des Gymnasiums zu schmieren. Als ihm der Schulverweis droht, planen seine Mitschüler die Solidarisierung.

 

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Heinz17herne
Heinz17herne
Der renommierte Theatermacher erstmals auch als Filmemacher: Mit „Ich bin ein Elefant, Madame“ hat sich Peter Zadek mit der Schüler- und Studentenrevolte der „Achtundsechziger“ auseinandergesetzt – und das so lustvoll und anarchisch, so ganz ohne inneren Abstand, wie es nur einem ewig jungen Rebellen gelingen kann, dem seit der Nazi-Zeit, die er glücklicherweise auf der britischen Insel überlebt hat, alle Ideologien obsolet geworden sind. Was sich dann wesentlich später in seinem kurzen Gastspiel als Co-Direktor des „Berliner Ensembles“ auch vor und hinter der Bühne zeigen sollte.

Aus eigener Oldenburger Anschauung, wo der „Funke“ von der Pädagogischen Hochschule (heute Carl-von-Ossietzky-Universität) auf die Gymnasien einschließlich „meiner“ Hindenburg-Schule übersprang, kann ich nur bestätigen, was Zadek am Beispiel der Bremer Schülerrevolte von 1968 um den „Stadtindianer“ Rull, dessen Persiflage des Zwanziger-Jahre-Schlagers „Ich küsse ihre Hand, Madame“ dem Film zu seinem Titel verhalf, zeigt: Teils aggressive, teils durchaus verständnisvolle und kooperationsbereite, meistens jedoch einfach nur hilflose Lehrer standen einem Haufen rebellischer Pennäler gegenüber, die von einem sehr kleinen Aktivisten-Kreis angeführt wurden.

Ob sich nun diese Führungsgruppe überall aus außenstehenden jungen Leuten, also aus schulfernen Agitatoren, zusammengesetzt hat wie in diesem speziellen Bremer Fall, vermag ich natürlich nicht zu sagen, aber auch in der vergleichsweise beschaulichen großherzoglichen Provinz ging es erst in zweiter Linie um sachliche Argumente, ja überhaupt um Inhalte. Sondern es ging wie bei Zadeks Protagonisten Rull zuallererst um die Artikulation eines bisher noch recht unbewusst wahrgenommenen, vagen Unbehagens an der Gesellschaft, an der Politik – und an der durch die Nazi-Zeit vorbelastete Elterngeneration, die eigenen Erzeuger ausdrücklich eingeschlossen. Es stank, und es stank ganz gewaltig, nur warum war zunächst nicht auszumachen.

So suchten sich die allgemein aufgestauten Aggressionen naheliegende Opfer in den Institutionen Hochschule und Schule, im Kreis der Lehrer und natürlich auch der als repressiv empfundenen staatlichen Ordnungsmacht Polizei. Zadeks Rull ist zwar ein frühreifer, geistig wie körperlich aber noch ziemlich unfertiger junger Mann, der weder mit sich selbst noch mit seiner Umwelt im reinen ist. Mitten hinein in die eigene Orientierungsphase, der Suche nach einem eigenen Standpunkt, in die Ich-Findung, sieht er sich in die Rolle eines Rädelsführers gedrängt – und ist damit hoffnungslos überfordert.

Da können die Studenten und linken Ideologen um ihn herum noch so theoretisieren, die jungen, noch ganz idealistischen Referendare und Lehrer sich die Seele aus dem Leib palavern und von Verantwortung sprechen, das alles verwirrt einen wie Rull nur noch mehr – und führt ihn nach zahllosen provokanten Aktionen, die in einer Hakenkreuz-Schmiererei an seinem Gymnasium gipfelt, letztlich in die Isolation. Auch gegenüber seinen Mitstreitern, obwohl die sich zunächst mit Rull solidarisieren, als ihm ein Schulverweis droht.

Zadeks poppig-schriller Film trifft aber auch dort genau den Punkt, wo er den enormen Schwung der sich ja nicht nur jugendlich gebenden, sondern tatsächlich blutjungen Idealisten offenbart. Diese kaffeetrinkenden Lehrer, die Gespräche zwischen Rull und seinen Freunden Satemin, Gisela, Haverkamp, Koch, Hübner, Adler, Kurafeiski, Gisela und seiner Freundin Billa, die Situation in seiner Schulklasse – alles so ungemein authentisch, als wäre Peter Zadek seinerzeit mittendrin gewesen. Und dennoch ist es ihm analog zu seinen Theaterinszenierungen etwa später in Bochum natürlich auch um knallige Showeffekte gegangen, um das buntschillernde Spektakel, das er weder hinterfragt noch irgendwie schubladenmäßig kategorisiert. Sondern offenbar ganz zur eigenen Freude geschehen lässt.

Für sein im Alten Gymnasium Bremen gedrehtes Spielfilm-Debüt hat Peter Zadek ein exzellentes Ensemble versammelt, allein dem Bremer Lehrerkollegium, das sich so liberal und freundlich gibt, dass die Schüler ob der allzu offensichtlichen Anbiederung wütend werden, gehören Tankred Dorst, Peter Palitzsch, Heinz Baumann, Werner Dahms und Ernst Rottluff an und, für diese Zeit nicht untypisch, mit Ingrid Resch als Fräulein Winter nur eine Frau. Das „Who is who“ der Bühnenstars komplettieren Annelore Kunte und Hans-Walter Clasen, Brigitte Janner, Günther Lüders, Robert Dietl, Margot Trooger, Rudolf-Jürgen Bartsch, Guido Baumann sowie Peter Zadeks Intendant an den Städt. Bühnen Bremen, Kurt Hübner, als Satemins Vater.

Pitt Herrmann

Credits

Alle Credits

Regie

Dialoge

Kamera-Assistenz

Ausstattung

Musik-Ausführung

Musik Sonstiges

Darsteller

Produzent

Herstellungsleitung

Aufnahmeleitung

Dreharbeiten

    • 27.07.1968 - 08.09.1968: Bremen und Umgebung
Länge:
2739 m, 100 min
Format:
35mm, 1:1,37
Bild/Ton:
Eastmancolor, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 21.02.1969, 40318, ab 18 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 06.03.1969, Bremen, Studio für Filmkunst

Titel

  • Originaltitel (DE) Ich bin ein Elefant, Madame

Fassungen

Digitalisierte Fassung

Länge:
101 min
Format:
DCP 2K
Bild/Ton:
Farbe, Ton

Original

Länge:
2739 m, 100 min
Format:
35mm, 1:1,37
Bild/Ton:
Eastmancolor, Ton
Prüfung/Zensur:

FSK-Prüfung (DE): 21.02.1969, 40318, ab 18 Jahre / feiertagsfrei

Aufführung:

Uraufführung (DE): 06.03.1969, Bremen, Studio für Filmkunst

Auszeichnungen

IFF Berlin 1969
  • Silberner Bär
Deutscher Filmpreis 1969
  • Filmband in Gold, Beste Regie
  • Filmband in Gold, Nachwuchsschauspieler