Biografie
Pavel Schnabel wurde 1946 in Olomouc, Tschechien (damals Tschechoslowakei), geboren und wuchs im nordböhmischen Liberec auf. Nach eigener Aussage wollte er bereits als Schüler Kameramann werden. Also bewarb er sich nach dem Gymnasialabschluss an der renommierten Prager Film- und Fernsehhochschule FAMU, die jährlich nur zehn neue Kandidat*innen aufnahm – und wurde zu seinem eigenen Erstaunen angenommen.
1968 stand er kurz vor dem Diplom, als die Soldaten des Warschauer Pakts in Prag einmarschierten und den Prager Frühling beendeten. Schnabel flüchtete nach Deutschland, wo er sich ohne Diplom zunächst als chancenlos betrachtete – bis er das niedrige Niveau in Deutschland bemerkte: "Als ich aber merkte, wie miserabel die Kameraarbeit hier vergleichsweise war – auch wenn es arrogant klingt, das war wirklich so damals – habe ich mich doch getraut, meine Fähigkeiten anzubieten", erzählte er 2004 der Journalistin Claudia Prinz.
Er lernte schließlich Alexander Kluge kennen, mit dem er sich auf Englisch verständigte – eine wegweisende Bekanntschaft: "Als Kluge mich fragte: 'But you are a socialist?', habe ich nachdenken müssen", so Schnabel zu Prinz, "Der Begriff war mir unbekannt. Bei uns gab es Kommunisten und Antikommunisten. Hätte er gefragt, ob ich Kommunist bin, hätte ich sicher gesagt, Nein, das bin ich nicht. Aber Sozialist? Ich habe einfach genickt. Und das hat vielleicht den Ausschlag für meine Berufskarriere gegeben."
Kluge, der an der HfG Ulm lehrte, brachte ihn mit einer Gruppe von Absolvent*innen in Kontakt, darunter Jeanine Meerapfel, Reinhard Kahn und Michel Leiner. Mit ihnen gründete er 1969 in Frankfurt die Produktionskooperative Epplwoi Motion Pictures. In diesem Kollektiv entstanden unter anderem "Zwickel auf Bizyckel" (1970) und "Am Ama Am Amazonas" (1970).
Mit dem 1977 entstandenen "Hommage à August Sander" legte Schnabel seine erste eigenständige Produktion vor: ein Kurzfilm, der mit seiner künstlerischen Handschrift und dokumentarischen Herangehensweise stilbildend für sein späteres Schaffen wurde. Bei den Kurzfilmtagen Oberhausen erhielt der Film den Mitarbeiterpreis für den "verkannten Film des Festivals".
In den folgenden Jahren und Jahrzehnten entstanden sowohl Auftragsarbeiten fürs Fernsehen (meist für den HR) als auch selbstproduzierte Dokumentarfilme, von denen mehrere ausgezeichnet wurden. So erhielt der TV-Dokumentarfilm "Jetzt – nach so viel Jahren" (1981), über das Schicksal der Juden aus dem einst "Klein-Jerusalem" genannten hessischen Dorf Rhina, unter anderem einen Grimme-Preis und den Silver Hugo beim Chicago Film Festival 1982.
Zu Schnabels wiederkehrenden Themen gehören Emigration und Exil, das europäische Judentum, gesellschaftliche Minderheiten sowie die jüngste Geschichte. "Brüder und Schwestern" (1991), über die "Wende" von der DDR zur BRD, wurde im Forum der Berlinale uraufgeführt; "Lissabon – Hafen der Hoffnung" (1994), über Portugal als Fluchtpunkt während der NS-Diktatur, erhielt mehrere Auszeichnungen auf kleineren Festivals. In "Grenzgänger" (1999), der ebenfalls im Forum der Berlinale Premiere feierte, erzählte Schnabel anhand dreier Biographien zwischen Ost und West von fünfzig Jahren europäischer Geschichte.
Mit "Bodyguard bei Raffael" (2000) drehte er einen Dokumentarfilm über Museumswächterinnen in München, Dresden und Köln, mit "Der große Lacher" (2006) eine dokumentarische Studie über die Cartoonisten Greser & Lenz. Daneben war Schnabel als Produzent und Kameramann an einigen teils preisgekrönten Filmen anderer Regisseur*innen beteiligt.
Für seinen letzten, zwischen 2011 und 2015 entstandenen Film "Home is not a Place" begleitete er die Künstler des Frankfurter Straßentheaters "antagon" während einer ereignisreichen Saison.
Das Besondere an Pavel Schnabels Filmen – so ein Programmtext anlässlich einer Werkschau 2026 im DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum Frankfurt – liege darin, dass er seine Themen "nicht abstrakt behandelt", sondern "über Porträts einzelner Menschen erschließt", die im Spannungsfeld größerer historischer Ereignisse stehen. Seine Arbeiten zeichneten sich durch "geduldige Beobachtung", ein "Gespür für aussagekräftige Details" und die Bereitschaft aus, "Widersprüche stehen zu lassen, statt sie aufzulösen".
Pavel Schnabel lebt in Frankfurt am Main.