Darsteller, Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt, Produzent
Feldkirch, Vorarlberg, Österreich

"Der Tod des Kinos"

In seiner Satire "Free Rainer – Dein Fernseher lügt" lässt Hans Weingartner einen TV-Manager gegen das eigene Programm rebellieren. Im Interview mit filmportal.de spricht der Autor und Regisseur über die Bedrohung des Kinos in einer konsumorientierten Medienlandschaft, die veränderten Sehgewohnheiten des Publikums und die Notwendigkeit, weiter zu träumen.

filmportal: In "Free Rainer" wird das Fernsehen als "Verdummungsmaschine" auf satirisch überspitzte Weise scharf angegriffen. Zerstört das Fernsehen das Kino?

Hans Weingartner: Da besteht auf jeden Fall ein Zusammenhang. In keinem Land der Welt kannst Du so viele Spielfilme im Fernsehen sehen, wie in Deutschland. Ich glaube, wenn wir das öffentlich-rechtliche Fernsehen abschaffen würden würde das auf jeden Fall helfen. Fernsehen ist der Tod des Kinos, es okkupiert mit Schlagworten wie "TV Movie" und "Montagskino" den Platz des Kinos. Es zerstört das Kino, anstatt es zu fördern, was seine Aufgabe wäre. Und wenn die öffentlich-rechtlichen Sender einen anspruchsvollen Film kaufen, wollen sie nur wenig bezahlen. Ich kenne genug Verleiher, die solche Angebote dann ablehnen.

Die Öffentlich-Rechtlichen kaufen ja auch keine europäischen Arthouse-Filme mehr, und dann wundert man sich, dass die Zuschauer keine Arthouse-Filme mehr verstehen. Das Fernsehen verdirbt die Sehgewohnheiten der Menschen, das ist doch völlig klar. Die Zuschauer werden unruhig, wenn eine Einstellung länger als sieben Sekunden dauert. Die Beschleunigung und die schnellen Schnitte im Kino wurden ja durch das Fernsehen bedingt. Andererseits geht es mir auch gegen den Strich, das alles als Kunstfilm durchgeht, wo die Einstellungen drei Minuten dauern. Diese Mechanik ist mir auch schon wieder zu primitiv. Ich find" das schon gut, um mal einen Kontrapunkt zu setzen, aber es ist doch nicht besonders innovativ.

Das ist ein Feigenblatt und funktioniert nur, wenn alle umsonst arbeiten. Und im Fernsehen werden die Filme dann um 00.30 Uhr ausgestrahlt, das heißt: komplett unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Früher kam das "Kleine Fernsehspiel" um sieben Uhr abends, das darf man nicht vergessen.

Und Leute wie Dominik Graf?

Dominik Graf ist die große Ausnahme. Graf find' ich große Klasse, weil er ganz bewusst versucht, das Medium weiterzuentwickeln. Aber das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Rest ist "Rosamunde Pilcher".

Aber vor allem in den USA werden doch eine ganze Menge ambitionierter Serienformate entwickelt...

Was soll ich dazu sagen? Das ist ein großer Hype, der da veranstaltet wird. Ich kann an "Desperate Housewifes" oder "CSI: Miami" überhaupt nichts originelles finden. "CSI" ist eine stinknormale Krimiserie, die halt ein bisschen gelackt daherkommt, mit einer etwas unterkühlten Art der Darstellung. Aber wo liegt denn der Fortschritt zwischen "Die Straßen von San Francisco" aus den Siebzigern und "CSI: Miami"? In "Desperate Housewifes" bieten ein paar absolute Kunstfiguren den Zuschauern eine Art "Lebensersatz" – ich verstehe nicht, was daran besser sein soll, als an "Die Waltons". Was soll daran gut sein? Solche Serien sind vielleicht besser als "Dallas" oder irgendwelchen deutschen Krimiserien, aber sie sind immer noch Dreck.

Der einzige Grund, weshalb die Presse diese Formate so hochjubelt ist, weil sie hohe Quoten haben. Und daran sieht man ja auch, wie verkommen die ganze Kulturberichterstattung geworden ist. Oder "24", was manche Leute ganz toll finden: Da rennt irgendein Fascho durch die Gegend, foltert Leute und liefert die Rechtfertigung für Guantanamo. Ich finde das gefährlich.

Apropos "Fascho": In "Free Rainer" wird einer der Trash-TV-Macher einmal ganz direkt als "Faschist" bezeichnet, und der opportunistische Senderchef heißt "Gründgens", was ja eine ziemlich deutliche Anspielung ist...

Das mit Gründgens ist eine schöne Assoziation, aber das war Zufall. Wir haben einfach nach einem aristokratisch klingenden Namen gesucht. Oder wahrscheinlich war es kein Zufall! Wahrscheinlich war das eine unterbewusste Assoziation, die ich da hatte, als ich nach einem Namen gesucht habe, bei dem so etwas "selbstherrlich deutsches" mitschwingt. Aber ich würde natürlich auf keinen Fall so weit gehen, das deutsche Fernsehen mit einem faschistischen System zu vergleichen, da muss man schon sehr vorsichtig sein.

