Christian Wahnschaffe. 1. Weltbrand

Deutschland 1920 Spielfilm

Christian Wahnschaffe, Teil 1


Der Kinematograph, Nr. 722, 14.11.1920


Der literarische Film scheint nun doch auf dem Wege zu sein, sich Geltung zu verschaffen. Die Meinungen über seine Existenzmöglichkeit und seine Herstellung überhaupt, gehen vorläufig noch weit auseinander. Seine Gegner bestreiten mit Entschiedenheit die Möglichkeit, Geistiges im stummen Spiel zum Ausdruck zu bringen – ohne dem Nachdruck des gesprochenen Wortes mehr als oberflächliche Handlung zu geben. Die bisherige Filmproduktion schien ihnen recht zu geben. Die berühmtesten Romane und Theaterstücke wurden verfilmt, und doch blieb nichts übrig, als stets nur das nackte Gerüst, das jeder beliebige Filmdichter auch hätte erfinden können. Der Terra-Abend aber bewies, daß es ein Mehr gibt, daß Stil und geistiger Inhalt des geschriebenen Werkes sich auch auf den Film übertragen lassen. Natürlich mit Grenzen. Wie weit sich diese ausdehnen lassen, wird die Zukunft ergeben. Jedenfalls sind gute Ansätze vorhanden und auch die Literaten, die bisher die eifrigsten Gegner des Films waren, werden sich dieser Erkenntnis nicht verschließen können.

Solche Resultate sind natürlich nur mit ganz hervorragenden Mitarbeitern und Darstellern zu erreichen, wie es hier der Fall war. Urban Gad, von dem man lange nichts hörte, beweist von neuem, daß er ein Meister in der Regieführung ist, der für feinste seelische Momente empfänglich ist, und, was mehr ist, ihnen Ausdruck zu geben weiß. Daneben versteht er sich ausgezeichnet auf die Inszenierung von Massenszenen. Die Revolutionsszenen vor dem Palais des Großfürsten, die man durch ein Fenster erblickt, die durch Kavallerie auseinandergesprengte Masse, das Feuergefecht, der Brand sind von eindringlicher, packender Wirkung. Wundervoll ergreifend sind die Bilder aus dem Proletarier-Milieu. Hier wird er wirksam unterstürzt durch das äußerst realistische Spiel von Frau Frida Richard, die die vergrämte, von Sorgen zerrissene, mit zerlumpten, erbärmlichen Kindern umgebene Arbeiterfrau schlicht und herzzerreißend spielt, in diesen Proletarierszenen gibt Urban Gad, gaben seine Darsteller ihr Bestes. Eine auserlesene Schar anerkannter Berliner Künstler stand ihm zur Verfügung, und jeder ging in seiner Rolle vollkommen auf. Conradt Veidt ist Christian Wahnschaffe, der stille Träumer und Aesthet, dem Iwan Becker, der russische Nihilist (von Fritz Kortner in vorzüglicher Maske gespielt, trotzig und doch gutmutig), die Augen öffnet über das Elend der arbeitenden Klasse. Theodor Loos gibt den Idealisten Amadeus Voß, eine Art Edelanarchisten, Franz Sutton den Arbeiter Kroll. (...)

Der Film soll nicht, wie üblich, Illustration zum Roman sein, sondern dem geistigen Inhalt des Romans Form geben. Das ist ihm im großen und ganzen gelungen, und die Literaten werden zufrieden sein. Ob der Film aber einen Publikumserfolg haben wird, ist eine andere Frage. Zwar sind auch dem Geschmack der größeren Menge einige Konzessionen gemacht, Prunkszenen, wie der Empfang am Hofe des Großfürsten, schöne landschaftliche Bilder, Cabaret- und Tanzbilder eingeflochten, aber es fehlt der grobe äußere Zusammenhang, die straff durchgehende Handlung, der Zuschauer muß zuviel denken. Und dazu muß er erst allmählich erzogen werden.