Wir waren auch sehr unsicher, ob Rainer im Film wirklich "Faschist" sagen soll. Denn es gibt natürlich keine Verschwörung, bei der Politik und Wirtschaft die Massen absichtlich verblöden, damit sie konsumieren und nicht mehr versuchen aufzubegehren. Aber es gibt zum Beispiel diese Frage "Macht Fernsehen Einsamkeit erträglich?". Und da gibt es Statistiken die belegen, dass 20% der Deutschen Fernsehen schauen, weil sie einsam sind – die haben keinen Gesprächspartner mehr, die haben niemanden mehr, mit dem sie ihre Freizeit auf andere Weise gestalten könnten. Aber für den Kapitalismus, in dem wir leben, ist das gut, denn einzelne Leute begehren nicht auf und konsumieren dafür mehr – was wiederum gut ist für das Wirtschaftswachstum. Und damit sie nicht durchdrehen, so alleine in ihren Singlewohnungen, gibt man ihnen eine Droge, die sie ablenkt und beruhigt: Das Fernsehen.

Es gibt diese Szene, in der Pegah den "Macher" Rainer für seinen Führungsstil und seinen Elitismus gegenüber seinen "einfachen" Mitstreitern angreift. Finden sie das nicht etwas didaktisch?

Da zweifelt sie an Rainer und das ist auch ein bisschen eine Anspielung auf den Kommunismus. Denn Karl Marx, der sehr elitär war, war ja der Ansicht, dass die Revolution von einer kleinen Elite ausgeht – und dass die Bauern und Arbeiter dann schon mitziehen. Und genau das wirft Pegah dem Rainer in dieser Szene vor – woraufhin er sich ja auch komplett wandelt. Und mir ist es auch völlig egal, ob das nun "realistisch" ist. Das ist schließlich ein Film, in dem ich zeigen will, wie es laufen könnte – aber ich erwarte von den Zuschauern schon, dass sie so eine Wendung in dem Moment einfach mal mitmachen. Das ist im Prinzip das gleiche wie in "Die fetten Jahre sind vorbei": Natürlich gibt es in der Realität keine jungen Leute, die aus "revolutionären" Gründen in Häuser einbrechen - aber der Film spielt durch, was wäre wenn es sie gäbe!

Die Montagesequenzen in denen gezeigt wird, wie die Menschen durch das anspruchsvollere Fernsehprogramm offenbar ein glücklicheres und harmonischeres Leben führen, sind ziemlich deutlich als idealisierte Wunschvorstellung oder gar "Traum" inszeniert...

Diese Szenen sind natürlich auch ironisch: Da sieht man Kinder, die mit Sattelitenschüsseln fechten! Und wenn dann einer kommt und sagt das sei "übertrieben utopistisch" oder "weichzeichnerisch", ist das unglaublich ermüdend und dann frag" ich mich schon, wie dumm man sein kann, und ob die Leute das nicht verstehen wollen, oder ob sie mir einfach von vornherein übel gesonnen sind.

Aber schwingt in diesen ironisch übertriebenen Szenen nicht auch der Pessimismus mit, dass es zu einem solchen Wandel nicht mehr kommen wird?

Natürlich wird es so nie sein, aber es kann in diese Richtung gehen. Im Film ist das wie ein Traum. Und viele seiner größten Träume kann man vielleicht nie ganz realisieren, aber allein dadurch, dass man es anstrebt, bewegt man sich ein Stück in die richtige Richtung. Dadurch ist schon viel gewonnen.

Eine Ironie ist es ja auch, dass die Außenseiterbande, die sich im Film um Bleibtreu formiert, genau aus jener Sorte Menschen besteht, die man dem Klischee nach als Hauptkonsumenten des so genannten "Unterschichtenfernsehens" betrachten würde.

Natürlich, die stehen für die Hartz-IV-Empfänger, die am Tag sechs Stunden Fernsehen schauen. Und Rainer zeigt ihnen, dass sie nun den Leuten, für die sich nichts als Müll sind, einmal richtig in den Hintern treten können. Er spricht ja sogar vom "Unterschichtenfernsehen". Das ist natürlich sehr direkt – und manchen Leuten, manchen Filmkritikern, ist das zu direkt, die möchten im Kino lieber Kreuzworträtsel lösen. Aber für uns war es eine bewusste Entscheidung, den Film leicht verständlich zu machen. Unser Projekt war es, alle Zuschauer anzusprechen. Aber wenn wir uns die Besucherzahlen vom ersten Wochenende anschauen muss ich leider zugeben, dass das gescheitert ist. Offenbar ist die Spaltung schon so weit vorangeschritten, dass man entweder ganz klar "Arthouse" machen muss, oder ganz klar die Masse anspricht. Das so genannte "cross over" funktioniert nur noch in den seltensten Fällen, wie bei "Good Bye Lenin" oder "Das Leben der Anderen". "Free Rainer" wird paradoxerweise wahrscheinlich erst im Fernsehen jene breite Masse an Leuten erreichen, die ich erreichen wollte.

Wobei ja vielerorts über das gestiegene Qualitätsniveau des deutschen Fernsehens geredet wird.

Aber das ist doch schon wieder am abklingen. Das war ein kurzes Aufblühen und ist mittlerweile fast schon wieder vorbei.

Manche Beobachter sagen, dass die "digitale Revolution" den Tod des Kinos bedeutet, weil digitale Kameras und digitale Projektion per Sattelitenübertragung das Kino dem Fernsehen rein technisch immer ähnlicher macht.

Das ist doch Quatsch! Es ändert sich doch nur das Medium. Ob der Film nun mit einem herkömmlichen Projektor projiziert wird oder per Beamer ist doch völlig egal, solange die Bildqualität in Ordnung ist und ich meine Geschichten erzählen kann. Und durch die digitale Technik ist es leichter geworden einen Film zu drehen, weil es billiger geworden ist. Nein, was das Kino zerstört, ist das Fernsehen. In den Achtzigern haben die Leute zwei Stunden täglich fern geschaut, heute sind es vier Stunden. Das ist ein echtes Problem, genau wie Computerspiele. In den letzten zehn Jahren ist da eine ganze Generation weggebrochen. Die Besucherzahlen sind in der Gruppe der 17- bis 22-jährigen um 15 bis 20% zurückgegangen. Die wurden zwar ersetzt durch die ältere Generation, die wieder häufiger ins Kino geht. Aber wenn die mal weg ist, was kommt dann nach? Das ist ja auch die große Angst der Produzenten und Verleiher, dass keine Kinogänger mehr nachkommen, weil die junge Generation wegbricht in den Videospielsektor. Das ist natürlich jetzt schon ein Problem für mich, weil "Free Rainer" bei jungen Leuten viel besser ankommt – die gehen aber nicht mehr ins Kino. Und wenn junge Studenten ins Kino gehen, dann schauen sie keinen Arthouse-Film, sondern "Beowulf" oder "Spider Man".

In "Free Rainer" geht es gegen "Trash-TV", das die Kanäle verstopft. Der amerikanische Schriftsteller Theodore Sturgeon ist mit dem Ausspruch berühmt geworden, dass 90% von allem Schrott ist, also auch in den Bereichen Literatur, Kino und Musik. Relativiert diese Sichtweise nicht das Problem?

Wir reden hier aber von vier Stunden TV am Tag! Wer hält sich denn vier Stunden täglich bei Hugendubel auf? Und beim Lesen musst du immerhin noch dein Gehirn aktiv benutzen, du musst Deine Fantasie aktivieren, denn du musst die Geschichte beim Lesen in deinem Kopf ablaufen lassen. Beim Fernsehen musst du das nicht, da ist es passive Berieselung. Das ist wie eine Droge, deshalb ist es mit anderen Kulturformen schwer zu vergleichen.

Die Hauptdarstellerin Elsa Sophie Gambard ist noch weitgehend unbekannt- wie kam es zu dieser Besetzung?

Ursprünglich haben wir uns mal in Spanien beim Surfen kennen gelernt. Jetzt lief es so, dass Maggie Peren, die auch das Drehbuch zu "Free Rainer" überarbeitet hat, sie mir noch einmal empfohlen hat. Ich hab" zuerst gesagt "die hat außer ihrem Kurzauftritt in "Schule" noch nie gedreht, das ist "ne Laie, ohne Theatererfahrung und ohne Ausbildung." Aber Maggie Peren hat sie mir immer wieder empfohlen, bis ich sie zum Casting eingeladen habe. Und da hat sie mich einfach überzeugt durch ihre Präsenz, ihre Intelligenz und durch ihr großes Verständnis für diese Figur. Sie hat unheimlich mysteriöse Augen und ich mag sehr, dass sie von "innen heraus" spielt. Sie hat auf jeden Fall Starqualitäten.

Eine Frage aus reiner Neugier noch zu "Die fetten Jahre sind vorbei": Verrätst du uns, wie der Schluss zu verstehen ist? Macht die von Burkhart Klaussner gespielte Figur nun mit dem Trio gemeinsame Sache oder nicht?

Darauf werde ich natürlich keine klare Antwort geben. Ein Zauberer verrät ja auch nicht, wo das weiße Kaninchen herkommt. Das ist offen und das muss jeder Zuschauer für sich selbst beantworten – das ist ja gerade der Witz dabei und das ist auch das Großartige, dass die Leute auf der ganzen Welt darüber diskutieren.